
Das sechste Album, das die Kölnerin Yvonne Cornelius (die man u.a. auch als Mouse-on-Mars Vokalistin kennt, etwa bei »Send me Shivers«) unter dem Pseudonym «Niobe» veröffentlicht hat, ist ein Geschenk. Mal abgesehen davon, dass nichts an diesem Album «deutsch» wirkt, nicht der Gesang, nicht die Produktion, nicht die Musik, nichts – mal abgesehen davon, ist dieser Produktion kein Stil unterzuschieben, keine Richtung, kein eindeutiges Flair, mit Ausnahme einer puren Kreativität, die einen erst vermuten lässt, man hätte einen Soundtrack oder eine Anthologie erstanden. Da knallen Chanson und Stockhausen aufeinander, Jazz und Radiohead, dekonstruktives Hörspiel und lupenreine Singer/Songwriter-Kompositionen, Akustikgitarren und Schlafzimmer-Sample-Loops, große Sounds und urplötzliche Intimität, da verstellt die Sängerin die Stimmen, wandelt sich in verschiedene Charaktere – ich habe selten ein Album gehört, das sich noch schlechter fassen lässt. Was anderen Leuten zum musikalischen Bauchladen, zur Krimskrams-Produktion missraten würde, ist hier aber in jeder Sekunde überzeugend, durchdacht, lupenrein und mit jedem Song atemberaubend. Man kann eigentlich keinen Song herauspicken, weil jeder so einzigartig und so anders als der jeweils nächste oder vorangegangene Track ist, jeder Song liebevoll geschliffen zu kleinen Miniaturen, zu akustischen Kurzfilmen, gesungenen Hörspielexperimenten. Auf einem Album so verschiedene Songs wie »The Stillness«, »As Long as I can fly«, »Does he Gallop O Walk» zu finden wäre schon ungewöhnlich – aber hier ist einfach jeder einzelne Beitrag so einzigartig, unverkennbar und absolut grundlegend anders, dass man nicht ganz weiß, ob man Yvonne Cornelius Heiratsanträge oder die Adresse eines charmanten Psychologen schicken sollte… Denn es kann nur entweder Genie oder Wahnsinn sein, was hier am Werk ist auf diesem ganz, ganz großartigen Stück Musik.
4. Dezember 2011 19:29 Uhr. Kategorie Musik. Tag Alternative. Keine Antwort.