Von Id zu Ego. Nike bietet mit Nike ID online individualisierbare Artikel an, vom Schuh bis zur Uhr. Nahezu alle Design lassen sich umfangreich – bei den Schuhen bis hin zur Farbe der Schnürsenkel und der Sohle – konfigurieren und via Eingabe eines Textes auch individualisieren. Interessant hieran ist, daß wir uns einen Schritt weiter an die Zielgruppe von EINS herannähern, also eine Rückkehr von der anonymisierten «Zielgruppe» hin zum Individuum. In einer phantastischen Umkehr legt der Produzent so Produktentscheidungen in die Hände des Kunden und gibt selbst nur noch flexible Megatrends vor, während die Kunden Farben und Details selbst festlegen. So wird der Kunde – online ist ja alles nachvollziehbar – selbst zum Determinanten zukünftiger Trends (welche Farben werden am häufigsten gewählt?) und zugleich in dem Gefühl belassen, er selbst «gestalte» seinen eigenen Sportschuh, seine Tasche, seinen Look. Das er hierbei nur – wie in einem PC-Spiel – Multiple-Choice-Entscheidung aus vorgefertigten Pattern treffen kann, ist dabei für die Wahrnehmung des Kunden, der sich längst an diese (und viel tiefgreifendere) Einschränkungen gewöhnt hat, zunächst egal. Vom Car Configurator zum Shoe Configurator.. die Idee der Re-Individualisierbarkeit der Massenfertigung wird Alltag. Erinnert mich ein wenig an die Wahl im September – die Entscheidungsfähigkeit in per se unwichtigen Details (Merkel/Schröder) lenkt geschickt davon ab, daß man auf die großen Dinge (System/Inhalte) kaum Einflußnahme hat. Interessant ist auch der konditionale Aspekt des Ganzen. Wir gewöhnen uns daran, daß Individualität aus dem Patchwork präfabrizierter Modularangebote entsteht. Am Fertighaus bestimmen wir die Dachfarbe, am Fertigauto die Felgen, am Fertigschuh den Schnürsenkel und so emergiert dann die (nur virtuelle) Abgrenzung des Ego von den anderen Alter, die eigentlich genau das gleiche tun. Wir gewöhnen uns daran, daß ein ICH aus solchen Modulbausteinen gebaut werden kann und soll. Das Ich wird so zur zusammengekauften Quersumme vorgefertigter Pattern, wir bauen uns unsere soziale Identität im Grunde recht ähnlich, wie wir einen Charakter bei einem Online-Spiel zusammenpatchworken. Da ist es nur so ein kleiner sozialer Schritt, auch den Nachwuchs genetisch online aus Bausteinelementen zu determinieren, oder?
12. August 2005 07:45 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.