
Die Fusion von Klassik und elektronischer Musik ist ein Thema, das mich seit langem umtreibt. Es istja auch ein naheliegendes, zumal Komponisten wie Ligeti, Reich oder Stockhausen fleissig mit Elektronik experimentiert haben, als diese Sparte der Musik noch jung war und sich als Spielzeug für E-Musik anbot, bevor sie in den achtziger Jahren vom sphärisch-experimentellen Bereich in die Popmusik aufging. Es gibt heute eine kaum vorstellbare Bandbreite von Musik, die von elektronischer Klangerzeugung generiert wird, von wirklich «elektronischer» Musik auf der einen Seite – House, Techno, DnB, Electroclash -, bis natürlich hin zu Musik, die gar nicht digital klingt, aber längst auch mit den gleichen Tools generiert wird. Selbst schunkelige Heimatmusik ist längst mit Sequenzern, Midi und Sampling gemacht, meist sogar mehr als der normale Pop, der aber auch ohne Harddiscrecording, Synths usw nicht auskommt. Live gespielter klassischer Jazz und echte klassische Musik sind die letzten Refugien des zumindest einigermaßen analog gemachten Musikhandwerks.
Umso reizvoller also die Idee, diese Oasen mit digitalem Klangwerk zu fusionieren. Zumal ich glaube, das elektronische Musik und klassische Komposition viel miteinander gemein haben. Ich kann Wagners Rheingold kaum hören, ohne Pattern, Samples, Dubs und andere Proto-Elemente modernen digitalen Arrangements herauszuhören. Reichs 18 Musicians löst bei neuen Zuhörern immer Erstaunen aus, wenn sie erfahren, dass es leibhaftig eingespielte «echte» Musik ist, es klingt einfach zu sehr wie ein wildgewordener Sampler und ist sehr nahe an Klängen, die später die Neubauten oder Test Department in die Pop-Avantgarde einbrachten. Insofern liege ich seit ewig den Orchestern, für die ich so arbeite, in den Ohren, einmal an diese Baustelle zu gehen und zum Beispiel mit Mouse on Mars. Klassik ist oft zu eingeschränkt – diese potentiell so reiche musikalische Quelle wird oft wie ein Gral behütet, abgeriegelt von der Interaktion mit anderen Genres, es sei denn als Bombaststreicher für Metalbands. Dabei zeigen bereits Portishead, wie gut Livemusik einer Band und ein Symphonieorchester harmonieren, und es gibt zahlreiche andere solcher Zusammentreffen die zeigen, dass solche Grenzüberschreitungen im höchsten Maße Sinn machen. Jazz und HipHop überleben seit Jahren und Dekaden, obwohl längst «alte» Genre, weil sie immer offen für Impulse und Veränderungen und morphologisches Wachstum. Die Klassik lernt zu wenig aus diesem Bereich, und läuft damit Gefahr, unter einer edlen Käseglocke einen irgendwann einsamen Tod zu sterben, weil sie zum Museum geworden ist, für die Jetztzeit nicht mehr offen und relevant. So großartig klassische Musik in ihrer reinen Form ist, so wichtig ist eben auch das Experiment, das (Ver-)Suchen, Trial und Error. Nicht nur für die Suche nach neuen Zuhörern, sondern auch einfach in der Arbeit in Komposition und Arrangement, um frisch und akut zu bleiben, nicht zum besseren Hort der Romantik zu verkümmern. E-Musik sollte lebendig und frisch sein, kein Besuch im bürgerlichen Musikmuseum, sondern ein aktuelles Erlebnis.
Umso schöner, wenn es einmal funktioniert. Die Düsseldorfer Symphoniker, die sich unter dem amerikanischen GMD John Fiore ohnehin oft beeindruckend modern zeigen, haben sich mit den Phoneheads zusammengetan, einem Düsseldorfer Drum’n'Bass-Duo. Philipp Maiburg und Michael Scheibenreiter haben 2005 mit Buddy Language eine mehr als beachtliche dritte CD auf den Markt gebracht, die eigentlich weit über das DnB-Genre hinausreicht und Elemente von Soul und zahlreichen anderen Genre verarbeitet und mehr nach 4Hero klang als nach der reinen Lehre. Der genreübergreifende Ansatz der Phoneheads und das offene Denken der DüSys resultierte dann in einem begeistert gefeierten Konzert in der Tonhalle, bei dem neben vielen Tracks von Buddy Language auch Klassiker wie Syrinx reinterpretiert wurden. Live-Schlagzeug, der großarige Gesang von Cleveland Watkiss, elektronische Sounds, Turntables, Keyboard, Bass, Gitarre und eben ein ganzes Orchester ergeben einen druckvollen, und zugleich weichen Sound, den man im Studio so niemals hinkriegen würde. Klanglich sind solche Experimente immer ein Risiko – viele Live-Orchester-meets-a-Band-Sachen klingen zu soft und hallig -, aber hier gelingt die Fusion. Das hier als Dirigentin fungierende Multitalent Heike Beckmann verleiht den DüSys ein deutliches Craig-Armstrong-Flair, eine distinktive, aber druckvolle, epische Zurückhaltung, als würden Wil Malone oder Ennio Morricone den Ton angeben. Samtig und doch präsent, cinemascope aber doch eindeutig in Funktion der Soundscapes, die Maiburg und Scheibenreiter produzieren. Das Ergebnis erinnert nicht ohen Grund eben an 4Hero oder an die softeren Massive-Attack-Produktion, eine seltsam träumerisch-groovende Melange, die sich schon beim Opener Second Sight von caféhaus-chillender Grandezza zu epischen James-Bond-Theme-Klängen aufschwingt. Immer wieder schwingt sich das Orchester zur vollen Größe auf, wird nie zum Begleiteffekt, sondern kann – mal bekannte Versatzstücke zitierend als «echter» Sampler, mal als völlig freier Klangkörper – die Musik der Phoneheads oft dominieren, restrukturieren, neu erfinden, dem in der reinen Form auch oft etwas zu glatten Future-Jazz-Sound der Phoneheads eine neue Dimension geben. Das Ergebnis geht in den gelungenen Momenten schon ein gutes Stück über die üblichen Pop-meets-Classic-Mätzchen hinaus, ist weder das eine noch das andere, sondern ein oft wackeliger, fluider Marginalzustand, der nicht die gesamte Konzertlänge aufrechterhalten werden kann, aber in vielen Momenten aufblitzt (etwa in der Mitte von Syrinx oder bei Maracanenses) und dann faszinierend und belebend wirkt. Das Experiment gelingt nicht durchgehend, aber der Sprung zwischen den beiden Genre erweist sich hier als spannend und aufregend eben weil es oft unsicher oszilliert und nicht einfach eine Rockhymne mit Streichern zugesuppt wird. Ausgehend von der Klangwelt der Phoneheads ist das Ergebnis immer noch sehr konsumabler, sehr gepflegter Wohnzimmer-Sound, den sich auch eine ältere Abo-Kundschaft gut anhören kann, der aber auch neue Zuhörer in die subventionierten Konzerthallen bringt. Man darf sicher fragen, ob die Starbucks-Latteschlürfer von heute nicht das Großbürgertum von morgen sind, eine Reinkarnation der angepassten, und ob der glatte Sound der Phoneheads nicht ebenso affirmativ und beschwichtigend, einlullend ist, wie Mozart oder Brahms – Musik als Barbiturat. Aber ganz so streng sollte man solche Experimente gar nicht betrachten wollen, vor allem, wenn auf der beiliegenden DVD doch allen Beteiligten der Spaß an der Sache klar anzusehen ist. Insofern ist Phoneheads live at Tonhalle ein Gewinn für alle: Die Phoneheads haben sich selbst ein grandioses Geburtstagsgeschenk zum 10. gemacht, die DüSys erobern neue Zielgruppen und zeigen sich als offenes, junges Orchester und wir alle haben eine großartige Platte im Schrank stehen. Am 19.2. gibt es eine Wiederholung des Konzerts in der Tonhalle, die ich nur empfehlen kann.
31. Januar 2008 10:14 Uhr. Kategorie Musik. 3 Antworten.
florian silbereisen am logic, gruselige vorstellung, aber natürlich sowas von wahr. dem kann man nichtmal böswilligerweise unterstellen, das er ein doofer cubase-nutzer ist, denn dann würde man direkt auch die kraftwerker beleidigen … verzwickt verzwickt :-D
Wenn du dir Volksmusik anhörst, bist du oft überrascht, wie unglaublich das nach Kellerstudio klingt. Anscheinend ist der Zynismus gegenüber der less-than-sophistocated-Zielgruppe einfach so, dass man ihnen nicht zutraut, Werksounds zu erkennen oder von authentischen Instrumenten zu differenzieren. Das Programming in Schlager und Volksmusik ist insofern der Bodensatz. Und insofern spaßigerweise ganz am weitesten entfernt von der Gefühligkeit des Echten und Naturverbundenen, das diese Musik verkauft. Da wird im Krachledernen zum Playback musiziert, das aus 15 Jahre alten Roland-Expandern kommt :-D. Ein Gegensatz, den ich immer wieder spaßig finde. Volksmusik/Schlager sind künstlicher und herzloser, durchproduzierter und abgezockter als die gesamte ach so moderne und kühle Techno/House-Szene zusammen.
[...] von den Phoneheads ihr gemeinsames Experiment mit den Düsseldorfer Symphonikern. Was aber auf der CD-Veröffentlichung des ersten Konzertes erstaunlich homogen und überzeugend klingt, kann in der Tonhalle nicht [...]