
Oper und Tanz gehören mit gutem Grund zu den härtesten Kategorien der Bühnenkunst, da sie nicht nur körperlich extreme Leistungen von den Darstellern einfordern, sondern auch für das Publikum oft nur schwer nachvollziehbar sind. Wo das Schauspiel auf Text und die Musik auf Emotion setzen darf, schwirren Oper und vor allem der Tanz in einem Limbo zwischen linker und rechter Hirnhälfte. Selbst modernes Tanztheater à la Pina Bausch, das aus dem engen Korsett des klassischen Ballettanzes ausbricht und den nonverbalen Ausdruck der Ebene des Sprechtheaters gleichzustellen versucht, bleibt schwierig aufzunehmen, und kann – für mich persönlich gesprochen – unglaublich schnell aufgesetzt und, schlimmer, langweilig werden, zumal der Schockmoment, den dieser Ausdruckstanz in den 70ern vielleicht noch hat, längst gewichen und die Formensprache etabliert ist. Es ist mehr als schwer, in diesem Bereich noch etwas Neues in Szene zu setzen.Umso höher ist Gregor Zöllig anzurechnen, daß er diese beiden schwierigen Sparten zu fusionieren versucht und das mit einem als Oper allein schon kaum beglückenden Stück wie Orfeo ed Euridice von Christoph W. Gluck, das den Orpheus-Mythos eher etwas grobschlächtig (und mit angepapptem Happy End) zu einer etwas steifen Oper verarbeitet. Zöllig und seinem Tanzensemble gelingt, gemeinsam mit den beiden Sängerinnen Kaja Plessing und Victoria Granlund, eine seltsame Melange, die unglaublich schnell hätte peinlich werden können, die sich aber kaum Schwächen leistet und von Anfang an überzeugt. Eines meiner persönliuchen Highlights eröffnet das Stück, ein Vinyl-Sample, zwei In Steve-Reich-Manier phasenversetzt zu immer neuen Rhythmen findende Tonfragmente, von denen ich mir – als Crossover zwischen Sample und Live-Orchester – eigentlich mehr gewünscht hätte. Wie groß wäre es gewesen, hätte man neben Tanz und Oper hier auch elektronische und klassische Musik fusioniert. So modern wie der Auftakt ist auch das Bühnenbild von Tilo Steffens, der die Mitteln der Rudolf-Oetker-Halle (die ja nicht für Theater gebaut wurde), bis an die Grenzen treibt. Du merkst hier und da die Kompromisse, die man auf dieser Bühne und vielleicht auch mit dem zur Verfügung stehenden Budget machen mußte, aber im Ganzen überzeugt die Bühne mit Licht, Bauten, raschen Wechseln und Theater-Standards wie Videoprojektion immer wieder und zaubert in die hochtriste Oetker-Halle etwas Theateratmosphäre, die mitihren schrillen Kostümen und satten Farben fast (aber nur fast) in die Sphäre des Musicals zu versinken droht, aber immer mehr Pop als Kitsch ist, immer stilsicher bleibt.Zölligs Ansatz, Oper und Tanz simultan zu inszenieren und Orfeo und Euridice ergo zeitgleich als Vokalisten als auch durch mehrere Tänzer auf der Bühne präsent zu haben, die die Handlung des Stückes singen und als nonverbalen schweißtreibenden Körpereinsatz kommunizieren, zahlt sich aus. Was als Oper langweilig, als Tanz zu langatmig wäre, ist in der Fusion ein Feuerwerk aus Eindrücken, bei denen der visuelle Overkill, das schiere Zuviel an Eindrücken und Geschehnissen, den eigentlichen Spaß ausmacht. Du weißt nie, wo du hingucken mußt, du verpasst die gesamten 1 Stunde 20 Minuten immer unweigerlich irgend etwas. Die Fusion von Tanz, klassischer Musik (präzise geleitet von Carolin Nordmeyer) Oper und Elementen des modernen Theaters schafft ein Gesamtwerk, das an reinem Unterhaltungswert und an Zugänglichkeit niedrigschwellig bleibt, ohne jemals platt oder einfach oder billig-anbiedernd zu werden. Pop im besten Sinne.
Alle Photos sind übrigens von der wunderbaren Ursula Kaufmann.
Alle Photos sind übrigens von der wunderbaren Ursula Kaufmann.




30. Januar 2006 15:49 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.