
Es ist sicher ein großer Fehler, nahezu sofort nach diesem Film noch einmal Ridley Scotts Original von 1979 zu sehen (beziehungsweise den Director’s Cut von 2003, der ja nach wie vor durch die Kinos wandert). Denn das Original ist nicht nur ein Film mit diesem aus heutiger Sicht fast hypnotisch langsamen Schnitttakt der Siebziger, langen Kamerafahrten über aus heutiger Sicht unverschämt billigen Modellbau, sondern vor allem auch ein Film, der sich kaum mehr von seinem selbsternanntem »Prequel« unterscheiden könnte. Der ursprüngliche »Alien« ist ganz offenbar und ohne Scham ein B-Movie im Sinne von Corman, Arnold oder Carpenter, eine billige, schnelle Nummer, mit kleinste Budget und viel Mut zur Lücke gedreht. Wie fast zeitgleich eben auch John Carpenter zeigt Scott hier eine aus heutiger Sicht ungewöhnliche Fähigkeit, Fragen offen zu lassen, die entscheidend zur Wirkung des Films, zum Gefühl der Bedrohung beiträgt. Alien ist ein ganz kleiner Film, der über sich hinauswächst. Da stört es keine Sekunde, dass es in diesem SF-Western-Truckerfilm natürlich auch zahlreiche Ungereimtheiten gibt, billigste Effekte und Schockmomente und phantastische Anachronismen. Es ist ein mit Liebe gemachter Trash-SF-Film, wie wir sie nicht ohne Grund in unsere Herzen schließen – und es ist zugleich ein psychologisch dicht strukturierter Horrorfilm, der die Slasher-Mentalität des Siebziger-Horrors um eine wunderbare neue Facette erweitern konnte. Wenn man einen Film fünfmal gesehen hat und an einigen Stellen immer noch erschrickt, dann hat die Regie sicher etwas richtig gemacht. Perfekte Soundscapes, herausragende Darsteller, wunderbar ambivalente Figuren und eine kühle Sparsamkeit, die ihresgleichen sucht. Der Höhepunkt des Films ein Beispiel an Zurückhaltung, das den Horror aus der Stille und der Langsamkeit zieht, wenn sich Ripley an Bord der Fluchtkapsel quälend langsam und leise atmend in den Raumanzug zu quetschen versucht – meisterhaft. Bei aller Billigkeit, die Suspension of Disbelief fällt einem auch dreißig Jahre später kinderleicht.
Wie anders dagegen »Prometheus«. Ein enorm teurer Film, geschrieben von einem der durch »Lost« sicher bekanntesten Drehbuchautoren, die man für Geld kaufen kann, Regie in der Hand eines zum Altmeister gereiften Mannes, nicht des Newcomers. Und entsprechend enorm ambitioniert. Nicht nur seitens der Filmverleiher und Produzenten, die sich eine Wiederbelebung der – völlig zu Recht – scheintoten Alien-Franchise erhoffen (die Fox und Walter Hill mühsam selbst in den Suizid getrieben hat), sondern auch des Regisseurs, der hier gleich die ganz ganz großen Fragen angeht und Grundsätzlich wird. Nichts anderes als die Verbindung von Griechischer Tragödie mit Menschheitsentstehung darf es hier sein, einen Bogen schlagend, den seit Kubrick keiner mehr so beherzt angefasst hat, von der Urgeschichte bis zur Neuzeit. Da trinkt zu Beginn eine Art Avatar-Übermensch eine Art Schierlingsbecher, löst sich in seine Bestandteile auf, seine DNA aber, die durchs Wasser des jungen Planeten wirbelt, wird zur Ursubstanz menschlichen Lebens – so deutet es der Film zumindest an.
Wirklich klar, wie so vieles, wird es aber nicht. Erich von Däniken winkt kurz herüber, aber wirklich einlassen können wir uns auf das Thema nicht, weil der Film schon eilig den Bogen von der Entstehung des Lebens zum künstlichen Leben schlägt und nach einer kurzen handlungsvorantreibenden Einlage den heimlichen Star des Films ins Bild rückt – den Kunstmenschen David, von Michael Fassbender mit gewohnt erschreckender Präzision gespielt. Fassbender, einer der besten »neuen« Darsteller der letzten Jahre zeigt hier, dass er durch reine Anwesenheit nicht nur Indie-Filme, sondern auch Hollywood-Blockbuster aufzuwerten vermag. Quasi im Alleingang meistert er eine Sequenz, die gerne auch den ganzen Film ausgemacht haben dürfte. In einer sehr deutlichen 2001-Hommage (und inzwischen darf man in diesem Fall nicht mehr von Hommage sprechen, die 2001-Kopie ist in der schieren Masse schon ein eigenes Subgenre geworden) wandert David allein durch das namensgebende Schiff, das auf fernem Planeten nach dem Ursprung des Lebens (und damit, obwohl weitgehend unlogisch, auch einer Art Ewigem Jungbrunnen) sucht. Der Darsteller gibt in der Reduktion eine atemberaubende Leistung, eine leise Arroganz und Müdigkeit, eine unfassbare Langeweile, die selbst der beste britische Butler kaum besser vorleben könnte. Sein David ist der (un)heimliche Star des Films und kann sich selbst gegen ein Drehbuch durchsetzen, dass die Motivation dieser Figur bestenfalls sumpfig erkennbar macht.
Die anderen Protagonisten bleiben neben dem blassen Roboter noch ein wenig blasser, allen vorweg die Charlize Theron, deren androgyne Kühle vielleicht der Frage dient, ob sie oder ob sie nun nicht selbst ein Androide sein soll, aber nur zu gut in die seltsame Nonchalance an Bord passt. Wenn Ripley nur latent in Gefahr ist, fiebern wir unwillkürlich mit der Angst in Sigourney Weavers damals noch so jungenhaftem Gesicht mit – in der Eiskalter-Engel-Härte von Noomi Rapaces Elisabeth Shaw kann ich keine menschliche Regung mehr entdecken. Mit trotz viel Kunstschweiß kühler Effizienz wirft sie sich in eine roboterisierte OP-Kapsel und lässt sich einen rapide wachsenden Kraken-Fötus entfernen, um sofort wieder voll einsatzbereit zu sein. Überhaupt: Niemand an Bord nimmt sich die Zeit, in der Hektik des zweiten Teils miteinander zu kommunizieren, von der eben so unheimlichen Ruhe des Alien-Films ist hier nichts zu spüren. Nach einem gewissen Durchhänger zu Beginn passieren teilweise drei vier Dinge so rapide gleichzeitig, dass sich kein Schock trotz der perfekten Horroreffekte einstellen mag, nur ein leises Wunder über die unfassbare Dummheit der Wissenschaftler an Bord der Prometheus, die durchgehend dämlicher handeln als die Opfer in den ganz frühen Slasher-Filmen. Es gibt ganze Handlungsentwicklungen, die nur als Schockmoment oder reiner Mindfuck (Lindelofs Spezialität, zugegeben) im Drehbuch Sinn machen, nicht aber als glaubhafte Entwicklung einer Handlung. Einfach gesagt: So wie Alien den Geist des Kinos der Siebziger widerspiegelt (und die ganze Serie immer zeitsymptomatisch funktioniert), findet sich auch in diesem Teil die Filmästhetik der Jetztzeit manifest wieder. Prometheus ist der ultimative Blockbuster, schnell, 3D, teuer, effektgetrieben, die Figuren Staffage im Gerüst der Maschinerie, die unerbittlich nach vorne schreitet und im weiteren Verlauf einen feuchten Dreck auf die so intellektuellen Anflüge des Beginns gibt. Wie der riesige Fuß bei »Lost« ist der Mythos der Engineers nur Beilage, das Steak sind Monster und Explosionen – was ja auch legitim ist, nur hätte man das eine Salatblättchen dann ebenso gut auch weglassen können.
Ganz und gar wirkt »Prometheus« so, als sei er als geradliniger Prequel erst angegangen und dann im Verlauf umgeworfen worden. Mit nur minimalen Eingriffen hätte man eine fast lineare Vorgeschichte – man müsste nur das Schiff in der Erde lassen, ein paar Spuren verwischen und die Nummer des Planeten ändern. Unstimmigkeiten wie die Größe des Space Jockeys, der in Alien bedeutsam imposanter ist und die Tatsache, dass es in Alien nun wirklich nicht nach einem »Raumanzug« sondern sehr definitiv nach einem fossilisierten Skelett aussieht, lassen wir mal beiseite – aber auch so wirkt es fast so, als habe Scott sich bewusst entschieden, mitten in der Produktion mehr Abstand zwischen »Alien« und »Prometheus« zu bekommen, Luft für eine eigene neue Serie zu gewinnen, die sich von der Vorlage abnabeln kann. Umso unverständlicher, dass in den letzten Sekunden des Films doch eine so starke und irreführende Verbindung zur Kernserie gebildet wird – vielleicht ein Wunsch der Filmproduktion, denn so ganz ohne Alien geht es ja wahrscheinlich kommerziell doch nicht.
Was fast schade ist – denn je weniger der Film an die Vorlage andockt, umso stärker ist er. Seien wir ehrlich – niemand kann glauben, dass ein Film, der in der Vergangenheit von Alien spielt, technologisch so unfassbar fortgeschrittener ist. Selbst die Idee, dass in Alien ja eine Art Space-Truck unterwegs ist, rechtfertigt diesen Unterschied nicht. »Prometheus« liefert einige sehr schöne visuelle Verneigungen vor dem Look des Originals, kann dann aber der Verlockung modernster SF-Ästhetik nicht widerstehen. Und warum auch? Der Film sieht hinreißend aus, das Design ist gemessen an dem tausendmal gesehenem SF-Schrott von Filmen à la »Total Recall 2012« die helle Freude, Kubrick-artig, ohne den Meister nachzuäffen. Und der Horror ist so pur und ekelig, dass die modernen fernöstlichen Body-Horror-Einflüsse und die 70er-Wurzeln eben dieser Ästhetik hier für einen Sommerblockbuster überraschend gut fusioniert sind. Blendet man das Original also aus, entkoppelt man »Prometheus« von den Fragestellungen des Prequels, bleibt ein zwar in sich enorm unlogischer und löchriger Film, der aber visuell als Thriller absolut Spaß macht. Popcornkino mit Schaueffekten der Oberliga, mit zwar unstetigem, aber in einzelnen Szenen wunderbarem 3D, mit großartigen Nebenrollen und voller liebevoller Details. Und mit einem Michael Fassbender, der nahezu all dies überstrahlt, wenn er sich die Haare im Lawrence-of-Arabia-Look färbt. Es ist ein Film voller doppelter Böden, von einem Roboter, der eben nicht wie Pinocchio ein Mensch sein möchte (sondern ganz im Gegenteil über seine Simulacra-Menschlichkeit hinauswill, der ein Mythos, ein Übermensch sein will, eine Filmfigur idolisiert), über eine Frau, die lieber ein Roboter wäre und ihre Gefühle im Tiefkühlschrank aufbewahrt, über einen Vater, der wie seine eigene Schöpfung gerne unsterblich wäre – und, da sind wir wieder bei einem wiederkehrenden Thema bei Alien – eine Frau, die Mutter sein möchte, und diesen ihr eigentlich unmöglichen Wunsch aufs perfideste erfüllt bekommt. Wenn Lindelofs Talent durchblitzt, dann fliegt dieser Film in sehenswerte Höhen für einen Streifen dieser Bauart. Es bräuchte keine Engineers und keine kreationistischen Anflüge für die dann doch keine Zeit ist, um die Wahrheit zu sagen – es bräuchte lediglich mehr Zeit für die Charaktere und ihre Beziehungen. Nun sind Protagonisten in solchen Filmen immer wie im Abzählreim nur Kanonenfutter für den Killer (den es hier in so klarer Form wie in Alien ja gar nicht gibt, die Gefahr ist noch einmal polymorpher geworden), aber dennoch fühlt man natürlich als Zuschauer mehr mit, wenn man eine Chance hat, die Figuren kennenzulernen, wenn sie mehr als nur rasch stenographiert sind.
Auch hier wieder der kurze Eindruck – wie viel stärker wäre so ein Stoff, würde er als Serie gedacht sein. Eine zwölfteilige HBO-Serie mit dieser Materie, selbst ohne 3D und ohne aufwendiges Trickfeuerwerk, wäre narrativ allemal befriedigender als ein Film, der nie eine Chance haben kann, seine eigenen thematischen Versprechen wirklich einzulösen, der nur so tut, als wäre er episch.
Wie gesagt, es ist unfair, »Prometheus« mit dem wegweisenden Genre-Grenzgänger Alien zu vergleichen. Immerhin ist Scott schon in späteren Filmen durch seinem Hang zum Pathos gestrauchelt (Blade Runner etwa). Vergisst man das Original und dessen ganz eigenen Charme, lässt man sich durch die verquaste Engineer-Geschichte und die halbgaren Bezüge zu Alien die Laune nicht verderben und sieht »Prometheus« in etwa so wie man das 2011er Prequel zu »Planet of the Apes« wahrscheinlich sehen kann – quasi als Paralleluniversum – dann kann man durchaus eine Menge Spaß an diesem Film haben, der vielleicht die Basis für eine andere, modernisierte Fassung des Alien-Mythos bilden kann, der aber auch im zweiten geplanten Teil in eine ganz andere Richtung driften kann, um sich noch mehr von der Franchise zu emanzipieren. In der Landschaft blutarmer Pseudo-SF jedenfalls steht »Prometheus« vielleicht überambitioniert da, aber das ist immer noch angenehmer als ein Streifen, der ganz offensichtlich nie mehr wollte als Stereotypen vor einen Green Screen zu stellen.
15. August 2012 15:38 Uhr. Kategorie Film. Tag ScienceFiction. 2 Antworten.
Wow! Ich bin durch einen Kommentar bei uns im Blog auf dein Review aufmerksam geworden. Selten habe ich bei einer Rezension so stark mit dem Kopf nicken müssen. Besonders die Parallelen zu Alien hast du gut eingefangen und dass genau dort die großen Schwächen des Filmes liegen.
Nach dem Kino-Besuch (und bis jetzt eigentlich immer noch) war ich von Lindelofs Andeutungen fasziniert. Für einen SiFi-Blockbuster wirft der Film nämlich eine menge Fragen auf. Natürlich kann man die manchmal flachen oder fehlenden Antworten kritisieren, aber ich bin erstmal zufrieden, dass man sich etwas traut. So eine Erwartungshaltung sagt natürlich auch wieder eine Menge über mich aus, zugegeben, aber ich bin auch kein so großer Fan der Alien-Filme. Ich mag und respektiere sie, würde aber nicht von Liebe sprechen. Deshalb habe ich auch keine großen Probleme damit, wie Prometheus mit dem Mythos umgeht, kann die Enttäuschung vieler anderer aber nachvollziehen.
Kurzum: Ich war auch enttäuscht über die vielen handwerklichen Schnitzer, die platten Charaktere und die gehetzte Story, mag aber die vielen Implikationen und Andeutungen. Ich glaube so könnte sich auch meine Meinung zu Lost zusammenfassen lassen…
Mein kurzer Kommentar wird zwar deiner extensiven Rezension des Films nicht gerecht, er möchte dir aber dennoch sagen: treffend analysiert. Super!