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RECOIL: SUBHUMAN

Recoil

Alan Wilder ist und bleibt für mich das beste, was es in Sachen Depeche Mode je gab. Als er nach Vince Clarkes Weggang von Depeche (und nach dem zweiten Album, das die Band als Trio produzierte) zu Depeche stieß, entfaltete die Band – vielleicht nicht direkt wegen Alan – ein Interesse an Samplingkultur, an anderen Klängen (in Richtung einer poppigeen Neubauten-Version), an kluger Produktion (Gareth Jones!), die zu grandiosen Singles, einem stellaren Album und einer kurzen, aber kraftvollen Blütezeit der Band führte. Als er 1995 frustriert ging hatte der Prozess der Entwicklung von innovativer Band zum Mega-Stadionfüller längst eingesetzt, der Depeche heute zur Selbstpersiflage macht. Nach seinem Weggang ohne den Studiotüftler Wilder, der selbst innerhalb des Popgenres von Depeche eindeutige Highlights setzen konnte, fest in der Hand der Diven Gore und Gahan, ist die Band heute nur noch ein Stadionfüller, eine Geldmaschine, musikalisch aber unwichtig geworden.

Wilder hingegen hat mit seinem Projekt Recoil - das bereits während Depeche Mode ein Ventil für seine eigenen Ideen war – eine unkommerzielle, entsprechend relativ unerfolgreiche, aber musikalisch extrem spannende Richtung weiterverfolgt, die ihren Zenith in dem unglaublichen Monsteralbum «Liquid» hatte, das als Konzeptalbum ein vielseitiges und lebendiges Meisterwerk darstellte und dem – vielleicht weil Wilder spürte, hier in Sachen grafischen und musikalischen Designs einen Apex erreicht zu haben – lange Zeit nichts folgte.

2007 kommt nun sieben Jahre nach Liquid mit SubHuman ein neues Recoil-Album, das nahtlos an Liquid anknüpft. Bereits auf dem Vorgänger hatte Wilder mit dem Track Jezebel ein Interesse an fast gospelartig anmutendem Blues-Gesang entwickelt, der in Prey ein klares Echo findet, dem acht Minuten langen Openertrack des Albums. Der Bluessänger Joe Richardson, der als Sänger und Gitarrist ordentlich bei der Produktion des Albums mitmischte, Der zweite Track, Alllujah, spiegelt eine zweite Facette des Vorgängeralbums wieder und präsentiert den weichen, fast amorphen Frauengesang von Carla Trevaskis, der auf die epischen, multistrukturellen Beats und satten Streicher der Komposition aufsetzt. Carlas Stimme erinnert frappant an Elisabeth Fraser (Cocteau Twins, This Mortal Coil) und bildet einen soliden Kontrapunkt zu Richardsons erdiger Bluesstimme, die das Album in zwei sehr definitive Stimmungen unterteilt, eine sehr greifbare, reale Stimmung, eine fast traumhaft.  Die dichte kompositorische Arbeit Wilders wird durch Live-Musiker ergänzt (Drums, Bass, Gitarre – gespielt von Joe Richardson, Streicher – gespielt von Alans Lebensgefährtin Hepzibah Sessa) teilweise hat Wilder auch umgekehrt gearbeitet und Richardsons Gitarre/Gesang-Tracks erst nachträglich durch Samples restrukturiert. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist im Endeffekt ein sehr typischer Recoil-Sound, der aber schwüler, verschwitzter klingt, die kühle britische Klangarbeit ergänzt durch texanische Blues-Erdigkeit. Die melodischen Vocals und das sehr akustische Flair ergänzen sich zu einer Art Cinemascope-Blues, einem völlig einzigartigen Sound, den bisher auch niemand Wilder nachgemacht hat (zumal er sich nicht gerade für die Charts eignet). Auf seine ganz eigene Art hat Alan Wilder (gemeinsam mit Soundingenieur Paul Kendall)  hier den Breitwand-Flair von Triphop à la Massive Attack umgelenkt, neu erfunden und in seine bisher unbekannte Bahnen gebracht. ElectroBlues ist der vielleicht treffendste Begriff für den flirrenden Wüstensoundtrack, die tief spirituelle Musik, die hier entsteht.

Das SubHuman in vieler Hinsicht – abgesehen vom Artwork – eine Fortsetzung der panoramischen Entwicklung auf «Liquid» ist (die wiederum Unsound Methods fortschrieb), ist nach so langer Zeit seltsam, vielleicht etwas enttäuschend, man hätte vielleicht eine grundsätzlichere Weiterentwicklung erwartet. Alan Wilder ist einer der langsamsten Musiker, die man sich denken kann – die kürzeste Zeit zwischen zwei Alben waren bisher «nur» drei Jahre -, aber die Detailversessenheit ist jeder Sekunde des Albums anzuhören und ich warte lieber sieben Jahre auf ein manisches Puzzle-Meisterwerk als jedes Jahr eine bedeutungslose Massenware vorgesetzt zu bekommen. SubHuman hört man an, dass es ein schwer erkämpftes Opus ist, die Anstrengung überträgt sich beim Hören, der Perfektionismus, der die langen, ruhig treibenden Stücke langsam und bedächtig in immer neue hymnische Höhen peitscht, sonische Bausteine aufeinandersetzt bis der Babelsche Turm schwankend steht, und sei es nur für neun Minuten. SubHuman baut das Oevre von Wilder konsequent weiter aus und setzt einen neuen Standard. Bleibt zu hoffen, dass Wilder sich nich wieder für fünf Jahre aus seinem Studio verschiedet und vielleicht etwas eher ein Nachfolger ins Haus steht.

31. August 2007 13:40 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.

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