In Arztkliniken fällt mir immer auf, wie identisch die Einrichtung ist. Abgesehen von den Praxisräumen, die einfach ungepflegt und alt sind, ist in modernen Räumlichkeiten nahezu immer die absolut gleiche weiße Strukturtapete vorhanden, ein Hang zu hellen Hölzern, gefrostetem Glas und etwas Metall – alles sieht aus wie ein Shopping Interieur von vor 15 Jahren. Und nach einer Weile nimmt man fast keine Unterschiede mehr wahr zwischen den einzelnen Ärzten, nicht zuletzt weil fast ausnahmslos gleiche bis ähnliche Bilder an den Wänden hängen. Gesichtslose pseudomoderne Kunst, amorphe, aussagefreie und vor allem absolut motivlose Wischiwaschigemälde, die bar jeder Aussage zur Wanddekoration degradiert sind. So wie in Krankenhäusern gerne Drucke moderner Künstler hängen, sammeln sich in den Praxen zunehmend diese Fließbandbilder, die man ganz offensichtlich en bloc bei eBay kaufen kann. Es scheint, als solle, ganz anders als von der modernen Kunstbewegung ursprünglich gewollt und geplant, das snnfreie Wirbeln von Farben nicht zu Kontemplation und Anregung einladen, sondern einfach beruhigen, wie eine Art visuelles Valium.
Wie kommt das? Verpassen die Ärzte – durchaus Leute, die von Einkommen und Status mehr Möglichkeiten hätten – so nicht die Chance, ihre Räumlichkeiten und Wartezimmer zu Orten von Kommunikation zu machen? Warum nicht Werke lokaler Künstler – also echte Kunst – featuren? Liegt es daran, dass eBay-Einweggemälde so verzückend günstig sind (ich meine, 99 Euro für 2 Meter Bild… das ist schon verlockend) oder sind die Inhaber selbst nicht kunstversiert oder interessiert, hängen Artwork also nur aus Alibigründen auf? Ist es der Wunsch nach Neutralität, Sterilität, Professionalität? Warum gibt es einen «Look» bei Ärzten, wenn doch jeder Arzt eher seine Individualität, seine eigenen Vorlieben im Raum dokumentieren könnte… wie anders lassen sich seine Qualitäten als Mediziner ad hoc ablesen, als in der Liebe zum Detail und der Individualität der Räumlichkeiten, in denen er Tag für Tag arbeitet? Irgendwas stimmt für mich nicht mit dieser «Blandness» der Praxen. Es beunruhigt mich etwas, wenn ich jenseits von schäbig/veraltet und modern/sachlich keine weiteren Kriterien in der Einrichtung habe, die den Menschen hinter dem Kittel sichtbar machen, dem ich meine Gesundheit anvertraue. Dabei haben wir derart viele Ärzte, die zudem fachlich nicht selten für den Laien zunächst substituierbar wirken, dass eine Qualitätsplazierung qua Design – Auftritt, Einrichtung, Website, Mitarbeiteroutfits, Umgangsformen und und und… mehr als sinnvoll wäre, um sich schnell aus der «weißen» Masse hervorzuheben. Und damit meine ich keine Werbung per se, sondern einfach Mut zum eigenen Weg. Und sei es nur bei der Wahl der Tapete, der Stühle, der Bilder und Topfblumen —
25. August 2007 15:51 Uhr. Kategorie Stuff. 3 Antworten.
*Applaus*
Schöne Ausnahmen von einer guten Freundin von mir: Zu sehen auf ihrer Website
http://www.sanna-nuebold.de unter dem Punkt MEHR (unten links).
Nora, das ist ne feine Sache, auch wenn die die Bilder in dem Video etwas kleinteilig finde. Aber der Ansatz – das Marketing der Künstlerin – ist schön.