
Bei manchen Büchern hat man ja das Gefühl, schon den Film vor Augen zu sehen – gerade US-Autoren schreiben oft zu drehbuchgerecht – aber bei Nick Hornbys A Long Way Down hatte ich eher das Gefühl, ich sehe die Sitcom. Vier völlig verschiedene Menschen treffen sich in der Neujahrsnacht auf einem Londoner Dach, um Selbstmord zu begehen, überlegen es sich anders, verabreden 90 Tage Auszeit zum Überdenken der ganzen Sache, um dann zu sehen, ob man noch weiterleben will oder eben doch zusammen vom Dach hüpft… und erleben allerlei Abenteuer die sich aus den jeweils individuellen Suizid-Gründen ergeben. So eine Art Friends mit Selbstmord als McGuffin. Nur, daß bei Friends die Leute smarter und hübscher sind. Bei Hornby haben wir einen gescheiterten TV-Moderator, der wegen Sex mit einer Minderjährigen Job und Ehe verpokert, einen gescheiterten Musiker, eine leicht geisteskranke Ministertochter mit großem Mundwerk und Liebeskummer und eine Hausfrau mit einem behinderten Kind und einer Glaubenskrise. Na, wenn das nicht nach Kochbuchrezept-für-eine-Sitcom kling, weiß ich es auch nicht.
Und wie das bei Sitcoms so ist… nothing ever really happens. Das Buch perlt und plätchert wie eine Lounge-Music-CD vor sich hin, schicke Designermusik, die nicht beim Cocktailtrinken stören soll. Die kleinen Lebensweisheiten, die Hornby fast widerwillig einbaut, würden nicht mal Dale Carnegie begeistern und Hornbys durchaus lobenswerter Versuch kein völlig plattes Happy-end zu liefern, sondern eher eine Art von «Das Leben ist scheiße, aber ist es nicht trotzdem super?» zu konstruieren, wirkt etwas angestrengt. Fast genau so angestrengt, wie auch ein aufgepapptes Meg-Ryan-Happyend gewesen wäre.
Nicht hilfreich ist, daß Hornby versucht seinen vier Charakteren eigene «Stimmen» zu geben. Da zumindest Jess und Maureen nicht die strahlendsten Birnen im Lampenladen sind, ist das zwar anfangs lustig, auf Dauer aber eher langweilig. Es wirkt etwas aufgesetzt, wenn Hornby versucht, mehr oder minder profunde Erkenntnisse mit den Mitteln dieser Charaktere zu kommunizieren. Es knirscht. Martin der Softzyniker und JJ der Rocker sind besser zu ertragen, obwohl Hornby aus JJs manischer Belesenheit wenig Kapital schlägt und wenn, dann einen Hauch zu auffällig. Man hört einerseits den Autor hinter den Charakteren, weil alle vier doch gemeinsame Stilistiken haben, die eindeutig von Hornby kommen… andererseits ist eben zuwenig echtes Writing spürbar. Nicht Fisch nicht Fleisch. Der Vorteil der einfachen Sprache: Das Buch dürfte einfach zu übersetzen sein. Hier ist sehr wenig, was die Kapazität der Sprache so nutzt, daß es in der Übersetzung entstellt wäre.
Die letzten vier Zeilen des Buches kann man vielleicht als abruptes Ende empfinden – auch wenn die Fortschreibung der 90-Tage-Frist auf Dauer ja eigentlich von Anfang an klar war, das offene Ende ist ein Markenzeichen der Sitcom und der Soap–, für mich haben sie das Buch größtenteils gerettet, weil Hornby (wenn auch zu spät und wenn auch nur kurz) das schriftstellerische Experiment ohne eigene Stimme zu schreiben kurz verläßt und richtig schreibt, eine einfache wunderbare Metapher für das Leben, das gesamte Buch liefert und so in minimalster Form zeigt, was machbar gewesen wäre. Das macht den langen Anlauf bis hierhin fast wieder erträglich.
Was bleibt ist ein Buch, das man absolut prima weglesen kann, das unterhaltsam und dabei nicht allzu dumm ist, allerdings eben auch wenig Fleisch und wenig literarische Freude bietet. Ein Badewannenbuch, ein solides Stück Trivialliteratur, das als solches vielleicht mehr Plot oder Spannungsbogen hätte brauchen können, aber auch nie langweilig oder stumpf wird. Als Studie der Sinnhaftigkeit (oder Sinnlosigkeit) des Lebens greift es deutlich zu kurz, das haben andere sicher schon besser geliefert, aber so what? Ich fange gerade mit Everything is Illuminated von Jonathan Safran Froer an – und schon auf den ersten 30 Seiten (die sich anfühlen, als hätte man 60 gelesen) liefert das Buch mehr Witz, Charme, Tiefe und wunderbare literarische Experimente als Hornby in A Long Way Down insgesamt.
Aber… es wäre eine Spitzen-Sitcom-Idee. Soviel ist sicher.
Und ich mag natürlich das Cover…
6. März 2006 11:22 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.