
Auf seinem zweiten Album widmet sich das russische Piano-Ausnahmetalent Tokarev Stücken von Rameau, Debussy. Ravel und Franck -Gavotten, Präludien, Arabesquen, die ihm weich und perlend gelingen, darunter auch etwas vorhersehbare Stücke wie Debussys Clair de Lune. Wo andere Pianisten auf relativ harte Hochgeschwindigkeitsmanöver am Flügel setzen, wirkt bei Tokarev alles einen Tick weich, samtig, manchmal fast gedämpft. Für einen Pianisten Mitte 20 ist da eine fast altersweise Sparsamkeit durchzuhören, ein virtuoser Mut zum Nicht-Angeben-Müssen, vielleicht weil Tokarev sich bei endlosen Pianofestivals bereits als technologischer Könner der Oberliga etabliert hat. Diskret ist das Wort, das einen bei Tokarevs Anschlag am ehesten durch den Kopf geht. Diskret im Sinne von unauffällig, beherrscht und zurückhaltend, Gentlemenlike, wenn man will. Diskret aber auch im Sinne von unterscheidbar und trennbar, denn Tokarev nutzt – anders als viele Kollegen – die Dynamik des Flügels von den sensibelsten, hingehauchten Noten bis zum vollen Anschlag aus. Das klingt dann oft weniger modern und kalt als andere Pianisten, tut den Stücken, die Tokarev sich ausgewählt hat, aber absolut wohltut, das Ergebnis ist eine seltsam altmodisch klingende Einspielung, die ornamentalen Reichtum und eine fast bürgerliche Spielweise kombiniert. Tokarev dekonstruiert nicht, er konstruiert, er baut – das durchaus abgegriffene Clair de Lune hat man selten so filigran, transparent und fast zögernd gehört, dabei aber trotzdem nicht leicht und duftig, sondern mit einer gewissen Schwermütigkeit, die immer wieder trotz so scheinbar leicht perlender Stimmung auf dem gesamten Album durchschlägt. Das French Album (und dem Titel merkt man an, das Sony Tokarev international pushen will) ist beileibe kein perfektes Album, aber für ein zweites Album eines so jungen Pianisten vielversprechend. Mir selbst ist sie einen Hauch zu konventionell, zu lieb, zu wenig ambitioniert, sie hört sich zu gut weg… im Grunde mag ich Pianisten mehr, die Ecken und Kanten haben, weniger perfekt sind, weniger perfekt sein wollen. Das French Album ist eine Platte, die nirgendwo aneckt, die einen Hauch gefällige Konsensmusik abliefert, die man zu gut auch bei Rotwein und Kerzenlicht hören kann, die durchaus kontemplativ ist und phantastisch gespielt, die aber eben auch ein klein wenig wegsülzt, nicht zum aufpassen und mitdenken einlädt, weil sie zu wenig Haken schlägt. Wobei ich sicher bin, dass sich das live relativieren dürfte – Studioklassik ist ohnehin immer einen Hauch zu perfekt und tot.
17. Mai 2009 22:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag Klassik. Eine Antwort.
klingt ja toll…