
Sigur Rós Hlemmur
Das nach dem Konzert noch ein paar mehr Sigur Rós CDs herkommen würden, war ja abzusehen, oder? Diese EP hat Sandra auf dem Konzert versehentlich anstelle der Amina-EP gekauft. Ist aber ein guter Fehlgriff, da Hlemmur - ein Soundtrack zu einem Kurzfilm über die Obdachlosen, die an einer gleichnamigen Bushaltestelle leben – Sigur ungewohnt feingliedrig und ruhig, fast in Richtung Múm präsentiert. Erst am Ende (und dann wirklich schön) bricht die aufgestaute Tendenz zum Bombast kurz durch, ansonsten ist die Platte skizzenhaft, fragil, wehmütig und architektonisch. Ausgezeichnet.

Camille Le Sac des Filles
Das erste Album der französischen Nouvelle-Vague-Sängerin Camille ist überraschenderweise so derart anders als das zweite Album Le fil, das ich zuerst dachte, einen komplett anderen Künstler gekauft zu haben. Wo Le fil eher an eine gelungenere Variante von Björks Medulla erinnert – perlender, poppiger, weniger nervig pseudokünstlerisch, aber rein technisch ähnlich fragmentarisch aus Stimmensamples und Beatboxelemente gestückelt – ist Le Sac des Filles traditionell ausgerichtet. Die Musik ist weniger elektronisch, manches erinnert fast an eine Art französischer Fiona Apple in der Produktion. Hat mich unterm Strich spontan nicht ganz so begeistert wie Le fil, ist aber eine absolut hörbare und vielversprechende Debütleistung, die den Sprung auf dem zweiten Album erst recht nahezu stellar scheinen läßt.

Kim Hiorthoy Hei
Ich schätze Kim eigentlich als genialischen Designer, der mit skandinavischem Hang zur verschrobenen seltsam kleinteilig anmutenden Leere die Cover des exzellenten Rune Gramofon Labels gestaltet und unter anderem auch für Motorpsychos Artwork verantwortlich zeichnet. Als Musiker schließt er wunderbar konsequent an sein humorvolles, frickelig-verspieltes und doch oft einsames und melancholisches Grafik Design an. Übereinandergestapelte Samples, seltsame Drumloops, analoge Momente, komisch ineinandergeschobene, leicht atonalen Kindermelodien und das Low-Fi-Ambiente, wie wir es eben auch von Múm kennen. Nur alles (noch) sparsamer, etwas kühler, etwas schneller, etwas privater. Und wie auf seinen Artworks in einem Meer aus Rot ein schwarzer Punkt
eben präzise an der richtigen Stelle sitzt und nirgendwo anders
hinzudenken wäre, so sitzen auch hier die Instrumente perfekt auf der
fast leeren Leinwand. Die Melodien sind kaum mehr als Skizzen auf einem leeren Blatt Papier, die Drumbeats kleine Krümel von Radiergummi und Graphit. Eine nicht immer ganz eingängige Platte, in die es sich aber jederzeit einzuhören lohnt.

Various Le Pop 3
Da mir Camille so lag, habe ich mir schnell via Sampler einen Überblick über den französischen Mainstream-Pop machen wollen. Solche Sampler erinnern eben auch an ähnliche Compilations, wie es sie von deutschem Pop gibt und da muß man entsprechend vorsichtig urteilen, weil man als Außenseiter zum Teil schlecht abschätzen kann, wo Tokio Hotel aufhört und Tocotronic anfängt. Der Rundumblick zeigt eine Poplandschaft, die an die bessere Hälfte der dann eben nicht allzu radiokompatiblen deutschen Popszene zeigt, mit vielleicht einem Schlag mehr ins französische Chansongut (irgendwie logisch) und mehr Elektronik. Kaufenswert, weil unbeschwert weghörbar.

Sigur Rós Takk
Und unsere Sigur-Klammer schließt sich. Takk ist aus meiner Sicht das beste Album von Jón Thór und Co bisher. Und das heißt insofern etwas, als daß bisher jedes Album das Beste war. () war greifbar erwachsener als Agaetis Byrjun und das war für ein offizielles Debüt (Von soll ja angeblich vorher entstanden sein) ja schon eine Offenbarung. Es gibt kaum Bands, von denen man das Gefühl hat, etwas wahrhaft neues zu hören. Bei Sigur hatte man aber bei Agaetis das Gefühl, das es etwa genau so gewesen sein muß, seinerzeit zum ersten Mal Mike Oldfields Tubular Bells oder Pink Floyds Dark Side of the Moon zu hören. Bei Takk hast du dieses Gefühl freilich nicht mehr, zum einen, weil es einen solchen shock of contact nur beim ersten Mal geben kann, zum anderen weil Sigur inzwischen so viele Bands inspiriert hat (man beachte, wie fast vollständig sich der Sound von Radiohead inzwischen geändert hat), das ein neues Album der Reykjaviker per se eher eine Weiterentwicklung bietet, keine Revolution. Sigur waren für mich, als sie aufkamen, die logische Weiterentwicklung von Klangteppich-Bands, wie wir sie in den 80ern mit 4AD-Bands wie This Mortal Coil hatten: wabernd, melancholisch, inbrünstig, nur eben gekoppelt mit linearen Steigerungen, mehr Noise, mehr Schizophrenie. Waren die ersten beiden Alben der Soundtrack zum Borderline-Syndrome, so wirkt Takk nun etwas ruhiger, erinnert mich mehr an Múm (und immer wieder Múm, pro Erwähnung gibt es zwei Euro… aber wer muß bei den ersten Klängen von Glósóli nicht an Múm denken?), der Einfluss der Amina-Damen, die die Band auf Tourbegleiten, blitzt durch, es gibt mehr rhythmische Noise-Samples, mehr simple Melodien, das ganze ist sparsamer (und zugleich deutlich aufwendiger produziert und arrangiert). Mehr Glockenspiel, mehr Piano, mehr akustische Instrumente, gleichzeitig mehr Elektronik, mehr Samples, mehr Low-Fi. Gegen Ende von Sé Lest darf es auch mal humorig werden, wenn Marschkapellenrhythmik durchblitzt. Herkömmliche Songstrukturen ergeben sich fast widerwillig, das Schlagzeug wicht immer öfter kleinen rhythmischen Sampling-Strukturen à la Console. Und wenn es nicht völlig in die Irre leiten würde, könnte man vielleicht sagen, Takk ist christlicher, introvertierter, mehr Gospel, die Bandbreite zwischen High und Low aufgefächert, zwischen Demut und Erhebung angelegt, strukturell näher an der Klassik als am Rock. In die Irre leitet das nicht zuletzt deshalb, weil der Hang zum Brachialen, zu monströsen Gitarren-Soundscapes, massiv verhalltem und verzerrtem Schlagzeug und zu fast bedrohlich wirkendem epischem Widescreen-Krach ungebrochen vorhanden ist. Das hier ist also beileibe kein altersweises Album, ganz im Gegenteil. Aber man wird den Eindruck nicht los, daß die epische Wucht hier viel gezielter aus den Pausen kommt, aus der Stille, aus dem Gegensatz, aus der Sehnsucht. Diese kompromißlose Nutzung der Ruhe ist eine ausgesprochene Stärke aller nordischen Künstler, egal ob Musiker, Autoren oder Filmemacher… und Takk beweist sehr eindrucksvoll, daß Sigur Rós neben dem Feuer eben auch das Eis beherrschen
18. November 2005 07:15 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.