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Sagmeister: Another Book about Promotion …

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Schon in seinem ersten Buch – dem phantastischen «Made You Look» – bezeichnete sich Stefan Sagmeister weniger als «Designer» und in den Credits meist als «Art Director», der konkrete Design-Credit ging eher an Mitarbeiter oder Praktikanten. Was man in den begrifflichen Unklarheiten unserer Branche und den sehr klar designorientierten Arbeiten in diesem Buch noch unterschätzen konnte, ist in den letzten Jahren sehr greifbar geworden – Sagmeister hat heute längst den Bereich alltäglichen pragmatischen Designs verlassen und ist ein «künstlerischer Leiter». Auch wenn er in aller Bescheidenheit sich selbst gern weiterhin als jemand sieht, der in Form von Auftragsarbeiten tätig ist und diese ganz einfach nur kreativ erfüllt, ist in vielen seiner offeneren Projekte greifbar, wie wenig diese noch mit dem Designalltag von 95% der Branche zu tun haben und wie sehr Stefan sich «freigeschwommen» hat, im Grunde nahezu künstlerisch arbeitet. Seine Typo-Interventionen, seine obsessiven Montagen, der Umstand, dass er stets selbst Thema seiner Arbeiten ist und in diesen immer wieder auch erscheint, die Art, wie er mit Partnern zusammenarbeitet, die Tatsache, dass es oft nicht mehr um die «Botschaft» des Auftraggebers geht, sondern um innere Fragen oder Überzeugungen von Sagmeister – die Grenze ist mehr als schwimmend. Sagmeister ist auch von seinem persönlichen Habitus und seinen Botschaften her eher jemand, dessen Haltung und Freiheit ich eher mit einem «Artist» verbinde als mit einem Designer oder Studioinhaber. Stefan gehört zu den 5% aus unserer Branche, die es geschafft haben, für das, was sie ohnehin tun in der Art in der sie es tun möchten, ausreichend gut bezahlt zu werden, sich die Kunden aussuchen zu können und mit relativ kleiner Infrastruktur durchaus sehr große Projekte zu stemmen – und ist in dieser Position sicher mehr als zu Recht Vorbild für eine neue Generation von Gestaltern, so wie vielleicht in den 90ern Carson es war. Inwieweit die anderen 95% eben talentiert oder glücklich oder konsequent genug sind, seinen Status zu erreichen, sei einmal dahin gestellt, aber das ändert wenig an der Tatsache, dass Stefan längst an dem Punk ist, wo «selling» für ihn kein Thema mehr ist – sei es ein Produkt oder sei es, im herkömmlichen Sinne, seine Arbeit. Insofern darf man den Titel seines neuen Buches zugleich als ironisch sehen als auch eine programmatische Note darin entdecken – denn hier handelt es sich nur um Auftragsarbeiten, in Abgrenzung zu «Things I have learned…» und fast scheint es, als brauche Stefan eine ironische Note, um sich diesen Arbeiten zu nähern.

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Und so lässt er sich sein neues Buch – das zugleich Katalog zu gerade geendeten Ausstellung in Lausanne ist – von Martin Woodtli als eine Art Bibel gestalten. Im Gegensatz zu dem nahbaren, humorig-warmen, fast Tagebuch-ähnlichen «Made you Look» wirkt «Another Book» sehr ernst, fast streng. Das guillochierte Cover, all in black, auf dem ein an Geoff Darrows hyperpräzisen Stil erinnerndes Baby als «Vitruv»-Allegorie Unschuld, Neugier und auch ein bisschen verwirrendes Alien-Flair ausstrahlt, wirkt alles andere als «promotional», ebenso wenig Woodtlis Nippel-Baby-Zeichnung auf dem Schmutztitel, aber zugleich sind Layout und Typographie fast neo-klassisch, deutlich angelehnt an Gesangsbüchern und Bibeln, todernst. Die Leichtigkeit und durchaus auch die Offenheit des ersten Buches – dem vielleicht einzigen Designbuch, das auch Arbeiten zeigt, mit denen der Absender eher unzufrieden ist und fast gnadenlos die oft uncharmante Zeit/Geld-Relation der meisten Jobs dokumentiert – ist Texten gewichen, die aus namhaften Mund den Designer/Künstler Sagmeister interpretieren und verorten, die Beschreibungen der Arbeiten wirken in der Tat wie aus einem Kunstkatalog entliehen, mit präzisen Angaben der Mitwirkenden und der Größen usw. Es ist, freilich, Stefans selbstironische Art, mit seinem gewandelten Status umzugehen, eine feine Distanzierung von dem Status als Stardesigner, dessen Arbeiten von einer Ausstellung zur nächsten fliegen und der selbst mit kommerzieller Arbeit ins Museum kommt. Es ist ein Augenzwinkern und anders kann man vielleicht gar nicht mit diesem enormen Ruf als «visonary, performer, architect and artist» und der damit einhergehenden Erwartungshaltung umzugehen. Sagmeister, ein Profi in der Selbst-Inszenierung, überlässt den Look eines Buches nicht dem Zufall, sondern sendet hiermit auch eine Botschaft, die in ihren unsympathischen Momenten und Brüchen sympathisch wirkt und dort irritiert, wo sie spürbar sympathisch sein will, wo Sagmeister spürbar auch als Popstar noch als nice guy rüberkommen will, etwa in den Reise-Momentaufnahmen, die die Bilder der Arbeiten begleiten. Stefan ist ein Meister diese Inszenierung von Nahbarkeit – auch, weil er wahrscheinlich wirklich ein nice guy ist -, die nur dann doppelbödig und verwirrend wird, wenn Studenten, die begeistert einen Vortrag von ihm sahen, diesen zum zweiten Mal erleben und feststellen, dass Sagmeister keineswegs frei redet, sondern perfekt vorbereitet, einstudiert arbeitet, in seinem individuellen Auftritt so wenig zufällig ist wie seine Arbeiten eben auch «meticulous» wirken.

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Was «Another Book…» also zeigt, ist dieser wunderbar schwebende Zustand eines Stars, der gar nicht mehr kommerziell arbeiten müsste, aber kommerziell arbeitet, vielleicht, weil er es eben doch muss. Die Arbeiten sind gebunden und haben eine Funktion und erfüllen diese meist makellos, und zugleich sind sie von einer Individuellen Stimme und Suche nach eigenen Antworten, die stets an der Schwelle zu einem eigenen künstlerischen Gestus stehen. Immer noch sind die Ergebnisse von Sagmeisters Freude am Spiel, am Experiment, am Baukasten, am Effekt geprägt, sie fordern zum Anfassen und Interagieren auf und sind durchgehend – wenn auch seine Arbeiten insgesamt weniger wirsch durch die Stilschubladen springen wie noch vor einigen Jahren – wunderbar ohne einen «House Style». Mal folgen sie einer simplen One-Idee-Philosophie, wie bei Zumtobel, mal bringen Sie Sagmeisters typographische Experimente in die Corporate-Welt, wie bei Adobe oder Standard Chartered, mal tastet er sich an den «alten» Sagmeister heran, mal ist er kaum wiederzuerkennen. Aber seltenst erzeugt seine Arbeit nur ein Schulterzucken – man mag es je nach Ansicht beschissen finden oder grandios, aber egal sind die Dinge, die aus Stefans Hand kommen, meist nicht. Mehr kann man als Gestalter wohl kaum wünschen.

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«Another Book…» ist insofern natürlich eine Fata Morgana, es zeigt uns den Traum des Designers, der völlig frei sein kann, dem die Kunden nachlaufen und der sich die Projekte aussucht, von dem wir (wider besseren Wissens) träumen dürfen, er müsse keine Kompromisse mehr machen. «Another Book…» ist mehr noch als «Made You Look» der Traum von Design, das eigentlich Rockmusik sein darf. Unter dieser Oberfläche der «coolen» Ergebnisse zeigt es aber einen smarten, intelligenten, hungrigen Geist, der sich selbst hinterfragt, der nichts als gegeben hinnimmt, der einen faustdicken Humor hat, der genießen kann und sich vor allem anscheinend nicht langweilen will. Es zeigt Design, das sich zu keinem Zeitpunkt in Fragen nach Schrift und Farbe, Mode und «Look» verirrt, nie darüber nachdenkt, was gerade angesagt ist, sondern immer vor allem eine Geschichte erzählen will. In Sagmeister schlummert ein Kind, das verliebt ist in Geheimcodes, Chemiebaukästen, Codes, Natur, Autos, Pop-Up-Bücher, Menschen, verborgene Botschaften, Puzzles und diese ganze Magie der Welt. Dieses Kind nicht verloren zu haben, nie so richtig erwachsen worden zu sein, so platt das klingen mag – das ist die eigentliche Leistung von Sagmeister… und darin, mehr als in seinen konkreten Arbeiten, können wir von ihm lernen. «Made you Look» ist aus diesem Grunde eines meiner absoluten Lieblingsbücher – eben nicht so sehr für das gezeigte Design, sondern für die Haltung dahinter – und bis heute vielleicht das einzige Designer-Buch, das mich dazu gebracht hat, dem Autor spontan zu schreiben… «Another Book» zeigt Sagmeister distanzierter, vorsichtiger, weniger verpeilt, professioneller… und ist aus diesem Grund ebenso sehr zu mögen: Es ist ein Buch, das gewollt oder ungewollt Sagmeisters Reise und Evolution während der letzten Dekade dokumentiert und aufzeigt, wie ein Star mit seinem Ruhm leben kann… indem er nicht vergisst, über sich selbst lachen zu können.

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20. Juni 2011 19:36 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

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