
…wie es in dem Song von Trust so schön heißt. In jedem Krankheitsverlauf gibt es vor der Phase von Abfindung und stumpfer Apathie, dem Warten auf dem Tod, die Phase der Aggression. Der Wut gegen einen diffusen, unangreifbaren, körperlosen Gegner, die sich nicht zielgerichtet ausdrücken kann und so oft dazu führt, daß die Todgeweihten sich selbst oder ihre Freunde und Familie verbal oder handgreiflich attackieren. Nichts anderes ist der seit den Siebzigern eskalierende Terror in der Dritten Welt, nichts anderes war die RAF, die Unruhen in LA und kürzlich in New Orleans, nichts anderes sind auch die brennenden Straßen in den Trabantensiedlungen vor Paris. Das gute alte Macht kaputt, was euch kaputt macht. Es ist nicht politisch, nicht zielgerichtet, nicht intelligent und deshalb kein Guerillakrieg, der zum Erfolg führen wird. Auch wenn es natürliche muslimische Untertöne gibt – die islamischen Expansionisten wären dumm, diese Chance nicht zu nutzen, zumal die muslimischen Schulen in der Pariser Suburbia fest als Machtin der Parallelwelt etabliert sind – ist das hier eben nicht die französische Intifada. Es ist nur entweichender Druck, der langfristig dazu führt, daß die Konservativen in Frankreich weiter am Polizeistaat arbeiten können, neben den ausländischen Terroristen jetzt auch einen inländischen Buhmann haben, um die Überwachungsnetze repressiver zu spannen, mittelfristig ist das System jedem Unruhestifter dankbar, weil er eine Theodizee des starken Staates liefert. DNA-Analysen, RFID-Implantate, Surveillance… wenn nur nicht Flugzeuge in unsere Häuser fliegen oder Immigrantenkinder ihre Autos in den Banlieues abfackeln. Man schaue sich nur an, was nach dem Mord an Theo van Gogh an Rollback in der niederländischen Immigrationspolitik stattfand.
Das die Politik diese dumpfe Form von Protest als Ungeziefer abtut, daß es mit dem Hochdruckreiniger zu entfernen gilt, ist so wenig überraschend wie falsch wie von den üblichen Eigeninteressen ökonomischer Politik geleitet. Die Opfer des kapitalistischen Systems wählen dessen politische Kaste ohnehin nicht mehr – aus Abneigung oder weil sie gar nicht mehr wählen gehen, resigniert sind –, insofern agiert man hier gegenüber der eigenen Klientel als durchgreifender Staatsmann bei minimalen Stimmenverlust-Risiko. George Bush zeigt nachhaltig, wie hochgradig erfolgsstiftend diese Form der medialen Selbst-Inszenierung sein kann, wenn man nicht zu viele Patzer en bloc macht. Es hat auch mit dem Realitätsverlust aller Politiker zu tun, in politischen Gegnern Systemabweichler zu sehen. Ich erinnere mich an eine Wahlkampf-Veranstaltungen von Helmut Kohl, bei der er ein paar Demonstranten mit Trillerpfeifen als «linken Abschaum» bezeichnete – und nicht einer der Pfeifkonzertler sah tatsächlich bei näherer Betrachtung so aus, hier manifestiert sich vielmehr die Entrückung von Machtpolitikern aus der Wirklichkeit. Clements Umgang mit dem Scheitern von Hartz IV, Schröders Verhältnis zur deutschen Presse… Sarkozys «Racaille» ist da auf der gleichen Linie. Sarkozy ist klug genug, zu wissen, daß er damit gezielt den Konflikt weiter schürt, das ist Strategie… so wie Bushs Wort von den Crusades, den Kreuzzügen bei seinem Ultimatum an Al Quaeda. Die Wortwahl an sich garantiert, daß eine friedliche Lösung ausgeschlossen bleibt. Die Jugendlichen in den Cités leben schließlich in einem strikten Kastensystem von Respektbekundungen, von Gesten und Kommunikations-Symbolismen. Nicolas Sarkozy will die Eskalation, braucht sie.
Allein, die kleinen Krawalle in Clichy-sous-Bois werden die Politik nicht zurück an den Tisch der Vernunft holen, die Sache ist ein paar Tagen vorbei (obwohl die Franzosen einen Geschmack für Revolutionen haben, wer weiß, wer weiß, vielleicht halten die Kids in Essone und Toulouse ja eine Weile länger durch. Am Ende aber, da weiß die IRA ein Lied von zu singen, muß man sehr lange sehr hart kämpfen, um dann doch nur lauwarme Kompromisse durchzusetzen. Die Bank gewinnt immer. Der Kranke zerkratzt sich nur die eigene Haut. Am Ende wird es kosmetische Projekte geben, Photo-Ops, Soundbites, den ganzen Bullshit, den wir von Bush in New Orleans gesehen haben… aber keine wirkliche Hilfe für die sozialen Brennpunkte. Am Ende wird es mehr Polizei geben, der Krieg zwischen Underdogs und Staat wird weiter schwelen. Die gleichen Zustände herrschen in den USA, in England und noch deutlich abgeschwächt – abgefedert durch ein zwar fehlerhaftes, aber zumindest kalmierendes soziales Ausgleichssystem – auch in Deutschland. Wären die Protestler cleverer, organisierter… sie hätten eine Chance. So sind sie Kanonenfutter, das von Sarkozy und de Villepin medial für den anstehenden Machtkonflikt um die Präsidentschaft mißbraucht wird.
6. November 2005 06:26 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.