
Robyn ist das, was du «guilty pleasure» nennen darfst. Obwohl du zumindest befürchten darfst, dass Robyn vielleicht im Grunde eine Trittbrettfahrerin ist (immerhin hat sie in den 90ern eher glattgebügelten Pop produziert, andererseits war sie da fast noch ein Teen) und – wenn sich mit ihrem aktuellen Sound kein Erfolg einstellen würde – sofort irgend etwas anderes machen würde, vertraust du ihr und ihrem Konichiwa-Plattenlabel irgendwie trotzdem. Obwohl ihr Sound nicht gerade sonderlich neu oder provokat ist, bohren sich Track wie Cobrastyle mit ihrer stupiden 1-Pattern-Sequenzerlogik in deinen Kopf. Obwohl die Tracks auf «Robyn»nicht gerade homogen sind, und von einer seltsamen skandinavisch-kalten Fassung von GwenStefani/Missy-Elliot-Feeling (Konichiwa Bitches) über seltsam Prince-artige Tracks (Should have Known) bis zu chartskompatiblen Mainstream heruntergehen (With every Heartbeat), ist das vierte Album der Schwedin nach über fast vier Jahren (das Album erschien 2005 in Schweden) immer noch überraschend frischer Pop, der sich besser gehalten hat als so manches ambitioniertere Album. Das liegt vor allem an der Rotzigkeit, mit der Robyn die Platte produziert hat, die immer ein wenig roh und unfertig wirkt, eine seltsame Melange der Britney-Spears-Einflüsse der vorherigen Robyn-Alben, mit einem Schuss HipHop und etwas Electroclash. Die Melange, die natürlich hochkommerziell an vor zwei Jahren in den Clubs drehende Trends anknüpft, entpuppt sich nach mehrfachen Hören als Popalbum, das gerade genug Ecken und Kanten hat, um nicht seifig zu wirken. Die aggressiven pseudotaffen Text, die etwas mißlungene und gerade deshalb großartig parodistisch gelungene Art-Pop-Pose des Covers und des Gesamtstylings des Albums, die wirklich liebenswert-miserablen Raps, der unterkühlte Antisex der Stimme – das ist Pop, wie er sein muss. Ein wenig zu pompös, ein wenig zu zitatenlastig, ein wenig zu Mix-and-Match, aber auf eine seltsame Art eben doch perfekt in der Balance. Zu cool, zu posernd st die Scheibe und trotzdem so niedlich, dass du sie mit nach Hause nehmen und mit Hooklines aus der Dose füttern willst. Robyn entpuppt sich als seltsames Wunschkind von Robert Görl und Kylie Minogue, ihre vierte CD seltsamerweise als ein Hybid aus einer Art Debutalbum, dass sich anfühlt wie ein Best-of-Album, vielseitig, schillernd, oberflächlich, tief und vor allem ein Riesenspass – und viel mehr als die grinsende Fröhlichkeit und All-Night-Long-Attitude, mit der Robyn sich hier präsentiert, braucht es vielleicht auch nicht, um das Album zu lieben.
15. April 2009 08:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag Electronic, Pop. 4 Antworten.
Sehr schöne Kritik, am Besten gefällt mir „seltsames Wunschkind von Robert Görl und Kylie Minogue“ was den androgynen Charme der Dame trefflich beschreibt (von den visuals her – naja, wozu gibts Kritiken wie hier. Robyn, wie Batman und Robin, hmm? Und dann noch Skandinavien, da ist doch schon Alan Turing für guilty pleasures hingefahren ;-) – die Alan Turing Bio von Andrew Hodges ist übrigens absolut super – trotzdem bisschen schade, das man heutzutage mit diesen Screen-Images klarkommen muss, wo bleibt der Zerhöreffekt, den man beim physischen Produkt noch hatte, also zumindest bei LPs. Nun ja, Nostalgie …
PS: Danke übrigens für die zwei Interviews in der neuen Slanted – war leider zu langsam, das daselbst zum Ausdruck zu bringen, Sie warn da schon wieder weg …
Wo war ich weg? Ich war doch die letzten Monate nirgendwo draußen. :-D Die Interviews in der Slanted sind ein großer Spaß – vor allem das mit Jan Middendorp, das mit John Collins war etwas zu slick für meinen Geschmack – und ich freue mich über Julias Geduld mit mir. Schade ist gerade, dass Martin Woodtli nicht antwortet, das wäre großartig geworden – aber so werde ich wahrscheinlich die nächsten Tage mal Chester von Village löchern. Die Liste von Leuten, die ich gern ausfragen will, ist ja lang.
Das mit den Screen-Images hab ich ja vorher lang erklärt, der Umstieg von einem im Grunde digitalen Medium (CD) auf ein anderes (MP3/itunes) nach der der Erkenntnis, dass ich eh zu 98% keine CDs mehr einlege bzw nur noch die gerippten Songs höre, womit der eigentliche Träger irgendwie eben zu Ballast wird, der das Wohnzimmer zustopft. Ich bin aber auch jemand, der nirgendwo sichtbar Bücher rumstehen hat. Alte Bücher verschwinden im Keller oder bei meiner Mutter, ich mag dieses Rumstehen von Dingen nicht. Es ist vielleicht schön, wenn Kulturerzeugnisse immer ungreifbarer und fluider werden, das passt schon irgendwie. Man hat dann halt keine dicke CD-Sammlung mehr, um Geld auszustellen, und viele digitale Tracks hat ja Torrent sei Dank heute sowieso jeder Student.
Außerdem mag ich bei den einfachen Screenshots, so sehr ich die CD-Cover-auf-dem-Holzboden ja mochte, immer so schön zwei Platten links und rechts. Find ich ganz witzig, wenn die Alben dadurch eine Art Kontext bekommen, der sie oft kontert. Ich liebe es, bei anderen Leuten in den Platten zu wühlen und das hier ist ein kleines bisschen so, als würde ich in meinen eigenen wühlen: «Oh schau mal, da ist ja Thievery Corp – könnte man auch mal wieder hören :-D.»
Bei mir zuhause dienen die CDs auch eher dazu, „ausgeräumt“ zu werden, ähem. Das heisst, man kann von Glück sagen, wenn man sie in oder auf einem Möbel findet, und dazu heil. Überhaupt, Sachen … meine restlichen LPs stehen glücklicherweise in einem verschliessbaren Schrank. Da kommen wahrscheinlich doch nicht mehr soviele dazu, und eigentlich bin ich ja kein Sammler, aber falls mir noch mal die Hopper Tunity Box von Hugh Hopper (Bassist der Soft Machine) über den Weg laufen sollte, oder Our Swimmer von wire als 7 inch ;-) Das mit dem Übergang von einem digitalen Medium zum anderen stimmt natürlich, leuchtet mir ein. Selber hab ich mich noch nicht itunes mässig organisiert, staune immer nur bei meinem semiprofessionellen homerecording Kumpel Henrik über seinen Organisationsgrad auf diesem Level, bin da lange noch nicht soweit …
[...] Robyn etabliert sich mit den ersten beiden Teilen der Body-Talk-Trilogie als eine Art Euro-Version von Rhianna, Lady Gaga und seltsamerweise Missy Elliot – irgendwie kühler als die oversexed androids aus Übersee, blonder und trotzdem nahbarer, naiver und zugleich weniger Dummchen. Von den potentiellen Madonna-Epigonen wirkt sie zwar auch durchkalkuliert und substituierbar, aber irgendwie etwas kratzbürstiger und schräger – was vielleicht daran liegt, dass sie ihr ganz eigenes Gewächs ist und ihren eigenen Weg zur Karriere sucht. Der führt anscheinend einseits durch die Indie-Disco, in die es sie einst mit «Cobrastyle» verschlagen hat, andererseits aber durch gnadenlos süßliches radiokompatibles Popgedöhns, einen so furchtbar ironiefreien Mainstream, das man unwillkürlich mehrfach die Platte hört, um nachzuprüfen, ob grandios selbstzerfressende Songs wie «Don’t f***ing tell me what to do» und 80er-Schmonzetten à la «Dancing on my own» oder «Cry when you get older» wirklich auf der gleichen Platte sind. Ich muss zugeben, mich kickt Robyn mehr, wenn sie nicht versucht, zu singen – sondern ihren kruden, ungekonnten Rap abliefert, der zwar nicht ganz den ruppigen Looser-Charme von Uffie entfaltet, aber dennoch so wunderbar liebenswert unbeholfen reinkommt, dass man sofort höflich die Türaufhalten will. Die eher gesungenen Nummern wirken unfassbar kalkuliert – Bubblegumpop-Fahrstuhl-Synthiepopsongs, die windkanalgeföhnt aus den Boxen kommen und so synthetisch klingen, als habe George Orwell sie für die Wäschersfrauen genau so geplant. Und diese Musik zum Werbeclip ist anders als auf dem ersten Album in der Überzahl, vor allem beim pt.1 der Trilogie. Der erste Teil hinterlässt einen unfassbar seichten, ungreifbaren Nachgeschmack, ist eine öde Fata Morgana in einer nicht weniger spannenden Wüste. [...]