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Pina

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Eins geht mir bei diesem Film von Wim Wenders über die Tanzikone Pina Bausch kaum aus dem Kopf: 3D ist wie geschaffen für Aufnahmen von Tanz und Theater. Eine Technologie, die so sehr mit Hollywood-Actionfilmen und Animationbildern gleichgesetzt wird, brilliert hier eigentlich immer dann, wenn sie am unsichtbarsten eingesetzt wird, wie beiläufig funktioniert. Sie wirkt schnell albern, wenn Wenders gezielt damit arbeitet, um etwa Stuhlreihen oder schlimmer noch einen Theatervorhang räumlich hervorzuheben, als wolle er die Tanzszenen im Theatergebäude verorten, festnageln, dingfest machen. Sie funktioniert andererseits perfekt, wenn die Kamera wie beiläufig auf der Bühne mitagiert, theaterphotographisch Teil des Gezeigten und doch eben nur Instrument des Zeigens, das uns als Zuschauer in an sich unfassbarer Weise auf die Bühne bringt, zwischen die Körper, deren Anspannung wir sehen und hören, deren Wirbeln und Taumeln, Stillstehen und Toben man selten zuvor so leibhaftig manifestiert gesehen hat. Filme sind flach, Photos stehen still und im Theater sieht man das Geschehen statisch aus größerer Entfernung, anonym. Wenders reißt diese Entfernung durch die Fusion von Opernhaus und Hightech ein und schafft ästhetisch eine ganz neue Form von Tanzbetrachtung, der man sich in den besten Momenten des Films nicht entziehen mag und kann.

Insofern wäre dieser Film bereits grandios gewesen hätte Wenders einfach nur mehr der vier bekanntesten Choreographien von Bausch – Le sacre du printemps, Café Müller, Kontakthof und Vollmond – gezeigt. Aber Wenders will mehr – und erreicht vielleicht gerade dadurch weniger. Es scheint nicht nur auf den ersten Blick launisch, dass ein Film, der sich «Pina» nennt, um Phillipina Bausch einen so großen Bogen zu machen scheint. Sie erscheint geisterhaft in wenigen Aufnahmen, in Fetzen aus Interviews, selbst in den kurzen Monologen ihrer Tanztruppe bleibt sie ein Phantom. Wenders versucht, sie so unsichtbar und doch präsent zu zeigen, wie sie offenbar auch im wirklichen Leben war, aber man darf sich zumindest fragen, ob das der Sinn eines solchen Filmes sein muss, oder ob es nicht eben doch spannend gewesen wäre, hinter das Mysterium Bausch schauen zu wollen, einfach und ehrlicher dokumentarisch zu arbeiten, nicht im Weihrauchnebel zu versinken, sondern journalistisch, insofern vielleicht auch respektloser, zu arbeiten. Vielleicht geht das nicht – wenn selbst ein Ensemblemitglied erklärt, Bausch habe in den 20 Jahren gemeinsamer Arbeit vielleicht einmal mit ihr geredet, bekommt man eine Ahnung von der Schwierigkeit, sich durch die künstlerische Entrückung der Choreographin durchzukämpfen – andererseits wäre das vielleicht eine spannendere Aufgabe gewesen als die pflegeleichte und amorphe Glorifizierung, die Wenders anbietet, indem er sich vor jeder Erklärung drückt. Überhaupt scheint der Film eher aufs Feiern aus zu sein – er zeigt die Tänzer an verschiedenen Orten des Ruhrgebiets und bergischen Landes, stets so geschmackvoll ins Bild gesetzt, als sähe man einen Werbefilm für Ruhr 2010, als sei der Film schon durch Kultursponsoring vorfinanziert. Mal ist das Ambiente dabei gelungen und bereichernd, mal aber greift die Idee, abstrakte Tanzkörper ins die reale Welt, aus der Oper hinaus, zu zerren, in den Bereich des Affektierten, die Realität lässt die Körperlichkeit des Tanzes seltsam affig und lachhaft wirken, der Bruch – zumal in 3D – ist einfach zu viel. In den eher asketischen, ohnehin bühnenbild-ähnlicheren Umgebungen – etwa auf dem Folkwang-Gelände – gelingt das, weil hier die Architektur, die Natur oder die verrottete Industrie die sonst auf der Bühne gegebene minimalistische Strenge liefert, auf Wuppertaler Verkehrsinseln mit McDonalds-Werbung oder in Schwebebahnen aber scheitert der Versuch mitunter, wenn auch auf durchaus spannende Art. Ähnlich aufgesetzt wie die 3D-Theatervorhänge oder die Tanz-im-Raum-Einfälle wirkt der Kunstgriff, die Tänzer schweigend zu filmen und ihnen die Stimme sozusagen als inneren Monolog, als Gedanken, als Overdub, über das Bild zu legen. Was vielleicht aus einer produktionstechnischen Notwenigkeit geboren sein mag, oder aber eben wieder aus der Idee, die Ungreifbarkeit zu inszenieren, wirkt im Verlauf des Films seltsam steif und distanziert, ein Kunstgriff, der von dem eigentlich Essentiellen mehr ablenkt, als es heraus zu kitzeln.

Und so ist «Pina» einerseits ein großartiger Film, der eins der besten Tanzensembles in bisher nie da gewesener Qualität und Bildsprache zeigt, zum Greifen nah in atemberaubender Güte – und zugleich ein leicht gekünstelt wirkender Film, der sich offenbar ziert, einfach nur ein ehrlicher guter Dokumentarfilm zu sein und der entsprechend an dem eigenen Überanspruch etwas leidet. Weniger wäre hier wahrscheinlich deutlich mehr gewesen, denn als Zuschauer saugt man die Szenen förnmlich auf, in denen Bühnenbilder über Bausch und die gemeinsame Arbeit sprechen, über das improvisierte von Café Müller, doch man zuckt rasch zurück, wenn Wender allzu smart sein will und in das Bühnenbild die echte Bühne digital hineinmontiert. Solche Kitschmomente hat der Film immer wieder und sie offenbaren das Mißverständnis, des Regisseurs, das man Tanztheater aufbretzeln müsse, um es «kinoreif» zu machen.Wenders misstraut seinem Filmsubjekt offenbar, und greift ständig zu Mitteln der Überhöhung, der Gegensätze, der Überraschung – arbeitet damit aber zwar nicht immer (der erste Alter-Schnitt bei Kontakthof ist natürlich großartig überraschend und kann so nur im Film funktionieren) aber eben doch häufig genug gegen die eigentliche Magie des Livemomentes von Tanz an. Wenn dem Tanz das Authentische, das spürbar so physisch hart erarbeitete Körper- und Schwerelose genommen wird, diese seltsame Balance aus Leichtigkeit und Spitzensport, wenn der Tanz nur ein Effekt in einer Reihe inszenatorischer Momente sind, dann wird er unwichtig und selbst zum Effekt herabgesetzt. Effekte, Kunstgriffe, seltsame Rahmeneffekte sind dann eben tatsächlich eher störend und lenken von dem ab, was wirklich wichtig ist. Deshalb ist «Pina» vielleicht immer dann am besten, wenn es einfach nur um die Sache geht, wenn wir mit der Musik und den Atemgeräuschen, den Klängen von Füßen und Händen, den unfassbaren Bildern einzelner Körper, die zu einer gemeinsamen Komposition werden, allein sein dürfen, ohne dass der Regisseur sich vor Bausch zu drängeln scheint, mehr will als «nur» Ausdruckstanz zeigen. Diese Momente aber sind den Film mehr als wert und lassen die gelegentlichen Ausrutscher mehr als verschmerzen – die Magie in der Arbeit von Bausch und ihrem Ensemble wird hier dennoch ein bemerkenswertes Denkmal gesetzt, gerade weil der Film zeigt, dass der Tanz an sich, ungeschönt, unverstellt, am besten seine wahre Schönheit entfaltet und es eigentlich reicht, einfach eine Kamera auf die Bühne zu stellen, die uns inmitten des Spektakels zaubert. Allein aus diesem Grund ist «Pina» ein Film, den man unbedingt im Kino gesehen haben muss.

22. März 2011 23:57 Uhr. Kategorie Film. Tag , . Keine Antwort.

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