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POLARKREIS 18: THE COLOUR OF SNOW

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Es ist ein Phänomen, das ich vor allem bei deutschen Bands habe – dieses Gefühl, ein Album folgt in seiner Logik nicht nur dem künstlerischen Willen der Band, sondern stets auch dem Vermarktungsdruck der Plattenfirma. Es gibt dieses Feeling sicher auch bei britischen und amerikanischen Pop- und Independent-Acts, hier und da blitzt eine sehr gewollte Hookline auf oder die unvermeidliche Weihnachtssingle, aber nie habe ich das Gefühl geplanten Marketings so spürbar wie bei Bands aus Deutschland. Da ist der Kracher für die Charts, die Ballade als dritte Auskopplung, da wird man das Gefühl nicht los, dass A&R und die Band selbst sich einem massiven Erfolgsdruck aussetze, so greifbar einen Durchbruch haben müssen. Selbst Bands ohne Plattenvertrag beginnen bereits im Proberaum, zu überlegen, wie sie ihren Sound biegen können, um Erfolg zu haben, emulieren Erfolgsrezepte anderer Bands, sind bereits von Anfang an unentspannt. Musik ist längst ein Beruf geworden und anstatt der musikalischen Suche nach einem eigenen Ausdruck zu folgen, versuchen viele Bands – bewusst oder unbewusst, mit oder ohne Druck des Labels – kommerziellen Erfolg zu haben. Und wer will ihnen das verdenken? Größere Venues, volle Hallen, bessere Hotels und Busse und nicht zuletzt anständig Geld sind ja durchaus Argumente. Und kreativ werden – die Beatles haben es vorgelebt – kann man ja auch noch werden, wenn man die Nr.1 in den Charts ein paar Mal geknackt hat. Insofern ist die auf dem CD-Sticker denn auch als «Hitsingle» deklarierte Auskopplung Allein Allein vielleicht der Versuch der Dresdener, die nicht immer einfache, stets etwas kopflastige und mit Felix Räubers andogynem Gesang ja auch nicht zu eingängige Musik von Polarkreis 18 für ein breiteres Publikum zu öffnen. Das Ergebnis, ein erschreckend an Wolfsheim erinnernder perlender Popsong absoluten Radioformats, der es aber wunderbarerweise schafft, der im Text gelieferten Einsamkeit des Individuums in der Masse und gegenüber dem Universum einen mitreißenden Gute-Laune-Ohrwurm-Refrain zu verpassen, ein Paradox, den ideal das Detail unterstreicht, dass die Refrainzeile Wir sind allein – allein, allein von einem Publikumschor mitgesungen wird. Dieses Detail – das ein ganzer Chor vom Alleinsein in der Masse singt – versöhnt ungemein mit dem Lied und unterstreicht die – bewusste oder unbewusste – Cleverness von Polarkreis.

Der Clou an der Sache ist, dass die «Hitsingle», mit sich Polarkreis denn auch auf Platz 1 der Charts katapultieren konnten, sich zugleich wunderbar störend und doch passend in The Color of Snow einfügt, denn das zweite Album von Polarkreis 18 öffnet sich (wie so viele zweite Alben) einem breiten musikalischen Spektrum, in das die Single sich einerseits als Experiment in Richtung Heppner einfügt, zum anderen den teilweise schweren Pathos der anderen Tracks mit poppiger Leichtigkeit kontert. Tracks wie Prisoner, die mit wuchtigem Orchester eingespielt sind, und andererseits Untitled Picture mit einem an Sigur Ros erinnernden Flair (und beide Strömungen zusammen dann in River Loves the Ocean), bilden den Rahmen für druckvollere Popsongs wie The Color of Snow oder Rainhouse, die eher geradlinig funktionieren.Wie so viele zweite Alben versucht sich die Band zu entdecken und zu strecken – und das Ergebnis ist unweigerlich eine gewisse Beliebigkeit, eine Art von Konsensmusik.Was bei Pop ja kein Vorwurf sein muss. Alles in allem erweist sich das zweite Abum als trojanisches Pferd, mit dem die Band sich dank einiger auskopplungsfähiger Tracks in die Wohnzimmer eines neuen Publikums schmuggelt, um dann Musik zu entfalten, die dem großartigen ersten Album nichts nachsteht und dieses oft sogar übertrifft. Polarkreis legen etwas den Weilheim-Sound ab, der noch Somedays Sundays auf dem Debut prägte, und werden… epischer. Der Mut zum Pathos, zur großen Geste ist einer deutschen Band eigentlich immer hoch anzurechnen, denn die Gefahr ist immer präsent, rasch uncool zu wirken. Die orchestrale Breite von Songs wie Happy Go Lucky, diese feine Balance zwischen aufgetragenem Kitsch und glaubhafter Emotinalität, ist immer prekär und die meisten Bands scheuen vor dieser Hürde – nicht so Räubers Mannschaft. Das Album beginnt mit sphärischen Synthgeräuschen und endet mit einer einzelnen Stimme, die immer wieder so lucky singt… und auf diesem rasierklingendünnen Paradox von pathetischem Zuviel, und von reduzierter Introspektion bewegen sich Polarkreis auf ihrem zweiten Album sehr bemerkenswert erfolgreich. So erfolgreich, dass man nur hoffen kann, dass der massive Erfolg von Allein Allein der Band nicht die Experimentierlust nimmt und auf den Weg des geringsten Widerstandes führt.

12. Dezember 2008 18:36 Uhr. Kategorie Musik. Eine Antwort.

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