
Christian Schwartz, einst vor allem als treuer Font-Bauer für Erik Spiekermann bekannt, ist seit langem eine eigene Größe als Schriftgestalter und hat mit Amplitude, FFBau und Neutraface (um nur einige zu nennen) moderne Klassiker geschaffen. Jetzt kommt er mit einem vielleicht überfälligen Remix der retrofuturistischen Neutraface, die als geometrisch angelegte SansSerif gegen Entwürfe wie wie Nobel und Futura antrat und ein seltsam starkes 20s /30s Flair für mich hatte. Ich habe die Neutraface aber selten verwendet, weil sie – anders als die sehr cleane Futura, wie man sie heute kennt (und die beste Futura bleibt der Meta-Design-Remix für VW) und anders als andere Cyberretrofonts wie etwa die Gotham – einen Hauch zu funky war. Die Extrem niedrig gehaltene Mittelachse war für Headlines in Versalien wunderbar, aber als Minuskelfont und im Alltagseinsatz wirkte die Neutraface schnell zu exaltiert. Die neue Neutraface No.2, die House Industries jetzt vertreibt, ist «normaler» geworden. Was irgendwie schade ist – obwohl es ja durchaus das Original noch gibt -, aber dem Ruf nach einer versatileren Schrift gerecht wird. Die ursprüngliche Neutraface ist zu einem absoluten Erfolg geworden, fast schon ein «overused» Font, sicher auch weil sie den Wunsch nach einer klaren, gut lesbaren, «kühlen» Geometrischen befriedigt, aber eben nicht so durchgenudelt ist wie die meisten Schriften aus diesem Segment. Mit dem «raising the bar», der Erhöhung der Mittelachse bei der neuen Variante, dürfte die Neutraface zu einem mehr als ernsthaften Konkurrenten der Futura und der Gotham werden. Gut ausgebaut, besser lesbar, echte Kursive, wunderbare Details (drei Q-Varianten, zwei g, zwei a… yay!) und jetzt etwas weniger «funky» ist jetzt schon klar, das sie ein moderner Bestseller werden muss. Auch hier, wie bei der National, ein historischer Rückgriff (was sich vor allen in den USA ideal vermarkten zu lassen scheint, wie der immense Erfolg von Hoefler und Frere-Jones beweist, aber ebenfalls einer, der zwar nicht nach vorne geht, aber doch eine technisch und (vielleicht abgesehen von dem für mich persönlich für leichte Lesbarkeit bei langen Texten etwas zu großem Unterschied zwischen Versal- und x-Höhe) ästhetisch schöne Alternative zum Bewährten anbietet. Willkommen im Remix-Zeitalter.
1. November 2007 10:04 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.