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NEW X-MEN

Comics sind als serielles Erzählmedium einen weiten Weg gegangen und haben seit den frühen Achtzigern bewiesen, dass es sowohl im Mainstream- als auch im Independent-Bereich des Mediums Autoren gibt, die die narrativen Möglichkeiten der Kombination von Bild und Text in langen, übergreifenden «Arcs» perfekt ausnutzen können. Nicht ohne Grund sind zahlreiche Filme und vor allem auch die Struktur nahezu aller erfolgreicher neueren TV-Serien an den klassischen Plotaufbau moderner Comics angenähert.

Dennoch ist es eine Ausnahme, wenn in der tiefsten Mitte des Mainstreams, also bei Franchises wie Superman, Batman, Spider-Man oder X-Men, die ihren Inhabern Millionen bescheren und insofern leider meist eher konservativ behandelt werden, auf einmal aufsehenerregendes passiert. Als Marvel Anfang 2000 den eher für subversive Comics wie The Invisibles oder Kill Your Boyfriend bekannten Grant Morrison, der eben erst mit JLA bewiesen hatte, dass er auch sehr wohl Mainstream-Blockbuster schreiben kann, in das Herz der Schatzkammer ließ, um New X-Men zu schreiben, ahnte wohl selbst bei Marvel niemand, wie ernst Grant diese Chance nehmen würde.

New X-Men, gerade frisch gesammelt in einem schönen Omnibus-Volume, ist die absolute Dekonstruktion der Franchise. Grant nimmt die besten Elemente der historisch größten Phase der X-Men unter Chris Claremont und John Byrne, als die Franchise noch unbekannt und mutiger sein durfte, und kombiniert diesen Rückgriff mit einem aus allen Pistolen feuernden subversiven Futurismus. X-Men ist das Comic der angry young men, der rebellierenden Teenager, es ist ein Buch über den Wechsel von einer Generation zur nächsten, in jeder Hinsicht. Waren die Mutanten von Marvel schon zuvor eine stets (arg durchschaubare) Metapher für unterdrückte Minoritäten, dreht Grant den Spieß um. In New X-Men stirbt der Homo Sapiens aus, die Mutanten werden in einigen Jahren die Mehrheit bilden. Vor diesem Hintergrund des Rückzugsgefecht der Alten – das mit dem Genocid von 16 Millionen Mutanten eröffnet wird – erzählt Morrison halluzinogene, visuell überbordende Pop-Art-Geschichten, Soap-Opera on XTC.


Morrison nimmt die zentralen Mythos-Elemente von drei Dekaden X-Men-Geschichte und dreht die Lautstärke auf 2000. In den hypnotischen, simplen aber hyperdichten Bildern von Frank Quitely und in vielschichten, komplexen Storylines vermengt Morrison mit der Energie eines Speed-Junkies die hypergrellen Widescreen-Abenteuer der X-Men, in denen ganze Länder und Städte ebenso schnell vernichtet werden wie die Herzen der Gruppenmitglieder gebrochen, mit tieferen Andeutungen und Anklängen, die – einzigartig – das Mainstream Genre mit Ultraschallgeschwindigkeit in den Indie-Bereich und vor allem in die Gegenwart drücken. Man stelle sich vor, Autechre, Aphex Twin und Meshugga produzieren das nächste Robbie-Williams-Album. Man stelle sich vor, David Lynch übernimmt die Desperate Housewives. Aus langweiliger Mainstream-Suppe wird schlagartige etwas bedeutsames, etwas vibrierendes. Etwas wütendes und energetisches und mitreißendes.

Das Ergebnis hat nur noch oberflächlich mit den X-Men zu tun, ist nur noch auf den ersten Blick ein Heft für Comic-Fanboys, und unter der dünnen, transluzenten Haut der X-Franchise wimmelt es plötzlich von Maden und Würmern und Skorpionen. Andeutungen, Anspielungen, Unsicherheiten, Doppelbödigkeiten, Metaphern. Der gute Professor X hat seine Schwester bereits im Uterus erwürgt? Emma Frost verführt den Boyscout Scott Summers? Magneto ist ein Junkie? Und das sind nur die einfachsten Grundpfeiler des seit Jahrzehnten eingefrorenen X-Mythos, die Grant mit Leichtigkeit und Freude auseinandernimmt.

Er erschafft neue, wunderbar skurrile Charaktere, füllt die Schule von Charles Xavier mit einer neuen Generation deutlich glaubhafterer, rebellischer Studenten, die nur folgerichtig gegen die Alten rebellieren müssen (alle jungen Götter kämpfen gegen ihre Väter) und ganz en passant den Sex entdecken. Und führt so das Thema Wandel auf eine neue Ebene. Change als Idee, Erwachsen-Werden, Entwicklung, wird zum zentralen Subtext von Morrisons New X-Men. Dazu gehört nicht zuletzt auch der für ein Mainstream-Comic drastische Anstieg von Sexualität und Erotik im Comic. Die Vierecksbeziehung zwischen Scott, Wolverine, Jean und Emma wird zur Analyse von Sexualität im Comic, und nicht umsonst verliert der frustrierte Scott Summers kurzweilig seine Kräfte in einer Identitätskrise, wird impotent.

Zu dieser Auseinandersetzung mit der Idee von Wandel und Wachstum, Evolution und Entwicklung gehört für Morrison auch die Botschaft, vor allem gegen Ende seiner Arbeit für Marvel, als er und der Herausgeber bereits tief verstritten waren, dass die Leser erwachsen werden sollen und sich von solchen juvenilen bunten Comics wie den X-Men lösen müssen. Erwachsen werden, leben. Loslassen.

Die wunderbare Arbeit von Morrison wird etwas durch die – inzwischen leider alltäglich gewordene – Schar von Gastzeichnern geschmälert, die in letzter Sekunde für den allzu langsamen Frank Quitely einspringen mussten, der den monatlichen Takt eines US-Comics nicht halten konnte. Vor allem Igor Kordey, der angeblich seine Zeichnungen in Rekordzeit herauspowerte, sticht dabei besonders negativ hervor. Andere, wie Phil Jiminez oder Ethan van Sciver, füllen mit großartiger Detailwut die Lücke hervorragend. Aber Quitelys Arbeit ist die visuell sicher inspirierteste, und nicht umsonst hat er sich mit Morrison auch bei We3 und aktuell bei Allstar Superman als absolut kongenialer Partner erwiesen, der Morrisons Skripte nicht nur umsetzt, sondern auflädt und bereichert.

New X-Men ist einer dieser selten Comic-Momente, wenn ein ganz normales 08/15-Seriencomic, das man schon längst aufgegeben hat, plötzlich transzendent wird. Dass die Genregrenzen sprengt und aus der eigenen Tradition heraus zu etwas völlig neuem wird. Morrison gelingt hier nicht nur oberflächlich eine der besten, spannendsten und komplexesten X-Men-Stories schlechthin, mit großartigen Blockbuster-Momenten, sondern er exploriert unter der bunten Oberfläche eben auch eine ganze Schar von metakontextuellen Möglichkeiten der Idee von Mutation an sich, bis hin zu einer wunderbaren Dekonstruktion des X-Genres selbst. New X-Men ist ein Comic, das sich selbst psychoanalysiert, das voller experimenteller psychedelischer Ideen ist und dass insgesamt in jeder Hinsicht auf einem Niveau operiert, das seit Morrisons Weggang nicht mehr erreicht wurde.

28. Februar 2007 10:43 Uhr. Kategorie Buch.
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