Über den Kurztrip nach HH kann ich an sich nicht viel schreiben, alles HushHush, außer vielleicht, daß es so ein derartiger Energiekick ist, Leute zu treffen, deren Kopf brennt, die schnell und hart und klar sind, die große Ziele haben und die Kraft, sie zu erreichen. Als Designer suchst du solche Entrepreneure, und wenn sie dich lassen, gehst du für sie in die höchsten Höhen. Sehr inspirierend und schön.
Viel interessanter an sich ist, daß ich in letzter Zeit fast alle Reisen übermüdet und in Eile mache, nahezu improvisiert. Diese seltsame Mischung aus Hektik, akutem Schlafmangel und der inhärenten Surrealität von modernen Reisen an sich, ist phantastisch. Nicht nur, daß ich in diesem Zwitterzustand anfange, wie ein Bessener zu schreiben und Ideen entwickele, sondern vor allem auch, daß man unwirkliche Details wahrnimmt, als wäre man in einem Trancezustand. Alles wirkt unwirklich, inszeniert, zweidimensional und doch tiefer, als steckt hinter allem eine Art paranoider zweiter Wahrheit. So muß Phil Dick sich sein halbes Leben lang gefühlt haben. Die Gespräche der Menschen, die Gesichter, die unfreiwillig komische Bauweise von Zugwaggons, die billig und sicher und praktisch sein müssen, aber so tun ollen, als wären Sie kleine rollende Hotels oder Restaurants, die mit Plastikverschalungen einen billigen prostituiteren Charme herbeizaubern wollen und das Gegenteil erreichen, nur eine Sehnsucht nach Holz und Metall wecken, Nostalgie nach echten alten Zügen mit harten Bänken wecken. Die Textfehler in Displays, so daß aus WCs NCs werden. Die Gesichter von Wartenden in der Schlange, die Unruhe. Wieder Windräder. Kühe. Die langweilige, monotone Landschaft jenseits der Großstädte. Wie lebt man auf dem flachen Land so, wie denkt man? Es muß ganz anders sein als in den Großstädten, hier zu leben. Unwirklich. Wie Marskolonien. Hamburgs epochal greifbarer Wunsch, das Wien des Nordens zu sein. Man muß diese Stadt aus ganzem Herzen lieben und sie zugleich etwas für ihre manchmal hohlen snobistischen, mitunter auch substanzlosen, Gesten mißbilligen. Die Löcher in der Decke im Klo eines Cafés. ein Abschleppdienstwagen, der einen Opel Corsa abschleppt. Auf der Seite des Abschleppfahrzeugs steht: Pick-Up Service. Das Meeting, wie Dextroenergen. Das es After Eight gibt. Das ich zwei Tage an einer Präsentation arbeite, die ich dann nichtzeigen muß, weil es einfach egal ist und gut so. Das an sich, diese eine Sache, ist die ganze Fahrt wert. Ich mag nie alte Arbeiten zeigen, ich mag meine alten Sachen immer nicht. Es geht um das nächste Abenteuer. Das man am Ende (leider nur fast) aus einem Fenster klettert, weil man uns eingeschlossen hatte. Was so surral ist, daß es mir schwerfällt nicht die ganze Zeit zu grinsen wie ein Schuljunge beim Ausflug. Auf der Rückfahrt unterhalten sich zwei Psychologen über Freudsche Analyse, einer davon mit einem netten holländischen Akzent, der dann später die NY Times liest. Im Bordbistro sitzen zwei geistig Behinderte und unterhalten sich, vor mir ein Manager oder Anwalt mit manikürten Fingern. Ein dickes Mädchen neben mir liest ein englisches Horrorbuch und SMSt alle zwei Minuten. Überhaupt: Klingeltöne. Überhaupt: MP3-Headphonemusik. Der seltsame Versuch der Bahn, modern zu sein und wie er zerschellt. Dann die Ankunft, wieder in Essen, dieser schreckliche schreckliche Bahnhof, Ruhrgebiet in a nutshell, der dich an einem Seitenausgang entlässt, der Bahnhof WARNT förmlich vor der Stadt und bringt dich gleich in die düstersten Ecken. Du liebst das verkommene, zerschossenen Interieur des Bahnhofs. Das ist so Bronx, alles. Wir haben in Essen nur zwei Chancen:Verfall oder Futurismus. Entweder wir lassen die Stadt untergehen und verrotten, was ihr einen ganz eigenen Bohéme-Charme gäbe, vielleichtvielleicht, oder wir reißen einfach alles ab, ganz herzlos, und bauen mit Masterplan die wildesten, kranksten Entwürfe, die man sich denken kann. Lassen hier Architekten ihre Fieberträume zu Glas und Stahl und Plastik mutieren, die sie nirgends sonst bauen könnten. Die größte Stadt Deutschlands, die höchsten Häuser, die skulpturalsten und mutigsten Entwürfe. Ach, it will never happen. Aber dazwischen gibts nichts mehr, die Stadt geht sonst unter. Hoffen wir also auf Solve et Coagula. Müde und hungrig im Taxi, die Augen zu, auf WDR 2 um 22:58 unerwartet gute Musik, die sich dann erschreckenderweise als Joey Delaney herausstellt, als der Gesang deutsch wird, abertrotzdem gut bleibt. Dann, 23:00, Nachrichten und die Erkenntnis, daß es unterwegs in diesem insulären Reisemodus irgendwie völlig an dir vorbeizieht, wenn in London mal eben kurz 70 Leute sterben, weil du off the grid bist, kein Handy, kein Radio, kein Web. Die Nachrichten haben somit kurz eine Orson-Welles-Surrealität, ein Hörspiel, keine News, und du bist wieder wach.
8. Juli 2005 09:09 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.