
Hannah Luckraft, irgendwo zwischen 30 und 40, ist Alkoholikerin. Sie mag Flüssigkeiten und sie mag viel davon. Alison Louise Kennedys gleichnamiger Road-Movie-Romanklassiker präsentiert einen kaleidoskopischen stream of consciousness, eine zerbrochene Figur zwischen den Höhenflügen und Tiefen der Alkoholabhängigkeit, zwischen dreckigen BlowJobs und DT, Entzug und dem unglücklichen Liebesdrama mit dem ebenfalls alkoholsüchtigen Zahnarzt Robert Gardener. Das auf die Bühne bringen zu wollen, ist ambitioniert, und gelingt fast nahtlos. In der kleinen Box der Grillo, auf fast nackter Bühne, steht Judith van der Werff in schlecht sitzender verknitterter Esprit-Bluse, gerade noch präsentabel, aber auf den ersten Blick nicht ganz hier, und gibt die mäandernden, komplexen Monologe des Stückes mit einer Leidenschaft, die beängstigend ist. Selbst da wo sich Overacting anbietet, gelingt es ihr, niemals auszurutschen, selbst Gefühlsausbrüche wirken glaubhaft, die stillen Zwischentöne, die Pausen sitzen präzise. Ihre Partner Christoph Finger und der smarte Fritz Fenne, der hier glaubhaft den Alkoholiker aus dem Ärmel zaubert, bestechen, ohne dem Star des Abends das Wasser abgraben zu können. Der bescheiden mit seiner Posaune am Rand zwischen Bandmaschinen und Technik hockende Profi-Musiker Henning Beckmann, den man unter anderem schon als Gast der grandiosen Erdmöbel kennt, zaubert mit Loops und minimalster Elektronik einen beängstigend dichten Soundtrack zum Stück, bei dem man immer wieder zu Erdmann schaut, weil man sich fragt, wie der Mann mit Hilfe von etwas Sampling und Delay solche Walls of Sound zaubern kann und warum es die Musik nicht auf CD gibt. Der Less-is-More-Mentalität bei Bühnenbild, Kostüm und Musik folgt auch die Lichtregie, die den kleinen Raum in wahrscheinlich 30 verschiedene Weißtöne taucht, vom flirrenden Neonröhrenlicht über wärmere Lichtstimmung zu kalten Weißtönen, die gleichsam einen Raum suggerieren. Das Licht mutiert zum Mitspieler und definiert mit geringsten Mitteln Übergänge in Zeit und Raum, oft effektiver als ein Umbau es könnte. All diese Liebe zum Detail und der ganze Minimalismus wäre allerdings für die Katz, wenn van der Werff nicht eine Tour de Force auf die Bühne zaubern würde, bei der man hinter nicht mehr weiß, ob sie einfach nur die Rolle einer aufgelösten, völlig fertigen Frau spielt oder wirklich so am Ende ist. Man nimmt ihr die zynische, smarte, ihren Alkoholismus lange Zeit ironisierende, menschen- und weltmüde Hannah so nahtlos ab, dass am Ende des Stücks verstörtes Schweigen dem langanhaltenden Applaus voranging. Sparsam inszeniert, atmosphärisch dicht, darstellerisch umwerfend ist Paradies ein druckvolles Psychogramm, ein Blick in den postmodernen Abgrund, ein wirrer Remix des Buches, der fast noch irrlichtender und abgründiger wirkt als die Vorlage, Hannahs Aussetzer geschickt als Stilmittel nutzt, um aus der zyklischen Erzählung eine düstere Moebiusschleife zu drehen. Genau die Sorte Theaterabend, die man sich mehr wünscht. Danke an Seán fürs Mitnehmen ;-D.
22. November 2007 17:30 Uhr. Kategorie Live. Eine Antwort.
DT hat ein wenig gedauert. :-/