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Robyn: Body Talk I & II

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Robin Carlsson ist international erst seit etwa fünf Jahren richtig bekannt, in ihrer Heimat kann sie aber auf runde fünfzehn Jahre Pop-Erfahrung zurückblicken, nicht schlecht für jemand, der gerade 30 ist. Es ist also nicht unbedingt so vermessen, in diesem Jahr insgesamt drei (kleinere) Alben herausbringen zu wollen, wie es auf den ersten Blick wirkt. Es scheint eine zeitgemäßere Art, irgendeine Form zwischen Single/EP und Longplayer zu finden und eine Art Vorstufe zum kontinuierlichen Output jenseits von «Alben» online anzukündigen, bei der Künstler sich aus der klassischen Vermarktungsstrategie der Labels befreien und so publizieren, wie es zu ihrem persönlichen Workflow passt. Soweit so gut, nur wissen wir spätestens seit Prince, dass der befreite Künstler nicht unbedingt bessere Ergebnisse bringt als der von den Labels so arg geknechtete – es ist ja keineswegs so, dass Herr Nelson heute bestechendere Musik macht als zu Warner-Zeiten.

Robyn etabliert sich mit den ersten beiden Teilen der Body-Talk-Trilogie als eine Art Euro-Version von Rhianna, Lady Gaga und seltsamerweise Missy Elliot – irgendwie kühler als die oversexed androids aus Übersee, blonder und trotzdem nahbarer, naiver und zugleich weniger Dummchen. Von den potentiellen Madonna-Epigonen wirkt sie zwar auch durchkalkuliert und substituierbar, aber irgendwie etwas kratzbürstiger und schräger – was vielleicht daran liegt, dass sie ihr ganz eigenes Gewächs ist und ihren eigenen Weg zur Karriere sucht. Der führt anscheinend einseits durch die Indie-Disco, in die es sie einst mit «Cobrastyle» verschlagen hat, andererseits aber durch gnadenlos süßliches radiokompatibles Popgedöhns, einen so furchtbar ironiefreien Mainstream, das man unwillkürlich mehrfach die Platte hört, um nachzuprüfen, ob grandios selbstzerfressende Songs wie «Don’t f***ing tell me what to do» und 80er-Schmonzetten à la «Dancing on my own» oder «Cry when you get older» wirklich auf der gleichen Platte sind. Ich muss zugeben, mich kickt Robyn mehr, wenn sie nicht versucht, zu singen – sondern ihren kruden, ungekonnten Rap abliefert, der zwar nicht ganz den ruppigen Looser-Charme von Uffie entfaltet, aber dennoch so wunderbar liebenswert unbeholfen reinkommt, dass man sofort höflich die Türaufhalten will. Die eher gesungenen Nummern wirken unfassbar kalkuliert – Bubblegumpop-Fahrstuhl-Synthiepopsongs, die windkanalgeföhnt aus den Boxen kommen und so synthetisch klingen, als habe George Orwell sie für die Wäschersfrauen genau so geplant. Und diese Musik zum Werbeclip ist anders als auf dem ersten Album in der Überzahl, vor allem beim pt.1 der Trilogie. Der erste Teil hinterlässt einen unfassbar seichten, ungreifbaren Nachgeschmack, ist eine öde Fata Morgana in einer nicht weniger spannenden Wüste.

pt. 2 wartet mit den etwas spannenderen Songs auf – «Include Me Out», «Criminal Intent» und «We dance to the Beat» und auch die Kooperationen «U should know better» und das glatte Dancefloor-Baby «Bad Gal» sorgen wenigstens für etwas Abwechslung und Bandbreite, sind nicht so gnadenlos für Airplay geschmiergelt und passen besser zu dem «tough fembot»-Image, dass Robyn sich verpasst hat. Der zweite Teil wirkt erwachsener, etwas wuchtiger, immer noch leichtgewichtig, aber weniger ultrascheinheilignaiv. Lediglich «In My Eyes» sollten Diabetiker weiträumig umfahren – mehr Saccharin kann man kaum in einen Song packen.

Die Balance zwischen dem wide-eyed-everybody’s-darling-Popqueen-Ding und dem etwas bitchigeren Ansatz macht den Reiz von Robyn aus, das Flirren zwischen Hausmütterchen-Retortenpop und Electroindie. Während «Body Talk pt. 2» zwar auch nicht die Qualität von «Robyn» erreicht, ist «pt. 1» wirklich beängstigend. Der erste Teil ist nicht mal nur kommerziell oder glatt, im Sinne von eben Rhianna oder Katy Perry und Konsorten, er ist dabei auch noch schlecht gemacht, öde und oberflächlich produziert. Es ist fast traurig, zu erleben, wie eine Künstlerin, die sich eigentlich so freigeschwommen haben müsste, so zurück in den Schaum sinkt und darin unterzugehen droht. Bleibt zu hoffen, dass Robyn mit dem dritten Teil der Trilogie die Nacht wiederentdeckt und wieder böse sein mag. Denn seien wir ehrlich, diese konturenlose, die schlimmsten Klischees der späten 80er und frühen 90er aufkochende Muzak, die ja bestenfalls vermeintlich die Ironie und flirrende Selbstreferentialität der Pet Shop Boys oder New Orders hinbekommt, ohne je deren Innovationskraft zu besitzen, muss doch mal langsam auch wieder verschwinden dürfen … oder zu etwas besserem führen.

15. November 2010 20:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

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