Porcupine Tree: The Incident

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Nachdem das letzte Porcupine-Tree-Album insgesamt eher enttäuschend war, ist The Incident umso besser. Natürlich bleiben Wilson und seine Premiummusiker ihrem seit Mitte der Dekade gefundenen härterem Sound treu, mischen diesen hier aber mit mehr psychedelischen Sounds, ohne dabei gleich so weich zu werden wie auf Fear of a blank Planet. Eher an Deadwing und In Absentia anschließend, brilliert das Album mit kurzen Notizen unter zwei Minuten einerseits, ausgedehnten Tracks bis zu 11 Minuten andererseits, und ebenso seltsam mutet die Porcupine-typische Balance zwischen Metal-Sounds und einem nur noch latent als Pink-Floyd-inspiriert erkennbaren Psychedelia-Flair. Eingängig sind die Tracks längst nicht mehr und die Leichtigkeit, den Pop, von Lightbulb Sun oder Stupid Dream, sucht man hier meist vergebens, auch wenn Wilson diesmal wieder die Akustikgitarren (Great Expectations) auspackt und generell etwas leichter, unbeschwerter klingt als auf den letzten beiden Alben. Man wird das Gefühl nicht los, dass es bei Porcupine Tree mehr und mehr um die Suche nach dem perfekten Song geht, weswegen viele Tracks auf verschiedenen Alben auch zunehmend ähnlicher werden, Wilson feilt im Detail, die Zeit der großen Umbrüche im Sound der Band – meist bedingt durch Umbesetzungen – scheint vorerst vorbei. Wobei dieser Eindruck nicht zuletzt am Drumming von Gavin Harrison liegt, der die Band inzwischen wie kein zweiter dominiert und dessen monströse, fein ziselierte, vertrackte und dennoch extrem druckvolle Schlagzeugarbeit jedem Song einen klaren Stempel aufdrückt. Sperrig und faszinierend wie die Drums ist das ganze Album, musikalisch eine seltsame Melange – für die Meshuggah-Fans sicherlich zu soft, für die Floydianer dürften die brutalen Metal-Brocken vielleicht zu anstrengend sein… aber unter den Musik-Edelnerds dürfte Porcupine reichlich Fans finden, kaum eine Band reizt die Möglichkeiten des Rockspektrums so signifikant aus und brilliert dabei musikalisch zugleich instrumental so. Dass Porcupine dabei nie so anstrengend ist wie etwa Mars Volta oder andere, extremere Metal/Prog-Rock-Combos, mag man kritisch oder wohlwollend betrachten – aber es bleibt klar, dass Wilson die brettharten Sounds (Circle of Manias)mit chirurgischer Präzision ansetzt, um ein bestimmtes Gefühl in einem Song zu erzeugen, um zwischen dem einsamen Pathos seiner Strophen und dem wütenden Stampfen von Refrains und ellenlangen brachialen Instrumentals ein Gefälle zu erzeugen. Die Bandbreite wird deutlich im Bruch zwischen dem recht geraden Drawing the Line und dem bitterschwarzen Titeltrack The Incident, der mehr nach Elektronik und Industrial klingt und erst spät zu einer Porcupine-Nummer wird, streckenweise sogar nach einem Update der ganz alten Wilson-Solosongs klingt, wie übrigens auch die minimalistische Skizze The Yellow Windows of the Evening Train.

Wie hoch der Output von Wilson ist, machen die 1:50-kurzen Notizen klar, die an sich wie ausgereifte Songs klingen, keineswegs wie Sprengsel, sondern wie Outtakes aus Stücken, wie problemlos hätten länger sein können. Solche Ideen derart rauszuschleudern ist ein Luxus, den sich kaum ein Songwriter nach so vielen Jahren leistet, und es passt gut zu dem generellen Mega-Veröffentlichungsdrang von Wilson, der sich anscheinend vor Einfällen nicht retten kann und insofern nicht geizen muss. Auf der anderen Seite ist Time Flies mit 11 Minuten offensichtlich für die Live-Bühne geschrieben, ein groovend-hypnotischer Fluss von wie Zugräder vorbeiratternden Staccato-Gitarren, ein Song, der immer in Bewegung ist und doch stillzustehen scheint.

Etwas angepappt wirken hingegen die letzten fünf Songs des Albums, die seltsam harmlos-fröhlich klingen und eher nach Resten eines älteren Albums. An sich genommen absolut großartige Tracks, wirken Sie nach der Power der vorhergegangenen Songs seltsam anämisch, wie benommen, verkatert – und dass, obwohl Bonnie The Cat eine wirklich durchaus grandiose Nummer ist. Es spricht für The Incident, dass Songs, die auf einem früheren Porcupine-Album Highlights gewesen wären, hier fast untergehen. Black Dahlia macht deutlich, wie sehr Wilson sich gewandelt hat in den letzten Jahren. Mit Ausnahme von Bonnie wirkt das Ende des Albums wie ein Morning-After, wie der vernebelte Restrausch nach einer ordentlich durchgemachten Nacht.

Die Special Edition wartet zudem mit zwei Live-Tracks auf, Way Out of Here und What Happens Next? Beide klingen absolut famos, nach wenigen Sekunden vergisst man, dass die Band hier eigentlich live zu hören ist,Harrison dreht noch einen Tick mehr auf als üblich und gerät bei Way Out of Here förmlich außer Kontrolle, während What Happens Next eine der fast üblichen Studien in synkopischen Riffs ist, mit einem grandiosen Solo im letzten Drittel.

The Incident zeigt Porcupine auf der Höhe Ihres Schaffens, ein düsteres, bewegendes, unglaulich gekonntes Album, das nie so smart oder geleckt wird, dass es nicht mehr berührend wäre. Die Perfektion der Band ist fast beängstigend und pusht Wilsons an sich etwas begrenztes Songwriting auf ein beängstigendes Niveau. Im Grunde ist The Incident wie die TV-Serie Lost – vertrackt, böse, düster, spirituell, oft unzugänglich und sperrig, manchmal albern, manchmal grenzüberschreitend, ein bisschen selbstverliebt, ein bisschen zu lang, übervoll mit Ideen und Anspielungen und vor allem derzeit absolut konkurrenzlos. Porcupine Tree sind längst aus allen Genreschubladen heraus und ein Genre für sich geworden, an dem andere sich messen können.