
Ich bin ein großer Fan von Serienstories. Daher auch meine Liebe zu Comics… kein anderes Medium kann die Geschichte einer Figur (wenn auch um den Preis mitunter bizarrer Effekte) über einen Zeitraum von 40 oder – im Falle von Superman – 70 Jahren erzählen. Auch im TV und als Film mag ich Geschichten, die – bei aller inhärenten Käsigkeit vieler Serien – ihren Figuren eine Weile lang folgen und ihnen eine Entwicklung erlauben. Solche Langzeitgeschichten sind oft vom Genre her Pulp, und gerade in der Literatur stehen die Serien-Bücher oft klar in der Tradition von Büchern aus den 20/30ern und den 50/60/70ern, beides Blütezeiten der Pulp-Fiction. Es ist nur ein kleiner Sprung von der Repairman-Jack-Serie zurück zu den Pulphelden von Lee Falk, zu James Bond (der in Buch wie in Film leider eher immer weit unter dem Potential des Konzeptes per se bleibt) und so weiter. Nahezu unfehlbare Wesen, ohne wirkliche Superkräfte, aber technisch und körperlich doch so hochgezüchtet, daß man schon bei Beginn des Buches weiß, daß ihnen niemals wirkliche Gefahr droht. Pulp ist insofern ein oft kitschiges Medium, bevölkert von üblen Bösewichten und strahlenden Helden, ein Nietzsche-Kosmos.
Eine Entdeckung in dieser Pulp-Welt ist Modesty Blaise, geschrieben von Peter O’Donnell. Die Protagonistin ist als Straßenkind aufgewachsen, hat ein internationales Verbrechernetzwerk mit ihrem Gefährten Willie Garvin, dieses nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandes an ihre Untergebenen verteilt und sich mit Garvin in England zur Ruhe gesetzt. Und langweilt sich, sucht den Kick. Den bietet ihr der britische Geheimdienst und Sir Gerald Tarrant mit verschiedenen Missionen, die den normalen Agenten über den Kopf wachsen.
Einfache Ausgangssituation, die sehr an einen weiblichen James Bond denken läßt. Die auf O’Donnels erfolgreichem Zeitungsstrip basierende Buchreihe (mit inzwischen über einem Dutzend Stories) bietet aber mehr als eine Frau, die zugleich perfekte Golfspielerin und Über-Actionheldin ist. Keine Frage, Blaise ist perfekt und nicht umsonst hecheln ihr nahezu alle Männer der Serie mal mehr mal minder offen hinterher. Zugleich lebt sie ein komplexes Frauenbild vor, das chauvinistische Projektion (Sexobjekt und Heilige zugleich) und feministische Emanzipation seltsam miteinander vereint. Blaise bietet eine für ihr literarisch immer eher verkürzendes Genre seltsam vielschichtige, fast fraktale Figur. In schönster Pulp-Manier sind die Schurken wirklich finster, genialische Meisterplaner oder mongolische Ghengis-Khan-Epigonen, die Story ist international und schnellebig, aber O’Donnell überrascht mit seltsamen Dialogszenen, die fast Tarantino-artige Dimension besitzen, skurrilen Charakteren, liebevoll detaillierten Beschreibung von Szenerie und Kleidung, mit seltsamen kulturellen Einsprengseln, etwa wenn sich Blaise und Garvin über ihre Lieblingskomponisten oder moderne Kunst unterhalten. Nicht ganz auf Chandlers Niveau (der immerhin einen ganzen sozialen Kontext in seine Marlowe-Bücher einfließen ließ und O’Donnel schriftstellerisch weit überlegen war), aber für eine reine Comic-Strip-Heroine mitunter beeindruckend, gelingt es O’Donnell, Blaise mehrbödig zu machen, eindimensional und doch trugbildnerisch. Nicht umsonst sind andere Autoren, darunter Neil Gaiman (NY-Times-Bestseller Autor und ebenfalls Grenzgänger zwischen Roman und Comic), begeisterte Anhänger von Modesty Blaise.
((Das Seltsame ist übrigens, daß ich bei Büchern meist nie ein «Gesicht» sehe, die fiktionale Figur nie mit einem Schauspieler oder etwas ähnlichem assoziiere. Nicht einmal, wenn die Rolle stark von einem Actor geprägt ist… wie etwa Marlowe/Bogart/Mitchum. Bei Blaise aber sehe ich sehr eindeutig eine Schauspielerin vor mir, die in jeder Hinsicht die Idealbesetzung für Modesty ist: Angelina Jolie. Die nicht nur in genügend Filmen bewiesen hat, daß sie Action-affin ist, sondern auch in sensibleren Rollen überzeugt, die die Balance zwischen natural look und Abendkleid – und somit die Balance von Modesty – einfach gut verkörpert. Und die einfach auch irgendwie eben genau so aussieht, wie O’Donnell die Figur beschreibt. Nun ist die Film-Karriere der Blaise-Figur eher Bescheiden und die einzelnen Movies hören sich eher nach Franchise-Killern an, aber selbst in Zweiten, in denen weibliche Superhelden wie Modesty Blaise (oder ihre schwarze Nachgängerin Cleopatra Jones) eben nicht mehr die Ausnahme sind, ist an den Stories von Peter ODonnell genügend Fleisch, um sich einen soliden Film oder eine Serie à la James Bond auf der Basis von O’Donnells Heroine vorzustellen. Es ist allerdings wohl nicht wirklich anzunehmen, daß Jolie, auf dem Weg zur ernsthafteren Darstellerin und nach der Lara-Croft-Rolle, noch einmal interessiert wäre, sich als eine solche Frauen-Ikone zu vermarkten.))
27. August 2005 17:47 Uhr. Kategorie Buch. 2 Antworten.
Modesty ist einfach klasse!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
[...] Rückblick auf die Buchcover von Ian Flemings James-Bond-Büchern, von den «pulpy», sehr an Modesty Blaise erinnernden Umschlägen der Anfangsjahre über kühlen und eher kommerziellen Cover hin zur [...]