
Norbert Bolz ist nicht für seine Zurückhaltung bekannt und bezeichnet sein Buch Bang-Design denn auch mal gleich als «Design Manifest des 21. Jahrhunderts». Was vielleicht ein wenig hochgegriffen ist, zumal es sich um ein Buch handelt, in dem nur jede zweite Seite überhaupt bedruckt ist, das seitenlange, leider irgendwie doch mehrwertfreie Kapitelopener aufweist und von dessen verbleibenden knapp 80 Seiten reinem Text mindestens ein Drittel der Medizin gewidmet ist. Anscheinend ist die Zeit wieder richtig für Manifeste, und Bolz ist nun seit eh und je der Mann für Statements, die sich ohnehin gut als Manifest hergeben.
In BANG-Design widmet Bolz sich, im Auftrag von von Peter Wippermanns Trendbüro, den Zukunftsräumen bio, atom, nano und gen und ihrer Konvergenz untereinander sowie mit den soziopsychologischen «weichen» Disziplinen. Er spannt den Bogen von Heideggers Metaphysik zu den neuen fast materielosen Wissenschaften, und springt souverän durch die Geschichte des Designs als formalrhetorischen Integerprozess der technischen Evolution. Vom Jugendstil bis zu Post:-Aicher spannt er den historischen Bogen auf zum Design als kybernetischen Faktor in einer modularen Entscheidungsmatrix, und stellt die Frage, was Design heute, da die reine ehrliche Sichtbarmachung technischer Prozesse eben nicht mehr ausreichen kann -da diese unverständlich, ergo «unsichtbar» sind – für die moderne Zivilisation leisten kann.
Emotional Design, folgert Bolz, muss dem User Vertrauen in die undurchschaubaren technoiden Black Boxes geben, Design muß den emotionalen Konnex zwischen Mensch und Technik herstellen. In dieser Funktion durchdringt Design heute unsichtbar längst alle Lebensbereiche – hier liegt die Hypothese vom Ubiquitous Design, die auch Bruce Mau in Massive Change deutlich hervorhebt. Design wird in erster Linie zur Interfaceleistung, zum gezielt gestalteten Kommunikationsakt, gleich welcher Art. Folgt man dieser Logik, wird Design vom aufklärerischen Moment bei Aicher zu einer Art intelligenten Illusionsakt, zur soziopsychologischen Hypnoseleistung, der digital-unverständliche hyperkomplexe Technologien zurück in die analog-begreifbare Domäne des Menschen bringt, quasi semiotisch tieferlegt.
Diese akute Ausprägung von postfunktionalistisch-sinnspendendem Design findet Bolz in der Anwendung von Nanotechnologien, in der Erstellung neuer Hightechmaterialien, in hypertextualen, virtuellen sozialen Analysemodellen, in neuromorphischen Mensch-Maschine-Interfaces, in non-invasiver moderner Medizin, in Bioinformatik, in AI und in anderen Bereichen, in denen Ingenieurs- und Designleistung nahtlos verschmelzen. Bolz zeigt die Chancen, aber auch ansatzweise die ethischen und sozialen Risiken dieser Tendenzen auf und folgert, dass die Rolle von Designern in Zukunft eine Art «Hirte des Seins» sein müsse.
An vielen Stellen des Buches, wie auch am etwas pathetischen Ende, it man geneigt, Widerspruch einlegen zu wollen. Bolz wirkt unbeschadet von jedem kritischen Anflug, sein Technikglaube wirkt frei von Zweifeln. Ökologische und soziale Krisen, Ungerechtigkeit, Ausbeutung scheinen sich – hinter den Kulissen – durch eine Art unsichtbare Hand des Fortschrittes zu regeln. Als Technoprophet predigt Bolz bis zu einem gewissen Maße die Lösung von durch Fortschritt verursachten Problemen durch eben weiteren Fortschritt.
Ganz so einfach, ganz so unkritisch geht das natürlich nicht und für ein «Design-Manifest» beleuchtet Bolz eben nur – dies aber fulminant – die eine Seite der Bedeutung von Design. Design wird zum schöpferischen, Emotionsspender-der Wissenschaften – und diese Definition greift etwas zu kurz. Es ist sicher richtig, dass das Design von Morgen enger und funktionaler mit der Technik kooperieren muss, sich den Möglichkeiten des Fortschrittes öffnen sollte. Aber man sollte zwei Schritte weiter denken: a) Design kann, darf und muss einem künstlerischen Imperativ zur Rebellion folgend eben auch antitechnokratisch sein, eine Rückkehr zur Natur, zur Authentizizät, zum Echten einfordern. Im Sinne des Situationismus als die Oberfläche punktieren, durch Pranks und Guerillagags, durch Cleverness und Engagement den Status Quo in Frage stellen. b) Design kann und darf auch Science Fiction sein. Nicht der Technik als eine Art Adjudant beiseitestehen, sondern selbst akut Impulse geben. Design sollte ökonomisch, strategisch, visionär und ganz pragmatisch Zukunft träumen und ihr eine Form geben, sollte Science Fiction sein. Diese beiden Trends – die sich beide mit dem Status Quo auseinandersetzen, indem sie ihn entweder kritisieren oder in die Zukunft projiziert auflösen wollen – sind die derzeit spannendsten Möglichkeiten, über Design zu denken. Bolz Buch, obwohl am Ende vielleicht zu sehr im technokratischen steckenbleibend, ebnet den Weg zu einem solchen Denkansatz von Design und ist insofern unbedingt lesenswert.
3. Dezember 2007 21:12 Uhr. Kategorie Buch, Design. 6 Antworten.
http://www.perlentaucher.de/buch/24223.html
Mit „Die Helden der Familie” hat Bolz es bei mir endgültig versaut. Eitelkeit gepaart mit öffentlichkeitswirksamem Geblase … (nicht) schön und (nicht) gut … aber das war zu viel. Da ist mir die knappe Lesezeit zu schade.
Das hab ich nicht gelesen, im Großen und Ganzen mag ich Bolz schon sehr, weil er wie Sloterdijk zwar immer etwas populistisch bleibt, aber einfach sauber zuspitzen und aufregen kann. Indirekt ist Bolz dafür verantwortlich, dass ich Design mache – insofern ist er schuld an eurer Qual mit mir.
ja, ja … machos unter sich ;-)
nein, nein hd – gegen dich war das nicht gerichtet ;-)
Und außerdem haben wir nicht nur Qual mit dir – das ist schon auch Vergnügen! Deshalb bin ich Herr Bolz jetzt aber mal extra dankbar! Du bist wenigstens einer von denen, die eben zum Weiterdenken anregen, auch wenn es Mühe macht. Und das ist gut so. Danke dafür!
gut, gut … manchmal schweifst du eben ein bisschen aus ;-)
Ausschweifen ist meine Spezi.Ich sollte doch Texter werden, nicht Designer.Das Zeilengeld wäre ein Vermögen wert.
hmm. HD ich will dich ja nicht entäuschen, aber du würdest zeichenvorgaben bekommen, damit der spass ins layout passt. ;-) da müsstest du woanders abschwofen *hihi*
Ich hab schon als Texter gewerkelt. 80% der Arbeit ist, den Inhalt halbwegs auf die Wortmenge zu kriegen, die man halt hat. Das geht aber.