
Gemessen an Francis Ford Coppolas Film wirkt die Buchvorlage des rumänischen Philosophen Mircea Eliade auffällig knapp. Eher – in jedem Sinne – eine Novelle als ein Roman, stellt sich das Buch als ebenso angerissen und skizzenhaft dar wie Coppolas Film, der jedoch auf der Ebene der Bildsprache mehr Assoziationen, mehr Vieldeutigkeit, mehr subkutane Inhalte bereitstellt und die Möglichkeiten, die das Buch zur Interpretation bietet, voll ausreizt. Angesichts der unerhört vielschichtigen Verfilmung ist es fast unmöglich,nicht permanent beim Lesen den Vergleich zur Verfilmung parat zu haben. Eliades Buch wirkt trockener, weniger verträumt, weniger phantastisch. Coppola hat nichts hinzuerfunden (lediglich eine Sequenz in Irland weggelassen, die mit der Hauptgeschichte des Buches auch kaum verbunden ist), aber Lücken genutzt. Den Doppelgänger des Dominic Mattei gibt es im Buch nicht, ebenso wenig wie die Wiedererscheinung Lauras in Veronika nicht explizit ist. Sachlicher, aber ebenso atemberaubend schnell vergeht das Buch, das in kafkaesker Traumartigkeit am Leser vorbeifliegt, durch die surrealen Erlebnisse Mateis, die Eliade in trockenen Worten erzählt. Der Mix aus übernatürlichen Elementen und philosophischen Abschweifungen macht die Novelle absolut lesenswert, die Anklänge anderer Werke – Borges, Kafka, Mann – sind geschmackvoll umgesetzt, unterstreichen aber mitunter das Gefühl, Eliade springe von Idee zu Idee, Land zu Land, Episode zu Episode, ohne jemals wirklich etwas substantielles zu sagen. Es unterstreicht die traumhafte Qualität der Erzählung, und im Hinblick auf das Ende des Buches mag all das sogar Absicht sein – während des Lesens aber ist die Art, wie Charaktere und Zeitläufte vorbei preschen mitunter ermüdend. Stilistisch erreicht Eliade sogar so, zu kommunzieren, wie für einen Menschen mit drastisch veränderter Zeitwahrnehmung die Welt sich anfühlen mag, auf den Leser aber wirkt vieles gehetzt. Das Buch ist weder als philosophisches Traktat lesbar, noch als echter Roman und entpuppt sich so als seltsamer Bastard – nicht Science Fiction, nicht Belletristik, nicht Historisch, nicht Liebesroman und doch von allem ein wenig – und genau das macht es so liebenswert. Es ist die Sorte Fabel, die den Leser zwingt, selbst in die Lücken und Breschen der Narration zu springen und die Löcher zuzuspachteln, die der Autor hinterlassen hat… wie es auch Coppola mit seinem Film getan hat. Im Ergebnis ist Eliades Buch insofern einerseits unbefriedigend – da fast skizzenhaft geschrieben – andererseits dynamischer und pulsierender als viele andere Bücher, die vielleicht zu lang an Details verweilen. Bedenkt man Eliades Vergangenheit als Mitglied der rumänischen Eisernen Garde, wirken die Sequenzen während des Zweiten Weltkrieges seltsam doppelbödig und trügerisch, und seine Beschäftigung mit Religion, Mythos und Schamanismus durchtränk nahezu jede Seite – Youth Without Youth ist nicht nur eine Erzählung, sondern eine verklausulierte Rekapitulation von Ideen und Erlebten. Atemlos fliegt die Geschichte vorbei und noch während man sich fragt, was die Sache mit dem indischen Mädchen nun bedeuten mag, schiebt Eliade schon die nächste Kulisse ins Bild. Dass Eliade bestenfalls durchschnittlich schreibt – dadurch jedoch das visuelle Melodrama von Coppolas Verfilmung im Buch völlig absent ist – und zu viel Wert auf seine Botschaft, aber zu wenig auf eine erzählenswerte Geschichte legt, wird dadurch wettgemacht, dass aus dieser Melange es eine seltsam unwirkliche, zugleich schweres und federleichtes Märchen erwächst, das am ehesten an einen David-Lynch-Film erinnert, in einer fast drogenrauschartig fiebernden Eile und Über-Buntheit, die am Ende zu einem zirkulären Verlauf führt, der rätselhafter und befriedigender kaum denkbar wäre. Youth Without Youth ein seltsames Kleinod über Lebensträume, Zeit, Sehnsüchte und ihre Unmöglichkeit und über die Gabe, irgendwann bescheiden zu erkennen, das das wichtige am Leben ist, es gelebt zu haben.
21. September 2008 09:25 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.