
Auf dem – wie bei Múm ja stets – wunderbaren Coverartwork winken drei Pfadfinder lustig dem Käufer entgegen, oder aber der scheidenden Sängerin Kristín Vlatýsdóttir hinterher. Deren Abschied vom Projekt Múm ist der Platte schmerzhaft anzumerken. Wo Summer Make Good den wahrscheinlichen Höhepunkt der introvertierten, fiepsigknarzenden Múm darstellte, eine elegische, schwelgerische Platte, in der Naturtöne und elektronische Störelemente eben durch Kristíns Gesang fusioniert wurden, wirkt Go Go Smear The Poison Ivy im guten wie im schlechten Sinne wie eine komplett neue Phase von Múm. Schneller und hibbeliger wirken die Kompositionen, der Gesang, oft kollektiv auf die Songs gelegt, druckvoller, weniger elegisch. Die Band ist ausgebrochen aus dem Echokäfig und wirkt auf einmal sehr live, sehr präsent, immer noch sehr verquer, aber deutlich mehr Popmusik als jemals zuvor in der Geschichte der Band. Das Spielplatz-Flair und die Liebe zur analogen und digitalen Frickelei bleibt erhalten, die Musik wirkt immer noch isländisch-detailvernarrt, immer noch irgendwie spooky-aber insgesamt wirkt die zum Duo geschrumpfte Combo offener, der Psychoblues optimistischer, weniger autistisch. Um die Wahrheit zu sagen, ich hätte noch mit etwa 2000 Platten leben können, die auf das i-Tüpfelchen genau so klingen wie Summer Make Good oder Finally We Are No One… aber es ist natürlich auch brillant, wenn eine Band, deren Sound so festgelegt scheint, dass das Experiment zum Standard geronnen ist, diesen Kokon aufbricht und sich weiterentwickelt, noch überraschen kann. Es ist ein großer Spaß, Múm bei dieser Evolution zuhören zu dürfen - Go Go ist ihr unheimlichstes, seltsamstes Album, meilenweit entfernt von der einschmeichelnden schwelgerischen Kinderzimmersoundwelt, als hätten die inzwischen pubertierenden Elfenkinder der letzten Platten sich über den Wodkaschrank ihrer Eltern hergemacht.
15. Februar 2008 10:11 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.