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PIERRE CABANNE: DIALOGUES WITH MARCEL DUCHAMP

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Bemerkenswert an diesem schmalen Band, der ursprünglich Ende der sechziger Jahre kurz vor Duchamps Tod  erschien, sind vor allem die grandiosen Kapitelüberschriften  (A window onto something else, I like breathing better  than working, I live the life of a waiter, Eight years of swimming lessons), die an sich kleine surreale Meisterwerke sind. Das Gespräch mit Duchamp, der altersweise und unerwartet trocken-sachlich, mit grandiosem Gedächtnis für kleinste Details auf sein Leben und Werk zurückschaut, ist einerseits grandios, andererseits vermeidet Marcel Duchamp jede Verklärung, aber eben auch jede Erklärung. Wer tieferen Einblick in sein Denken und Schaffen sucht, ist hier vielleicht falsch. Duchamp gewährt nur sehr mittelbar einen Blick in die Karten, durch die Auseinandersetzung mit Zeitgenossen und durch biographische Anekdoten – und vielleicht durch den beiläufigen Umgang mit der eigenen Bedeutung. Bei seinen Arbeiten spricht er oft über Amusements, und eine fast kindliche Begeisterung für die Bastelarbeit, die Suche nach einer Lösung blitzt durch. Auch wird deutlich, wie sehr Duchamp instinktiv nach einer Kunst ohne Kunst, ohne Pinsel und Farbe, ohne das Auge sucht. Es blitzen immer wieder Überlegungen über die Kunst an sich auf, über seinen eigenen Status, über die Moderne, aber ein Großteil des Interviews plätschert leider auch etwas dahin. Der letzte Satz allerdings, wenn man bedenkt, wie kurz vor seinem Tod Duchamp hier im Alter von 79 Jahren stand, ist großartig – I am very happy.

Dialogues ist ein lesenswerter Einblick in die Gedanken eines großen Künstlers, der allerdings wie ein guter Pokerspieler seine Karten dicht bei sich hält, lieber über Kollegen, über New York und Paris, über den Surrealismus an sich, über Kunst berichtet als über sich selbst – obwohl bei aller Bescheidenheit die singuläre Suche nach «Significance» in seinem Tun, nach dem Neuen, immer wieder durchblitzt. Duchamps Arbeiten platzen vor Neugier und Experimentierfreude, auch in technischer Hinsicht, und diese Neugier prägt auch das Interview, in dem Duchamp mit seinen Gesprächspartner, den versierten Kunstjournalisten Pierre Cabanne, blitzlichtartig die Kunstszene des gesamten 20. Jahrhunderts durchstreift, um immer wieder Bewunderung oder Desinteresse zu bekunden, den Kunstmarkt als künstlich aber, für sein finanzielles Überleben wichtig, zu betrachten, und indirekt deutlich zu machen, wie wenig seine eigene Arbeit «Kunst» ist, wie sehr er eigentlich nur Neigungen, Interessen, Neugierden gefolgt ist, fast will es bei all dieser Bescheidenheit scheinen, als sei er zufällig einer der wichtigsten Konzenptkünstler der Moderne geworden. Die Radikalität seiner Arbeit sucht man in diesem Interview vergeblich – wenn auch immer wieder scharfe Kanten und provokante Statemens durchblitzen -, aber die ironische Leichtigkeit, die man in Duchamps Arbeiten immer ahnt (die manche Kritiker aber irgendwie zu ignorieren schaffen) ist eindeutig greifbar. Kunst oder vielmehr Nicht-Kunst von Duchamp ist Ausfluss eines in vollen Zügen gelebten Lebens, greifbares Artefakt einer eigenen lustvollen Suche nach dem Neuen, einer Lust am Wortspiel und am derben Humor. Duchamp ist der Samuel Beckett der Kunstszene gewesen – und Cabannes Text macht dies begreiflich, macht eine Legende menschlich. Das ist keine schmale Leistung, sondern ein Interview, dem es gelingt, den Menschen hinter der Fassade des Kunstmarktes zu greifen.

16. Juli 2008 10:40 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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