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NEIl GAIMAN: FRAGILE THINGS

Neil Gaimans zweite Sammlung von Short Storys beginnt passend für einen Autor, der einen Teil seines Ruhms seiner Webpräsenz und der Nähe zu seinem Publikum verdankt, mit einer ausführlichen Einleitung zu den einzelnen Texten. Gaiman weiß, dass sein phänomenaler Aufstieg vom Comic-Buch-Autor zum NY-Times-Bestseller-Novellisten und Multimediastar – Gaiman hat derzeit mit Beowulf und Stardust gleich zwei von ihm mitverfasste Filme im Kino – auch zum Teil seiner engen Community zu danken ist. Und tatsächlich zeigt Fragile Things den Briten als atemberaubend vielstimmigen Autor, der scheinbar mühelos von Genre zu Genre, von Timbre zu Timbre springt, von Prosa zu Poesie, von abstrakten Textfragmenten über Fantasy zu klassisch düsterem Horror. Seltsamerweise ist es genau diese Vielseitigkeit, die es mir schwer macht, Gaiman wirklich zu genießen. Während des Lesens denkt man permanent: Would the real Neil please stand up? Gaimans Geschichten sind, bewusst oder unbewusst, oft Pastiche, angelehnt an andere literarische Vorlagen, inspiriert von den Stimmen anderer Autoren. Lovecraft, Conan Doyle, Dahl, Bradbury, Ellison, Campbell, King, Barker, Carroll, Brown und viele andere Stimmen klingen in seinen Geschichten mehr oder minder deutlich durch und obwohl das den Band durchaus abwechslungsreich macht, fast zu einer One-Man-Anthologie, so irritierend ist es doch, einen Autoren als Stimmenimitator zu erleben. Wie bei einem begnadeten Karaoke-Sänger wünscht man sich: Wenn er nur mal seine eigenen Songs singen würde. Das ist durchaus immer mein Problem mit Neil Gaiman. American Gods und Anansi Boys klingen sehr nach US-Horror à la King, stets etwas durchmischt mit Gaimans eigener Faszination für Mythen und Götter, Neverwhere klang stark nach Douglas Adams, und Coraline war Lewis Carroll remixed. Das macht Gaiman nicht zu einem schlechten Schreiber – andere Autoren schaffen es im Gesamtwerk nur, eine andere Stimme zu imitieren – aber schade ist dieses Gefühl von deja vú mitunter eben schon.

Eine entsprechend bunte Mischung, den vielen Interessen des Autors folgend, ist Fragile Things denn auch. Unweigerlich bleiben dabei manche Geschichten enttäuschend, andere mau, einige hervorragend. A Study in Emerald, The Monarch of the Glen, Bitter Grounds, Keepsakes and Treasures, Strange Little Girls, Feeders and Eaters und Pages from a Journal… gehören für mich zu den stärkeren Geschichten der Sammlung, viele andere wirken fast wie Fingerübungen, in denen der Ventriliquist  Gaiman eine neue Puppe ausprobiert, der er seine Stimme leihen kann. Wo andere Autoren Gefahr laufen, sich in ihrem Stil heißzulaufen und von Buch zu Buch mehr zu langweilen, ist es bei Gaiman eher so, dass man zunehmend irritiert ist, weil Gaiman holographisch wirkt, eine Illusion bleibt. Der eigentliche Autor ist kaum oder nur schwer zu greifen, außer einer vagen Vorliebe für bestimmte Themen und Subgenre und einer atemberaubenden handwerklichen Vielfalt. Man kann es ihm nicht verdenken – warum sich auf einen Stil beschränken, wenn es so viele Spielzeuge gibt… aber als Leser wäre es schön, wenn Gaiman aus dem Kostümschrank herausträte und weniger versucht, andere Autoren zu emulieren, und noch stärker zu seiner eigenen Stimme (die es ja durchaus gibt) findet.

11. November 2007 10:31 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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