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MODEST MOUSE: WE WERE DEAD BEFORE THE SHIP EVEN SANK

Die ersten Takte des Albums machen schnell klar, dass Modest Mouse sich hier ordentlich vom Vorgängeralbum, dem grandios betitelten Good News for People Who Like Bad News verabschieden. Die Ziehharmonika am Anfang von March Into Sea und die brutale Shanty-Rhythmik machen klar, dass der Titel des Albums und die Retro-Gestaltung des Covers kein Zufall sind. We Were Dead Before The Ship Even Sank ist ein nautisches Folk-Abenteuer erster Güte, ein halluzinogener Trip in Geister- und Piratengeschichten, eine wütende, zärtliche Platte von wunderbar epischer Wucht. Noch am wenigsten in dieses Konzept passt Dashboard, die grandiose Gute-Laune-Single des Albums, die mit ihren tanzwütigen Beat und wuchtigen Bläsersätzen überhaupt nicht mehr «modest» klingt, sondern der Band zu Recht die vordersten Chartsplätze in den USA sicherte. Und selbst dieser perfekte Popsong ist im Detail ein seltsames Stück Musik, komplex und kompliziert, phantastisch inszeniert. Es ist irgendwie ganz klar der kalkulierte Hit auf dem Album, der «Wir sind jetzt bei einem Major-Label»-Song schlechthin, aber damn, die Nummer ist eben trotzdem genial und wird auch nach dem x-ten Hören nicht schlechter, im Gegenteil. Die meisten anderen Songs auf We Were Dead… sind allerdings tiefgängiger als der ad-hoc-Ohrwurm Dashboard. Obwohl Florida sicher gleichwertig in Sachen perfekter Indiepop ist. Hier treffen sich REM und die Pixies und tanzen ums Lagerfeuer, bis die Nummer sich schließlich kurz in eine Orgie verwandelt, um auf der letzten Sekunde wieder zuckersüß zu enden. Genius.

Modest-Mouse-Chef Isaac Brock gelingt hier ein Konzeptalbum ohne Konzept, eine überdrehte Musical-Orgie, in der man seltsam verrückte Seemänner im Chor singen hört und in der verschrobene alte Männer ihre Geschichten erzählen. Das wunderbare Dashboard-Video bringt dieses Flair des gesamten Albums gut auf den Punkt. Und Brock, mit seiner sich überschlagenden, lauten, rohen, dann wieder sanften und verführerischen Stimme, ist der perfekte Kapitän für diese seltsame Reise auf dem Modest-Mouse-Frachter. Verblüffend ist, dass die Reise abwechslungsreich ist, aber nie durchhängt. Brock gelingt es sogar innerhalb seiner Songs, komplett unterschiedliche Elemente erfolgreich zu fusionieren, die Seemann-Choräle, harter Indierock, Pop wechseln sich ab, aber die Songs wirken immer homogen, nie notdürftig zusammengekleistert, immer designed.

We Were Dead Before The Ship Even Sank ist Ausnahmemusik. Die 14 Tracks des Albums sind spürbar durch einen roten Faden verbunden, aus einem Guß, und die Folkethnopopindierock-Melange, die Brock und Konsorten liefern, ist ein exotisches Gebräu, das man nicht jeden Tag geliefert bekommt. Fest im US-Indie verankert und trotzdem auf der Reise in ganz neue Gefilde, ruhen sich Modest Mouse auf ihrem sechsten Album keine Sekunde auf dem erarbeiteten Ruhm aus, sondern segeln munter auf neue Ufer zu und man hört in jedem Song, wie die Band die Muskeln spielen lässt. Yankee-Doodle-Streicher, Bläsersätzer, Percussion sorgen für nahezu ekstatische Dichte in den Songs, etwa wenn es bei Parting of the Sensory plötzlich irisch zugeht und man fragt sich, wie Modest diesen Druck überhaupt noch glaubhaft auf die Bühne retten will. Die Songs stecken so voller Bonbons, das man beim Zuhören zunimmt. Auch, dass nach dem wuchtigen Parting der zuckerwatteleichter Auftakt von Missed The Boat kommt, macht das wunderbare Wechselbad des Albums aus. So räubert Little Motel zunächst munter die Strophenmelodien, um sich schließlich zu einem episch-schiefen Solo hochzuarbeiten, und dann am Ende ganz klein und still zu werden. Songs enden nie dort, wo sie aufhören, wandeln sich mutieren, sind kleine Reisen an sich. Die Souveränität der Kompositionen, das Spiel mit den verschiedenen musikalischen Bausteinen ist fast schmerzhaft, wenn man danach eine «normale» Band hört, die sich durch Strophen und Refrains zwingt. Dabei wirkt die Architektur von Liedern und Album nie erzwungen oder kopflastig, nciht einmal, wenn es wie bei Steam Enginus etwas arg wird, sondern selbstverständlich und leicht. Du hinterfragst nie, was Brock und Co hier veranstalten, es ist so, wie es ist, nämlich richtig.

Laut Booklet und zahlreichen Interviews ist Johnny Marr, Ex-Gitarrist der legendären The Smiths und kurzfristig auch bei TheThe, jetzt festes Mitglied von Modest Mouse und wird die Band auch live begleiten. Um die Wahrheit zu sagen – so sehr ich die Smiths liebe – well, I can hardly contain my indifference. Von den Marr-typischen Stakkato-Riffs und seiner wunderbaren komplexen Gitarrenarbeit ist hier kaum etwas zu hören, vielleicht ein bisschen bei We’ve Got Everything. Wenn man es nicht wüsste, würde man es nicht hören. Was durchaus ein Kompliment an Marr ist, der sich hier uneitel und perfekt auf seinen Partner Brock einstellt und mit hörbarer Freude neue Wege geht. Vielleicht ist Marr die treibende Kraft hinter den klareren Hooklines, den stärkeren Refrains, den treibenderen Beats… aber am Steuer des Modest-Mouse-Tankers bleibt klar Issac Brock, der manisch seine Wut und Kreativität in die Songs schaufelt, der in immer wechselnden Rollen und Timbres seine Lyrics herausbellt und selbst den slicksten radiotauglichsten Songs noch eine innere Härte verleiht, die völlig gegen den Mainstream geht. Es ist diese subversive Energie – das eine von Sony gekaufte Major-Band sich erfolgreich auf ein großes Publikum zubewegt und sich zugleich komplett treu bleibt – die We Were Dead… auszeichnet. Auf dieser Platte fehlt die gehisste Piratenflagge, denn Modest Mouse shanghaien hier die Charts für ihre eigenen Zwecke, sie werden brandschatzen und vergewaltigen und wir werden euch alle über die Planke schicken, wenn ihr das Album nicht kauft.

Die Herren Brock und Marr werden übrigens am 11.6. in Köln in der Live Music Hall aufspielen.

3. April 2007 08:48 Uhr. Kategorie Musik. 3 Antworten.

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