
Ich gehe stets etwas ängstlich in einen Spielberg-Film. Zum einen, weil ich der festen Überzeugung bin, daß Spielberg mit Duel direkt als Erstling seinen besten Film abgeliefert hat, zum anderen weil man bei ihm nie weiß, ob der Film, in den man sich da hineinbegibt, wirklich taugt. Steven Spielberg ist einerseits der Regisseur seiner Generation und einer der besten Handwerker, die man sich denken kann, andererseits hat er einen unglaublichen Hang zu Schmonzette und Kitsch, zu Happy End und Hurra-Patriotismus-Attitüde. Und, schlimmer noch, er haut nicht ungern mit groben Metzgerhänden in die Gefühlstastatur und macht so selbst in einem Film wie Schindlers Liste den Fehler, auf Subtilität zugunsten von holzhammerartiger Musik/Bild-Komposition zu verzichten.
Diese Tendenz will nun so gar nicht zu dem 1972er Attentat von München passen und erst recht nicht zu dem diffizilen Thema wie ein Staat auf Terror reagieren soll, ob «Auge um Auge» die adäquate Reaktion demokratischer Staaten auf eine exogene Bedrohung sein darf. Läßt man sich auf Spielbergs historisch umstrittenen Ansatz ein, überzeugt der Film aber trotz oder vielleicht auch gerade wegen der recht kurzen Produktionszeit über weite Strecken. Eric Bana zeigt hier nach dem entsetzlichen Hulk endlich, was in ihm steckt (und in Chopper ja auch schon offensichtlich war), nämlich ein wandlungsfähiger Darsteller, der die Transformation des Mossad-Agenten Avner vom karrierehungrigen Staatsdiener zum paranoiden, von Zweifeln zerfressenen Outsider glaubhaft tragen kann. Dank Bana und der exzellente Darstellercrew, die bis in die Nebenrollen absolut hochkarätig besetzt ist, gelingt Spielberg mit seinem Drehbuchteam Tony Kushner und Eric Roth ein Film, der nicht nur ein «based on facts» Thriller ist, sondern vor allem eine vielseitige Charakterstudie, in der nahezu jede Figur dreidimensionale Tiefe besitzt, Motivation, Träume, Glauben, Ideale. Die Grenze zwischen Terrorist und Soldat, zwischen Tätern und Opfern, verwischt hier spürbar in einem endlosen Kreislauf, dessen Anfänge aus der Gegenwart längst nicht mehr zu ergründen sind. Mit Avner erkennen wir, daß Gewalt nur Gegengewalt erzeugt, daß auf jeden ermordeten Terroristen nur sechs neue folgen, daß die andere Seite ebenso spirituell motiviert ist, wie Avner selbst. Die subtile Verwandlung von Avner und seiner Crew, die zuerst vor ihrem ersten Mord zurückschrecken und nervös sind (und ihre Bombenfernsteuerung noch mit Tesafilm sichern) zu eher kaltblütigen Söldnern, die mehr und mehr auch Kollateralopfer in Kauf nehmen und denen es weniger um die Moral und mehr und mehr um den Kill-Thrill geht (klasse verkörpert von Daniel Craig, dem nächsten Bond-Darsteller), ist eines der Highlights der Filme.
Natürlich bleibt Spielberg eben Spielberg – und wie in allen seinen Filmen geht es zentral um die Bedeutung der Familie. Avner gelingt mehr schlecht als recht ein Ausstieg aus seinem Job, auch wenn er einen hohen Preis dafür zahlt, in die Arme von Frau und Kind, im Exil in Brooklyn. Das selbst sein ehemaliger Vorgesetzter, derjenige also, der ihn überhaupt erst korrumpiert hat, nicht mehr bereit ist, das Brot mit ihm zu brechen, ist die finstere Ironie des Films. Es wäre vielleicht nicht mehr nötig gewesen, als letzte Einstellung auf die Twin Tower des WTC zu schwenken, den Terror der Zukunft zu antizipieren, das Nicht-Enden-Wollen des Konfliktes, den Spielberg uns in seiner 70er-Jahre-Variante gezeigt hat. Dieses Ende, das die aufgezeigte Sinnlosigkeit des PLO/Israel-Konfliktes der 70er zum Kommentar auf die heutige Zeit adeln soll, wäre vielleicht sogar klasse, wenn die Kamera nur kurz die Tower streifen würde. Aber so bleiben sie zu lange im Bild und es setzt schwer emotionale Trauermusik ein… das ist einfach zu dicke, sorry. Dabei ist die Erkenntnis, daß wir heute eine globale Neuauflage der lokalen Terror-Konflikte erleben und dabei die gleichen Fehler in größerem Maßstab wiederholt werden, als habe man nichts dazugelernt, ja durchaus richtig.
Solche Aussetzer hat Spielberg hier und da eben. Wenn sich Israelis und Palästinenser nicht auf eine Musik einigen können und am Ende US-Soul den Konsens schafft. Wenn die Münchener Geißeln auf dem Flughafen in der Rückblende abgemetzelt werden, während Avner mit seiner Frau schläft, ohne seine inneren Dämonen abschütteln zu können. Thanatos und Eros, schon klar – ein Motiv das abgeschwächt auch früher schon auftaucht, wenn ein PLO-Chef in einer Lache von Blut und Milch stirbt. Die Tatsache, daß der Film in sonnigen ausgebleichten Retro-Farben anfängt, um gegen Ende so blaustichig und düster zu werden wie ein Matrix-Film… und so dauerverregnet wie Take-That-Videoclip. Als Symbol für die Verdüsterung von Avners Welt, in der er vom Soldaten zum Auftragskiller, schließlich zum Gejagten wird, sicher nicht schlecht, aber auch offensichtlich. Und so weiter. Dramaturgische Kunstgriffe die gut sind, aber eben vielleicht oft auch etwas zu heavy handed wirken.
Die Ästhetik des Films ist umwerfend. Bauten, Kameraeinstellungen, Licht, Sets, Kostüme sind grandios. Bewußt oder unbewußt zitiert Spielberg Filme der 60er und 70er, Magazinposen, Farben ausgebluteter Familienphotos, Moden, München ist eine Tour de Force durch Agentenfilme von Doris Day bis zu Hitchcocks Torn Curtain. Wie schon in Schindler, Private Ryan und Catch me if you can zeigt sich Spielberg als stilsicher, wenn es darum geht, eine Epoche glaubhaft wieder auferstehen zu lassen. Hier tut er es ambitionierter, tiefer, komplexer als jemals zuvor. München wirkt vielschichtiger, diffiziler, subtiler als Schindler, vielleicht weil auch die Moral von der Geschichte eben nicht ganz so simple schwarzweiß ist, sein kann. Spielberg ist für diesen Film von jüdischer Seite heftig attackiert worden, was mich wundert, weil die israelische Seite verhältnismäßig gut wegkommt. Als platter Proagandafilm aber taugt München gar nicht, dafür wird zu greifbar, daß die Palästinenser auch nur Menschen sind, die Israelis sich von rächenden Helden zu kaltblütigen Terroristen wandeln und eigentlich alle miteinander in einer großen grauen Arena kämpfen, in der es Gut und Böse nicht einmal annähernd gibt. Noch am moralischsten in seiner ganzen Amoral kommt die von Michael Lonsdale gespielte Figur des französischen «Papa» vor, der die ganze Sache eher im Kontext von Geschäft und Familie sie, nicht von Staaten und Politik. Ihm geht es um Ehre, Familie, Freundschaft… und ums Geld. Gemessen an den Sprüchen der israelischen Generäle wirkt er damit als zwielichtige Figur, die parasitär auf beiden Seiten des Konfliktes Informationen verkauft, absurd aufrichtig und anständig.
Alles in allem gelingt Spielberg hier vielleicht der Film seiner Karriere, ein oft rohes, modernes, unausgewogenes, unvorsichtiges Stück Kino mit mehr Mut als Verstand, das sich anfühlt, als wäre es im Rennen, ohne Zurückzublicken entstanden. Der Film wirkt – im Gegensatz zu anderen Filmen von Spielberg – so frei von Marketingbedenken, von Testvorführungen und Sponsoring, daß er allein schon deshalb eine Wohltat ist. Klar weiß man, daß es Steven hier auch um den Oscar geht… aber trotzdem fragt man sich unwillkürlich, warum ein Mann, für den Geld keine Rolle mehr spielen kann und der einen Film wie München in nur sechs Monaten aus dem Ärmel schütteln kann, überhaupt noch einen schrecklichen Kommerzschwulst wie Krieg der Welten oder Terminal produziert. Unterm Strich, sieht man von den vertanen Chancen der Subtilität hier und da ab, ist München ein großartiger, spannender, emotionaler Film, mit grandiosen Darstellern, liebevollen Sets, der in wunderbaren Bildern aus einem diffusen paranoiden selbstfütternden Konflikt ohne jede Moral eine Art Moralgeschichte zaubert.
Oh… und für euch Leute, denen meine Posts zu lang sind: Film doppelplusgut.
3. Februar 2006 14:49 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.
Eine Gegenmeinung ist bei http://sebew.blogspot.com/2006/03/mein-munich.html zu finden. Gruß!