
Schon das Cover des neuen Albums von Johann Krantz Band Musika 77 ist Minimalismus pur: nur der von der Plattenfirma aufgebrachte Sticker verrät den Namen der Band und des Albums, ansonsten gibt uns die schwedische Band nicht mehr als den Blick auf eine Waldlichtung. In bester Joy-Division/Pink-Floyd-Tradition verschwindet die Band hinter ihrer Musik. Im Digipack finden sich keine Informationen zur Band, die URL-Adressen der Plattenfirmen unter der CD selbst scheinen vom Label durchgedrückt worden zu sein. Die CD selbst ist monolithische mattschwarz.
Ebenso Lo-Fi ist die Musik selbst. Fast berechenbar der schwedische Mix aus emotionaler Musik, die sich von totaler Stille zum Sturm hochpushen kann und binnen eines Stückes den Weg von Lethargie zu Orgasmus durchschreiten kann, und einem nasal warmen Gesang, der körperlos auf dem Rücken der Komposition reitet. Nicht ohne Grund erinnert hier einiges an Low, Boy Omega oder Audrey: die rotzig wirkende Produktion, die akustischen Instrumente, Streicher, Klavier, Gitarre, dieses herbstliche Flair, das wie Mehltau auf allen Stücken liegt. Es gibt – zumal aus Skandinavien – eine Menge Bands dieses Silent-Indie, zu viele, um sie aufzuzählen. Musika 77 sind eine würdige Erweiterung dieser Phalanx. Krantz verlorene Stimme erinnert in ihren besten Momenten an Mark Hollis, klingt so körperlos entrückt und zugleich hip, wie der ausgemergelte Sänger tatsächlich aussieht. Musika 77 liefern – wie so viele ihrer stilistischen Vorbilder – den Soundtrack für die zersplitterte Jugend, Balsam für die Seelen der introvertierten stillen Kids, die im Dunkeln mit Kopfhörern auf ihren Betten liegen und verlorener Liebe nachtrauern.

Und sie machen ihre Sache gut. Majestätische Akkorde, reduzierte Instrumentierung, nur hier und da von Bläsern und Streichern emporgehoben, eine manchmal fast an Americana-Sound angelehnte Schlagzeug-Bass-Gitarre-Harmonie. Ein Track wie Snow, White ist nur noch einen Hauch von Country entfernt. Wenn man so will liefern Bands wie Musika das nordeuropäische Gegenstück zur amerikanischen Coutry-Musik. Eine erdverbundene, bescheidene, stille Musik, die Ehrlichkeit und Trauer in sich trägt, die eine tiefe Spiritualität und Emotionalität ausstrahlen will, die Wehmut hat. Wo die US-Variante mit Cowboyhut und Yee-Haw lebhafter ist, vermischt sich der neoeuropäische Folk mit der suizidalen Traurigkeit eines Nick Drake zu einem spöden, fragilen Konstrukt, das jeden Moment zerspringen könnte. Krantz’ Stimme ist fast zittrig, immer am Abgrund zur Stimmlosigkeit, ohne das dieser Tremolo zu aufgesetzt wirken würde. Einzig das Schlagzeug erzeugt Momente von Wut und Kraft in den Kompositionen, ansonsten dominiert ein Moment des Zögerns, des Innehaltens, des Wartens, die diese Wut sinn- und kraftlos wirken lässt. Insofern verkörpern Musika 77 mit ihrer fast religiösen Musik perfekt die hilflose traurige Wut des Teenage Underdogs, diese Übersensibilität, die Hilflosigkeit, die Unfähigkeit zur Rebellion. Wo der Punk sagte: Geh raus und reiß den Asphalt auf, sagen Bands wie Musika 77: Geh in dein Schlafzimmer und weine ein bisschen. Manchmal ist es ein bisschen traurig, dass die wütende Musik heute in den Händen der falschen Leute gelandet ist und die smarten Kids sich in ihre Cocooning-Welt aus Mascara und MySpace zurückziehen und den Soundtrack zum Weltschmerz hören.
Das ändert aber nichts daran, dass Musika 77 einen hervorragenden melancholischen Soundteppich abliefern. Wie bei vielen Bands dieser Richtung ist unter dem Wall of Sound und der mitreissend traurigen Emotionalität nur wenig wirklich bemerkenswertes Songwriting zu finden, aber gut.. die Regeln eines klassischen Popsongs sollte man hier gar nicht anwenden wollen, es geht um die Vermittlung von Emotionen, nicht darum, eine Hookline nach Ende der Platte als Ohrwurm im Kopf zu haben. Platten wie diese sind intensiv in dem Moment, in dem du sie hörst und dann schnell auch wieder vergessen, weil ihre fluide, langsame Qualität komplex ist und sich nicht so wegmerken lässt wie ein radiotauglicher Hit.
Brave You Free May ist die ideale Platte, die du im Dunkeln hören willst, um diese schrecklichwunderbare Mischung aus Glücklich und Traurig zu fühlen, dieses körperlose, bittersüße Gefühl, das alles gerade hier und jetzt in diesem einen Moment perfekt ist und du genau deshalb traurig wirst, weil du ja weißt, so kann es nicht bleiben, weil dieser eine Moment dir durch die Finger rinnt.
20. März 2007 08:54 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.