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RADIOHEAD: IN RAINBOWS

Ab heute ist das neue Radioheadalbum für 40 Pfund als Deluxeset mit CD und Vinyl oder als Download – bei dem man den Preis selbst bestimmen darf – verfügbar. Frisch von ihrem Majordeal gelöst erweisen sich die Jungs um Thom Yorke als mediale Alternative-Vorreiter ebenso wie als gewiefte PR-Profis, die es sich leisten können, so einen Hype-Sturm auszulösen. Es ist klar, dass Radiohead einen neuen Plattendeal abschließen werden, aber ein besseres Statement zur Musik im digitalen Zeitalter ist kaum denkbar. Bowie, Prince, Madonna und die Neubauten haben es vorgemacht… Musik braucht keine Musikindustrie mehr, zumindest nicht, solange die Industrie sich nicht grundlegend ändert und vom Verhinderer wieder zum Wegbereiter wird, zum kreativen Partner.

Das Album ist wohltuend normal, fast eine Rückkehr zu Zeiten vor Amnesiac oder Kid-A. Zwar gibt es immer noch elektronische Elemente, wie etwa die DnB-artigen Drums im Opener 15 Steps. Aber bereits hier ist deutlich in einem sehr klaren Soundgerüst die Band präsent, die Gitarre tragend, die Samples nicht mehr zentral, der Beat weniger düster und schleppend – ganz im Gegenteil, die Nummer geht nach vorne wie lange kein Radiohead-Song mehr. Wer also eine Fortsetzung von Eraser erwartet, wird enttäuscht. Überraschend druckvoll und songorientiert zeigen sich Radiohead, tanzbar, aggressiv, fast poppig, perfide optimistisch. Auch Bodysnatchers ist fast ein Rückgriff aus My-Iron-Lung oder auch Pablo-Honey-Zeiten. Nude erinnert an die ruhigeren Tracks von Ok Computer. Und so sehr ich die dekonstruktiven, paranoiden Radiohead mochte, die wir auf den letzten drei Tracks präsentiert bekamen, so sehr war Hail to the Thief auch eine klare Sackgasse, ein Abschied in düster verhallte Selbstbespiegelung. Großartig, aber leider auch Stillstand. Insofern, paradoxerweise, wird der Rückschritt immerhin wieder zur Bewegung. Es ist schade, dass Radiohead nicht nach vorne gehen, aber immerhin gehen sie wieder. Vielleicht ist es die Befreiung von Labelzwängen oder der Versuch, sich im Musikbusiness einen eigenen Weg zu bahnen. Egal, was der Anlass ist, die Platte ist hochgradig gelungen, verbindet die elektronischen Beeps und Blips der letzten Alben mit den sehr viel straighteren Gitarren der Alben vor OK. Und so wie OK das bisher stärkste Album der Band war, eine Übergangsplatte wie das White Album der Beatles, eine Sollbruchstelle im Oevre der Band, so ist auch In Rainbows auf wunderbare Art und Weise zwischen den Stühlen, marginal, sprunghaft und dennoch absolut bündig und souverän. Ruhiger, optimistischer und doch ganz Radiohead zeigt das siebte Studioalbum eine gereifte Band, die ihre Krisen scheinbar durchstanden hat und die mit den Produzenten Mark Stent und Radiohead-Oldtimer Nigel Godrich einen weniger verkopften Sound präsentiert. Vieles klingt fast nach Homerecording-Aufnahme, schnell und ehrlich produziert, wenn es nur nicht so verdammt perfekt wäre. Oft durch Streicher ergänzt, wirkt die Klangkulisse des Albums mal bombastisch, mal sogar etwas lo-fi, insgesamt zeitlos, losgelöst von jedweden Trends. Radiohead sind in einer ganz eigenen Klasse, in ihrem ganz eigenen Klangraum. Kein einziger Track der 10 Songs (in der Deluxe-Version sind 8 weitere Songs enthalten) enttäuscht oder langweilt. Sie erinnern an alte Radiohead, sure, aber auf angenehme, coole Art und Weise, meilenweit entfernt von dem klaustrophobischen Vakuum das Hail to the Thief stellenweise wurde. Während andere Künstler, wie etwa Prince, nach der Trennung vom Label in ein tiefes Loch fielen, finden Radiohead zu großer Form und beweisen sich auch im Selbstzitat als nach wie vor eine der progressivesten wirklich grossen Mainstreambands.

10. Oktober 2007 17:14 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.

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