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Robert J. Sawyer: Flashforward

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Das 1999 geschriebene Buch Flashforward des Kanadischen SF-Schriftstellers Robert J. Sawyer ist die Basis der ursprünglich von David Goyer und Marc Guggenheim erdachten gleichnamigen TV-Serie – und es ist überraschend, wie wenig Buch und Serie gemeinsam haben. Selbst das grundlegende Konzept, nach dem alle Bewohner der Erde in einer Art globalen Blackout eine kurze Vision der Zukunft erblicken, ist grundlegend anders. Während der Ausblick in die Zukunft bei Sawyer 21 Jahre überspannt, ist es in der ABC-Serie nur ein Zeitraum von sechs Monaten, was der Serie die Chance gibt, sich tatsächlich in «Echtzeit» an diesen Zeitpunkt heranzuarbeiten.

Sawyers Buch ist auch ansonsten bis auf einige wenige Namen kaum als der Fernsehserie zugehören zu erkennen. Wo die TV-Show den unter anderem von Lost mitbegründeten Trend zur großen Besetzung folgend Agenten, Ärzte, Wissenschaftler und zig andere Protagonisten auffährt, fokussiert sich Sawyer auf Lloyd Simcoe, seine Verlobte Michiko Komura und seinen Partner Theo Procopides, die praktischerweise alle drei am CERN an einem Teilchenbeschleunigerexperiment arbeiten. Das Experiment geht scheinbar schief und langsam entfaltet Sawyer seine Vision einer Welt, in der jeder seine vermeintliche Zukunft zu kennen glaubt, in der Beziehungen ruiniert werden, weil man schon weiß, dass man in 21 Jahren nicht mehr zusammen sein wird, in der Theo versucht, einen Mordfall zu lösen, bevor er eigentlich passiert, um sein eigenes Leben zu retten. Und ähnlich wie bei Crichton wirkt es stets etwas unbeholfen, wenn in den eigentlichen Plot ausgedehnte semi-theoretische Passagen eingedübelt sind, in denen die Protagonisten nur noch scheinbar einen Dialog miteinander haben, in Wirklichkeit aber wissenschaftliche Theorien, wie etwa Frank Tiplers Omega-Punkt-Theorie, von verschiedenen Seiten beleuchten, als reine Sockenpuppen dienen. Religiöse Aspekte und der bei dieser Thematik unvermeidliche Diskurs über Quantentheorien nehmen einen weiten – und durchaus spannenden – Bereich des Buches ein, während die CERN-Wissenschaftler versuchen, hinter das Geheimnis des Flashforwards zu kommen.

Science Fiction ist ein schwieriges Gebiet, vor allem, wenn sie nicht sozial, sondern wissenschaftlich daherkommt, nicht wie etwa bei Phillip K. Dick die Zukunft und ihre Technik nur als Background nutzt, sondern mehr in den Schuhen von Jules Verne wirklich versucht, Prognosen zu treffen. Wenn schon im ersten Teil des Buches, 2009 angesiedelt, also zehn Jahre in der relativen Zukunft des Autors und ein Jahr in unserer realen Vergangenheit, eine Mitarbeiterin am CERN ihren «dreidimensionalen» Desktop von Windows 2010 aufruft, dann merkt man recht früh, wie unsicher solche Vorhersagen sind. Umso schwieriger, dass Sawyer sich im zweiten Teil des Buches ins Jahr 2030 begibt, um zu sehen, was aus der 2009er Prophezeiung denn wirklich geworden ist. Und spätestens hier verliert das Buch an Kraft und verliert sich in einem etwas schwurbeligen Terroranschlag-Plot, der entsetzlich angepappt wirkt und dem an sich vielversprechenden Murder-Mystery-Plot um Theos Ermordung sämtliche Energie nimmt. Die Diskussion um freien Willen und die Frage, ob die Zukunft unveränderbar ist, löst sich zudem in eine allzu phantastische Erklärung rund um eine Gruppe von Menschen auf, die unsterblich werden will. Nach einem ausgezeichneten Start endet das Buch so an einem Punkt, der im Leser eher Achselzucken als Begeisterung auslöst.

Alles in allem muss man fast erschreckenderweise zugestehen, dass die Serie es besser macht, indem sie zum einen weitestgehend auf Zukunftsprognosen verzichtet, die Handlung in der Gegenwart ansiedelt, den Zeitraum drastisch verkürzt (was alle schrägen Prophezeiungen von fliegenden Autos unnötig macht) und zugleich der Handlung eine breitere Basis gibt und sie auf deutlich mehr Protagonisten verteilt – denn das spannende an Sawyers Idee ist die Frage, was ein solcher Blick in die Zukunft – egal ob 21 Jahre oder sechs Monate – mit den Menschen anstellt. Während diese Frage bei Sawyer fast versackt und nur drei oder vier Personen umfasst, weitet die Serie die Perspektive und gibt so der Grundidee mehr Resonanzmöglichkeiten. Obwohl die ABC-Serie insofern etwas platt ist, als dass sie versucht, nahezu alle anderen Serien einzuvernehmen, indem sie Ärzte, Agenten, Wissenschaftler und nahezu jede andere TV-taugliche Gruppe vereint, ist diese Bandbreite durchaus auch eine Stärke. Die Fragestellung, wie die Menschen ihr Leben um diese Zukunftsversion arrangieren, wie sie mit dem Vorgeschmack umgehen, ob sie dagegen ankämpfen oder eine self-fulfilling prophecy anstreben… dies ist die zentral spannende Thematik – und bei Sawyer geht sie recht schnell verloren in einem eher wirschen Krimi-Plot, der mit auf Laienniveau geschriebener Quantentheorie gespickt ist.

Interessanterweise ist 42 von Thomas Lehr ja auch ein Buch, das sich streckenweise recht ähnlich anfühlt – CERN-Experiment, Fehlschlag, Zeitstörungen – und Lehr zeigt, wieviel mehr Kraft in diesem Stoff stecken kann, wenn man nicht auf der Ebene einer reinen «harten» Science Fiction stecken bleibt, sondern sich den Menschen zuwendet und ihrer Reaktion auf die Veränderung in ihrem Leben. Bei Sawyer ist es leider umgekehrt: Die Menschen dienen nur als Staffage für semi-metaphysische Ruminationen, im Mittelpunkt steht die Wissenschaft. Bei Lehr bietet die Wissenschaft nur den Deus Ex Machina, der die Handlung (oder in Lehrs Falle die Nicht-Handlung) lostritt, vor deren Folie die menschliche Komödie stattfinden darf. Und so zeigt sich Sawyers Buch als seltsamer Hybrid, der weder die reine Action-Orientierung einer einfachen Fernsehserie erreicht noch die Tiefe und Schärfe von Lehrs spürbar literarischerem Werk. Freilich, Flashforward ist nur ein Massmarket-Paperback, die Sorte Wegwerfbuch, die als erstes sterben wird, wenn wir alle nur noch vor unseren iPads sitzen werden – und als Bahnhofs-Mitnehm-Roman ist es sicherlich fesselnd genug, um sein Geld wert zu sein, insbesondere in der ersten Hälfte des Buches. Es ist insofern fast ironisch, wenn ein Science-Fiction-Buch schlechter wird, je weiter es in die Zukunft blickt – und die Mutlosigkeit, mit der Sawyer dies tut, sagt vielleicht mehr über die Gegenwart aus, als uns lieb sein darf.

27. März 2010 10:50 Uhr. Kategorie Buch. Tag , .
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