Das Leben ist schon spannend. Wir sind zu einem Pitch eingeladen worden, der, schlicht gesagt, wunderbar ist… die Sorte Klient im Kulturbereich, der wie für mich und für uns gebaut ist und wo du weißt, wenn du den Job kriegst, brennt der Asphalt. Wir sind alle sehr aufgeregt, wir sind alle sehr heiß auf den Job, weil wir wissen… wenn das abgeht, ändern sich unser Status und der Status des Klienten gravierend. Da wird man wirklich gemeinsam einen Sprung nach oben machen.
Aber ich werde nichts zeigen.
Ich habe gerade die Mail abgeschickt, nach zwei drei wirklich guten Gesprächen mit den möglichen Kunden, daß wir gerne kommen und erklären, in welche Richtung wir denken, ohne dabei aber Konkretes zu zeigen. Was uns inspiriert, was sein könnte, welche Stimmung man gemeinsam sucht… gerne. Aber kein Plakat, kein Logo, nichts.
Zum einen, weil ich glaube, daß ein Pitch in nahezu jeder Situation für beide Seiten eine ineffiziente Angelegenheit ist, von der nur große Agenturen mit Überkapazitäten und Schubladen voller B-Entwürfe profitieren. Beim Pitch (und schon das Wort ist schrecklich, oder?) entsteht nie etwas wirklich Neues oder aufregendes. Aber dennoch gibt es Kunden, da kann man schon einen Entwurf machen, vorstellen und in Wettbewerbe gehen, weil die Sache an sich klar umrissen ist und man die Idee der Marke schnell ergreifen kann. Im Industrie- und Dienstleistungssektor, aber auch bei einigen Kultureinrichtungen ist das eigentlich kein Problem. Was ein Symphonieorchester macht, ist schnell begriffen.
Zum anderen in diesem Falle aber, weil eben genau das hier nicht geht. So einfach ist die Sache hier eben nicht, ganz im Gegenteil. Auf der Kundenseite sitzt eine ganze Gruppe hochgebildeter und kreativer Leute, deren Beruf im Kern ist, Kunst zu produzieren. Die sind einzeln mindestens so kreativ wie ich, wenn nicht einen Schritt weiter. Da wäre es doch dumm (und vermessen), als Designer ganz normal einen Wettbewerb durchzuziehen. Denen erklärst du eben nicht in 20 Minuten die Welt und ihre Position darin. Idealerweise, läuft es andersherum: Sie erklären dir ihre Position. Denn wie ein Plakat aussieht oder eine Visitenkarte ist doch erst einmal ganz egal, wichtig ist, welchen Inhalt gibt es eigentlich, wofür will man stehen. Wo schlägt das Herz des Kunden? Hat man das einigermaßen festgeklopft, kann man schön und schön schnell gemeinsam die Visualisierung angehen. Die fällt dann nahezu automatisch in die richtige Richtung. Form follows Emotion. So ist Design nicht Verpackung, sondern integraler Bestandteil des Gesamtentstehungsprozesses, begleitend, kommentierend. Connected, embedded. Part of the process. Ich glaube, daß Bruce Mau recht hat, daß ein Endergebnis davon profitiert, wenn Designer und Auftraggeber zu Co-Autoren werden, de gleichen oder ähnlichen Prozesse des explorativen Wanderns und Findens durchlaufen und zusammentragen. Der Designer kommt dann nicht in den letzten 10% eines Projektes ins Spiel und darf als Hired Hand retten, was zu retten ist, sondern ist schon so früh wie möglich in einen Feedback-Prozeß eingebunden, in dem sich Form und Inhalt gegenseitig befruchten und ergänzen. Die FORM per se wird dabei für den Designer unwichtig im Verhältnis zum gemeinschaftlichen Lernprozeß. Am Ende entsteht dann aus diesem gemeinschaftlichem Spiel ein Objekt, das klar und doch komplex, vielschichtig und doch kraftvoll ist, das für beide Seiten etwas neues darstellt hat. Je früher und enger man zusammenarbeitet und gemeinsame Ziele erfindet, umso stärker die Endergebnisse. Alles andere – der Designer als Dienstleister – ist, sorry, auch einfach sehr langweilig. Für beide Seiten.
Ein Wettbewerb fängt insofern am völlig falschen Ende an. Da findet die Form statt, bevor wir wissen, was die Emotion, die Aussage, das Feeling ist. Da wird auch eine Unterwürfigkeit des Designs gegenüber dem Kunden unterstellt, die dem Prozeß als Ganzes eher hinderlich ist. Das merke ich gerade ganz positiv in Bielefeld. Was da mit den Dramaturgen und dem Marketing gerade entsteht und in die für Bielefeld hoffentlich richtige Richtung wandert, hat nichts mehr mit dem Wettbewerb zu tun, sondern mit den realen Gefühlen und Bedingungen jetzt. Da muß man sich immer wieder mal treffen, immer wieder abklopfen: Seid ihr das? Ist das der Weg? Solange man sich aber miteinander menschlich wohl fühlt und sich vertraut (was von meiner Seite aus der Fall ist, ich arbeite nur für unden, denen ich vertrauen kann), auch in hitziger Debatte, habe ich keine Angst, daß das Endergebnis die Reise immer wert ist. Schade ist nur, daß Bielefeld recht weit weg ist, man nicht öfter bei Premieren ist, wo man dann gemeinsam plaudern kann, das muß ich für mich noch ändern, um das Haus besser kennenzulernen. Aber ich schweife ab :-D.
Viele Designer produzieren in einer solchen Wettbewerbs-Situation dann gerne Logos, die irgendwie hohl und leer scheinen, etwa wenn man sich von der Hausfassade eines Kulturtempels inspirieren läßt. Dabei geht es in Wirklichkeit – au contraire – genau nicht um die FASSADE, sondern um die INHALTE. Man kann doch kein Design aus einem anderen Design einfach ableiten, das ist zu simpel. Man muß zurück zu den Inspirationen und Ideen des Designs. Und die muß man erfragen, erkämpfen, weiterentwickeln. Darauf haben die meisten Designer vielleicht keine Lust mehr. Hauptsache, es sieht flashy aus, die meisten Kunden sind damit ja auch zufrieden. Das Ergebnis sind Entwürfe, die mir irgendwie zu eindimensional, zu austauschbar scheinen. (Wobei ich mich ohnehin frage. Braucht alles und jeder ein Logo? Muß jetzt jedes Museum/Theater/Orchester ein Logo haben? Läuft der Versuch, die wahnsinnige, lebendige und fluide Komplexität einer Kultureinrichtung auf eine simple Ikonographie zu verengen, nicht unweigerlich ins Leere?) Mich würde da mehr die Verweigerung des Logo-Kultes interessieren, oder eben die Emergenz von Identitätssystemen, die diese Fluidität aufgreifen und die ergo selbst polymorph sind.
Unreflektiertes 08/15-Design aus der Schublade möchte ich dem Kunden eigentlich nicht antun müssen, nur um einen Etat zu bekommen. Aus meiner ganz eigenen seltsamen Don-Quixote-Haltung heraus scheint mir das unanständig.
Was ich da gerade tue, kommt mir also durchaus sinnvoll vor. Trotzdem macht mich der Gedanken etwas Bange, hier nahezu freiwillig eventuell einen wichtigen Etat nicht zu bekommen, weil ich mich nicht an miese, aber leider inzwischen scheinbar etablierte Spielregeln halte. Denn jetzt hängt alles vom Mut und vom Vertrauen der anderen Seite ab, die mich kaum kennt und mit Fug und Recht für einen Spinner halten darf.
Das Leben bleibt also spannend.
23. Oktober 2005 11:39 Uhr. Kategorie Arbeit. Keine Antwort.