
Auf der Suche nach dem neuen Look des Nationaltheater Mannheim, in das die Bielefelder-Ex-Intendantin Regula Gerber wechselt, habe ich einen einige Jahre alten Text über die Arbeit für öffentliche Einrichtungen gefunden, an dem u.a. Andreas Homann (der gemeinsam mit Brody das Schauspielhaus Hamburg gemacht hat und das X für den «alten» Mannheim-Look entwickelte, ein kaum zu toppendes Visual) und Johannes Erler (von factor design, die ja das Thalia machen) beteiligt. Vieles davon läßt sich bestätigen, wie etwa das etwas traurige Herumgespare am Außenauftritt bei den Theatern, wo zugleich irrsinnige Summen an anderen Stellen verbraten werden; auch das Konsensmodell stimmt, in Bochum haben wir teilweise sehr befriedigende Sachen gemacht, teilweise kompletten Kompromiß-Müll produzieren müssen, aber alles in allem ist meine Erfahrung nicht so negativ.
Die meisten Dramaturgen, die ihr Geld wert sind, wissen, daß es am besten ist, uns machen zu lassen und eher als Inspirationsquelle und Ideen-Partner zu wirken, vom Bühnenbild hat sich bisher noch niemand eingemischt, obwohl ich mir vorstellen kann, daß mich die Ideen einen K.E. Herrmann eher ordentlich begeistern würden.
Problematisch an der Arbeit für öffentliche Einrichtungen wie Theater und Sozialinstitutionen finde ich derzeit eher die Orientierung am ökonomischen Primat. Theater wollen Karten verkaufen, Suchtzentren Therapieplätze. Das ist sicherlich zunächst sinnvoll und ich bin der erste, der gegen eine Arbeit im Elfenbeinturm ist. Design muß auch funktionieren dürfen. Oft ist das Ergebnis dann aber brav und anbiedernd, ängstlich-vorsichtig und allzu industriell-mittelständisch und geht damit an der Essenz der eigentlichen Bedeutung solcher Einrichtungen vorbei. Theater ist eben mehr als ein Freibad, mehr als nur ein Entertainment- und Bildungsauftrag. Theater ist Kultur. Und muß insofern auch mal ordentlich wehtun dürfen. Theater ist Kunst, und die muß irritieren können. Die Aufgabe öffentlicher Subvention ist ja gerade, diesen Freiraum zu gewährleisten. Ansonsten sind die meisten Stadttheater ganz schnell auf Stella-Musical-Niveau oder spielen Schenkelklopfer-Boulevard. hauptsache, daß Haus ist voll. Je härter die Zeiten, je höher der Druck, umso bösartiger muß meines Erachtens nach eigentlich das Design werden. Insofern ist für mich derzeit in der Arbeit mit Theatern oft der Wunsch nach einem konservativen Auftritt, das Denken in (in der realen Wirtschaft fast veralteten) Corporate-Design-Strukturen manchmal etwas, von dem ich glaube, es führt die Theater in die falsche Richtung.
So ist zum Beispiel in Bielefeld unsere Strategie, den Wunsch nach Bürgerlichkeit zu respektieren (es ist nicht mein Job, Abonnenten zu vergraulen), aber dennoch peu a peu das Design in eine Richtung zu lenken, die eben in kommerziellen Imagebroschüren nicht mehr gehen würde, weil man ja immer etwas verkaufen will. Theater-Design wird immer dann gut, wenn man sich freigeschwommen hat und aufhören kann, etwas an den Mann bringen zu müssen. Das hat in Bochum (auch getragen von Hartmanns kommerziellen Erfolg, gepaart mit Oberenders Wunsch nach mehr Tiefe im Inhalt) ausgezeichnet funktioniert, ganz am Schluß unserer Zeit dort sind teilweise relativ seltsame Dinge publiziert worden, mit denen ich bis heute zufrieden bin. Theater sind Kunst-Plattformen und sollten, wie Museen und andere Einrichtungen, auch so auftreten. In Bielefeld möchten wir einen deutlichen Sprung von Gerber zu Michael Heicks machen, aber im Grunde weiß ich, daß der wirkliche Auftritt erst emergieren wird, wenn die Intendanz uns zwei drei Jahre Zeit gibt, nach der Pflicht die Kür zu liefern. Ich bin der festen Überzeugung, daß eben auch auf Regionalebene ein Auftritt wie in Berlin oder Wien machbar sein sollte und machbar sein muß, daß eigentlich sogar etwas mehr Provokation dazugehören kann, die auch machbar ist, wenn sie Ironie und Charme hat und dem Publikum klarmacht, daß es gemocht wird und eingeladen ist. So etwas geht und genau das müssen öffentliche Einrichtungen verstehen. Sie haben nicht das Budget, um mit der industriellen Werbung mitzuhalten. Die einzige Lösung hier ist immer und ausnahmslos, sportiver zu denken und der Industrie nicht hinterherzuhecheln (oder gar große Agenturen zu beschäftigen), sondern schneller, kleiner und aggressiver zu werben.
29. Mai 2005 15:43 Uhr. Kategorie Arbeit. Keine Antwort.