HD Schellnack /// Kontakt iPhoto Twitter s90 Typographie Pop Alternative Aktionen nodesign Apple Licht Photographie Fail Denken Natur Dayshot Fragen Belletristik Software Winter Studium Medien Vernacular Fun Comics Werbung iOS Farbe Gesellschaft Print Web ScienceFiction Electronic Zukunft Magazine Frühling Jazz Hardware Kitsch Drama Retro Klassik Sommer Zitat Herbst Fantasy Sachbuch Kunst Emma Organisation Kultur

PORCUPINE TREE LIVE ESSEN

Knapp ein Jahr nach dem letzten Porcupine Tree Gig in Köln treten die Herren in Essen auf die Bühne der Weststadthallen, eine der seltsamsten Konzertlocations, die ich seit langem gesehen habe, weil sehr breit und kaum Tiefe, was für eine seltsame (recht schlechte) Akustik und auch ein seltsames Feeling beim Konzert sorgte. Steve Wilson kommentierte mehrfach, so eine lange «First Row» habe er noch nie bei einem Gig gesehen.

Passend zum seltsamen Ort lieferte die Band ein seltsames Konzert. Anstatt ihre Standards der Deadwing-Tour durchzuspielen, präsentierten sie Vorabversionen des nächsten Albums, das um Weihnachten erscheinen soll. Die neuen Tracks erinnern strukturell stark an das, was Deadwing und im geringeren Maße auch In Absentia schon vorgeben: Progressive Rock zwischen Floyd und Tool, inzwischen stark geprägt von Gavin Harrisons brutalsynkopischen Rhythmen und den harten musikalischen Stilbrüchen, die zum Markenzeichen der Band werden. Handwerklich längst weit jenseits der Perfektionsgrenze, sind Porcupine Tree musikalisch nach langen Jahren (hochspannender) Suche nach dem eigenen Stil und mit dem Zusammenwachsen vom Ein-Mann-Projekt zur Band an einem scheinbaren Ende ihrer Reise angelangt, hoffentlich nur an einem vorübergehenden. Denn so einzigartig der aktuelle Sound auch sicher ist – und so unterlegen nahezu alle Nachahmer handwerklich ausnahmslos sind –, so schade ist es doch, daß Wilson und Co inzwischen eher in Sideprojects ihre wilden Ideen verwirklichen, und nicht mehr in Porcupine selbst. Ich hätte wenig gegen ein Album einzuwenden, daß so aus der Reihe schlägt wie der seltsame Studiosession-Warmup-Fusionsosound von Metanoia. Die in der dichtgepackten Essener Halle vorgestellten Proto-Songs wirken – noch nicht einmal im Studio eingespielt – bereits unglaublich geschliffen, komplex, makellos und nahtlos an der Schnittstelle von Pop, Rock, Bombast und Metal an, auf der auch Deadwing schon tanzte. «Episch» ist das einzig passende Wort für manche Songs und man fragt sich, wie zur Hölle die Band sich die Strukturen der langen und injeder Hinsicht einfach komplizierten Komposition überhaupt noch merken kann, ohne dabei vom Blatt abzulesen.

Nach einer kurzen Pause dann eine verkürzte Version des normalen Deadwing-Gigs, den die Band etwas freier und bissiger spielt als noch vor einem Jahr, vielleicht, weil es nicht für eine offizielle Rockpalast-Aufnahme ist und man weniger auf Perfektion achtet, mehr auf Druck und eigene Spielfreude gehen kann. Nur manchmal eingeengt durch Midi oder Video, besticht die Band durch einen Mix aus CD-reifer Perfektion und gekonnter Imrprovisation.

Neben Sigur Ros, wenn auch auf ganz andere Art und Weise, ist Procupine die vielleicht einzige Band, die ich kenne, deren Musik man fast hilflos gegenübersteht. Ist es bei Sigur eher die Wiederholung, das schleppende, die schiere Melancholie, die sich zu einem Wall of Sound verdichtet, dessen sich steigernder Emotionalität man an adäquater Reaktion nichts entgegenzusetzen hat, so ist es bei Porcupine eher die Wucht, der Druck, die unglaubliche Präzision. Als Zuhörer steht man hilflos der Virtuosität dieser Band gegenüber und weiß eigentlich nicht wohin mit den Gefühlen, wie man den Druck der Begeisterung loswerden soll, während die Band Schicht um Schicht auf die Torte legt. Es erstaunt da kaum, daß im Publikum – das diesmal altersmäßig schon etwas durchwachsener war als in Köln, wenn auch immer noch mit Hang in Richtung 30-50 – ordentlich viel gekreischt wurde.
Vielleicht war es diese gute Stimmung, die die Band zu fast 140 Minuten Konzert brachte, wenn es auch «nur» eine Zugabe gab, die es aber – unter anderem mit einer hochbrachialen Version von Blackest Eyes – in sich hatte.

Im Grunde ein Riesenglück, ausgerechnet auf ein Konzert zu kommen, bei dem die Band den Mut hat, nicht das gewohnte Set runterzugurken, sondern etwas komplett anderes wagt – und bei ihrem Publikum auch wagen kann. Es war so auf jeden Fall lohnender, als im Kern den Aufguß des vorjährigen Konzertes noch einmal zu hören. Ich denke mal, die Setlist dieses besonderen Abends dürfte Sammlern einiges wert sein…

27. September 2006 14:42 Uhr. Kategorie Live. 3 Antworten.

3 Antworten

Antworten

Schreibe eine Antwort, oder hinterlasse einen Trackback von deiner Site. Antworten abonnieren.


Creative Commons Licence