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Philip Glass: Symphony No 7 «Toltec»

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Wenn es so etwas gibt wie den David Byrne der Klassik, dann ist es sicher Philip Glass. Hoch erfolgreich in der Grauzone zwischen Kommerz und ernster Musik unterwegs, macht er eine Art Indiepop-Klassik, die Versatzstücke moderner E-Musik mit einer auch für eher gelegentliche Klassikhörer zugänglichen Harmonik, angereichert mit fast typischen Motiven, Mustern und Gesten, die seinen Kompositionen stets fast so etwas wie einen «Markencharakter» verleihen.

Wie Byrne widmet sich Glass hier der «Weltmusik» und nimmt sich auf Toltec der mittelamerikanischen Kultur in der Zeit um etwa 1000 nach Christus an, unterteilt in drei Sätze, in deren Mittelpunkt die heilige Dreifaltigkeit der toltekischen Wirrarika steht. Aber ehrlich gesagt – ebenfalls wie oft bei David Byrne -, man hört es nicht wirklich heraus, Glass könnte mir die Komposition ebenso gut als Mediation über die Wüste oder Eskimos verkaufen, und nicht ohne Grund ist der dritte Satz insofern vielleicht schlichtweg eine Zweitverwertung bereits bestehenden Materials. Das erste Movement – The Corn – ist eine typische auf- und absteigende Bewegung, mit der epischen Breit, in der Glass sich in seinen orchestralen Arbeiten oft gefällt, ist hierfür ein drastisches Beispiel, bei dem eher lautmalerisch die Bewegung von Wind im Kornfeld spürbar wird. Erst im zweiten Satz The Hikuri wird – aber eben durchaus auch auf eine für Glass typische repetitive Art – so etwas wie ein fast klischeehaftes «Native»-Gesang-Muster spürbar, eine dunkle, bedrohliche Stimmung, deren Gesangsparts aber ebenso gut aus einer Filmmusik-Umdichtung von Orffs Carmina Burana stammen könnten. The Blue Deer, die dritte Bewegung, ist deutlich ruhiger angelegt und arbeitet sich zu einem von Streichern und Bläsern dominierten, für Glass-Verhältnisse etwas stupiden Crescendo empor, um dann sanft auszuklingen.

Dem Bruckner-Orchester Linz unter der Führung des Routiniers Russell-Davies gelingt eine präzise, wenn auch vielleicht nicht ausreichend chirurgische und harte, Interpretation in dieser Live-Aufnahme. Vielleicht hätte der Komposition eine aggressivere Interpretation gut getan, jedenfalls ist das Ergebnis eine geschliffene, epische, hypnotische Einspielung, die sich wieder einmal erfolgreich in einem seltsamen Limbo zwischen «echter» Klassik (was immer das heißen mag) und einer Art Filmscore-Ästhetik bewegt, die Sorte Einspielung bei der der Kopf hier und da ob gewisser Beliebigkeiten und Berechenbarkeiten eher kritisch reagiert, der Fuß aber trotzdem mitzuckt, Ich persönlich bin ein großer Freund der Art, wie sich bei Glass fast elektronisch-minimalistische Strukturen und Formen finden, am deutlichsten in seinen reinen Orgelwerken greifbar, die aber auch in den etwas suppigeren Orchester/Chor-Variationen seiner stets gleichen Arpreggiator-Bewegungen rhythmisch einfach Spaß machen. Umso mehr ärgert es bei The Blue Deer, dass sich Glass auf einen sehr simplistischen Grundrhythmus verlässt, der weder dem ruhigen Charakter des Stückes gerecht wird, noch eine klare Bewegung suggeriert, sondern nach einer Weile eher einfach anstrengt (also nicht anstrengend ist, was gut wäre, sondern ganz banal anstrengt).

Alles in allem sind die kurzen 30 Minuten von Toltec wegen des ersten und zweiten Satzes durchaus einen Kauf wert – sie liefern genau das, was man von Glass erwarten darf und man ist fast eher subkutan enttäuscht, wie glatt Glass diese Erwartungen einfach erfüllt, man würde sich hier vielleicht mehr Mut zu einer Tangente in seiner Evolution wünschen, die über eine Weichspülerversion dessen, was er mit Einstein on the Beach eigentlich bereits spannender abgeliefert hat, hinausgeht, aber natürlich liefert auch Toltec eine wenn auch sanfte Weiterentwicklung von Philip Glass’ tonaler Sprache. Wer Glass mag, wird hier insofern bestens bedient, aber wie bei David Byrne wird man den Beigeschmack nicht los, dass früher eben doch alles irgendwie besser war…

23. April 2010 09:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag .
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