
Stolze sechs Jahre sind nach Jeunets letztem Film Un long dimanche de fiançailles vergangen, der in den Kritiken relativ floppte, obwohl der Film an sich nach Le Fabuleux destin d’Amélie Poulain an sich durchaus ambitioniert und gekonnt in eine neue Richtung weisend war. Sechs Jahre, von denen man annehmen kann, dass Jeunet Abstand zu der Schublade, in die er sich selbst mit Amélie gepackt hat, suchte. Umso verwunderlicher ist, dass das Marketing für Micmacs à tire-larigot so überdeutlich auf Jeunets Hits Delicatessen und eben Amélie verweist. Umso verwunderlicher auch, dass der Film dann auch tatsächlich weitestgehend wie ein Crossover aus eben diesen beiden Filmen wirkt – ungewöhnlich für Jeunet, der bisher mit jedem Film seinen Stil adaptiert oder weiterentwickelt hat, wenn auch seine Ticks stets deutlich erkennbar blieben.
MicMacs fängt vielversprechend an, mit einer rasanten Einführung des von Dany Boon wunderbar chaplinesk gespielten Basil, der früh seinen Vater an eine Tretmine und den eigenen Verstand an eine fehlgeleitete Kugel in seinem Hirn verliert, mit wunderbaren Filmzitaten (u.a. The Long Sleep, mit Bogart und Bacall, aus dem auch einiges des Scores von MicMacs stammt), und einem grandiosen Retro-Vorspann, der einen Film voller Filmzitate, Metaanspielungen und einem FIlmfreak als Helden verspricht, ein Versprechen, dass Jeunet auch in einer weiteren großartigen Stummfilm-Zitat, das 1: 1 aus einem Chaplin-Film hätte stammen können, unterstreicht… um es dann niemals einzulösen.
Denn für Jeunet-Verhältnisse bleibt die weitere Handlung des Films geradezu erschreckend eindimensional. Nahezu jeder Jeunet-Film, selbst Alien 4, hat eine vergleichsweise komplexe und vielschichtige Struktur, die neben Jeunets aufwendigen optischen Spielereien für eine inhaltliche Dimension sorgt. Amélie ist eben deshalb kein kitschiger Zuckerguss-Film, weil zig Nebenstränge und skurrile Figuren die eigentliche Haupthandlung beleben und ergänzen und der Film wie ein sorgsam gewebtes Netz funktioniert. Bei MicMacs fehlt davon jede Spur, der Film hat die narrative Komplexität von 102 Dalmatians. Überhaupt fühlt sich er Plot an, als habe Jeunet zu viele Disney-Filme gesehen, für einen bekennenden Hollywood-Kostverächter, hat sich hier erschreckend die naive Offensichtliche-Helden-bekämpfen-einen-offensichtlichen-Oberbösewicht-Struktur eingeschlichen, mit der Disney sonst Kinderfilme macht. Will man dieses Gefühl auf den Punkt bringen, ist man am besten damit bedient, zu sagen, dass sich MicMacs anfühlt wie eine skurrile Fusion aus Pippi in Taka-Tuka-Land und Balduin, der Trockenschwimmer. Dieses Gefühl wird MicMacs ästhetisch nicht gerecht, aber die Handlung ist wirklich so, dass man sich nach dem Kinobesuch via Google zu versichern versucht, da nicht gerade versehentlich einen Kinderfilm gesehen zu haben. Basil lernt eine auf einem Müllhaufen wohnende Bande verschrobener (und jeweils mit einem besonderen Talent ausgestatteter) Außenseiter kennen, die so 1:1 aus einem ambitionierten Kinderbuch à la Lemony Snicket entsprungen sein könnten, so sehr, dass ich überrascht war, zu erfahren, dass es sich bei den MicMacs nicht um eine bestehende Buchserie handelt, die Jeunet verfilmt hat – alles hier fühlt sich nach dem Grundbaustein für eine dauerhafte Serie für junge Leser an. Da kann jemand wunderbarste mechanische Geräte basteln, oder unglaublich rechnen, oder ist unverwundbar, oder ein gewiefter Abzocker, oder ein Meister des Wortes… und so weiter. Und ohne weitere Komplikationen machen sich Basil und sein Team an eine widerstandsfrei wie ein Uhrwerk ablaufende Racheaktion, die die beiden Waffenhersteller Fenouillet und Marconi gegeneinander ausspielt und hinterher zum Geständnis trickst. Zwar spielt Nicolas Marié am Anfang einen wunderbaren hypermodernen eiskalten Workaholic als Gegensatz zu dem eher aus der alten Schule kommenden Waffenhersteller André Dussolier, aber zunehmend werden auch diese beiden Figuren zu flachen Karikaturen, wenn etwa Fenouillet die Körperteile berühmter Menschen sammelt oder Marconi comicartige Wutanfälle bekommt, die mehr und mehr eben doch an de Funès erinnern. Ebenso wie Boons an sich mitunter grandiose Improvisationen oft drohen, den Film zu kippen, ist auch hier einfach zu dick aufgetragen, zu simplizistisch gearbeitet. Die Balance zum «Märchen für Erwachsene», die Jeunet stets sucht, dreht sich hier ins comichaft-überzeichnete und entwickelt sich ins Schlimmste zu einem Film, der bestenfalls noch Kindergemüter anspricht, die sich an komplett linearen Handlungen, ungebrochenen Helden, absehbaren Wendungen und Romanzen, und Helden, denen alles, aber auch alles völlig ohne Widerstand gelingt, erfreuen. Selbst die finale Falle für die beiden Schurken ist vorhersehbar und zudem aus zig anderen Filmen bekannt und bestenfalls Kids bis 12, die Youtube noch cool finden, zu verkaufen. Als Erwachsener vermisst man Widerhaken in der Handlung, die Chance, sich mit unseren Helden zu identifizieren, doppelte Böden, Nebenhandlungen, Komplikationen, selbst in Jeunets Werk eine Art von Authentizität. Die erreicht man aber nicht dadurch, in einem Photo des Waffenhändlers förmlich aufdringlich Präsident Sarkozy hinein zu retuschieren – das ist keine Gesellschaftskritik, sondern Plattitüde. Und, schlimmer noch, man erwartet, dass der Film seine eigenen Versprechen hält. Wenn Basil ein Filmfreak ist und der Film mit klaren Filmzitaten anfängt – warum ist diese Ebene dann im weiteren Verlauf völlig aufgeben (außer als Grundmotiv für Basils Wunsch nach Gerechtigkeit). Die Fähigkeiten der Micmacs spielen teilweise kaum eine Rolle – die Mechanismen von Petit Pierre etwa sind reiner Eigenzweck und werden in dieser Tim-Burtonesken Komplexität nie in der eigentlichen Handlung genutzt. Und so weiter. Der Film wird seinem eigenen Potential nie voll gerecht.
Und Potential ist reichlich da. Jeunet packt um die naive Handlung eine bilderbuchartige, wunderbar detaillierte und verspielte Bildwelt, die zwar auch oft etwas sinnfrei wirkt, aber dennoch Spaß macht. Jedes Bild, jede Montage, jeder Effekt zeigt Jeunets Fingerspitzengefühl und poetisches Handwerk, es wimmelt von ironischen Referenzen und fast scheint es, als würden Jeunet und Boon sich einen Wettstreit liefern, wer in Micmacs am auffälligsten brilliert. Wobei «auffällig» nicht immer bedeutet, dass es dem Film als Ganzem hilft, wenn «zu viel» zum Grundcredo mutiert. So wimmelt es in Micmacs von grandiosen Insidergags, von visuellen Ideen, die begeistern, Paris ist (mal wieder) touristisch und cineastisch herausragend als Textur genutzt, die Details sind kurzum berauschend – sie kommen nur nie wirklich zusammen bzw. scheinen keinem Ziel zu dienen. So bleibt beim Betrachten der Eindruck, einer gigantomanischem, auch leicht onanistischem Trockenübung zuzusehen, in der «Style» völlig über «Content» gewonnen hat. Wenn Boon etwas plötzlich ein seltsames Sprachkauderwelsch ablässt, ist das ohne Frage komisch, aber es hat in der Handlung als solche keine Konsequenzen, seine Blackouts sind nie wirklich dramaturgisch wichtig, weil der Film einfach ruhig vor sich hinplätschert. Alles ist Beilage, nichts ist Hauptgericht, die (wunderbare) Dekoration hat keinen Zweck mehr, ist nur noch Mittel. Selten gab es einen Film, in dem die Selbstreferenz so zentral war – selbst in Le Fabuleux destin d’Amélie Poulain hatten Jeunets verspielt-skurrile Einfälle einen narrativen Zweck und passten nahtlos zur Geschichte, zu den Figuren und waren ein filmisches Mittel, eine Art Shortcut, um Zugang zur Gedankenwelt der Protagonisten zu gewähren. Hier gibt es diesen Zugang nicht mehr – die Micmacs-Bande ist skurril, um skurril zu sein, sie gewinnt keinen Tiefgang durch Jeunets visuelle Handschrift, die hier – durchaus meisterhaft aber eben nur für sich – in die Luft zu schreiben scheint. Zu keinem Moment kann man sich mit den Figuren identifizieren oder mit Ihnen mitfiebern, hat Angst um Sie oder drückt Ihnen die Daumen – sie bleiben Ameisen, die zielstrebig durch ein sorgsam gebautes, aber vertrautes Labyrinth-Terrain geführt werden, dessen Ziel nie in Frage steht. Nichts an diesem Film kann überraschen oder verblüffen, und so bleibt Jeunets Magie hier erschreckend oberflächlich.
So ist Micmacs à tire-larigot seltsamerweise ein wunderbarer Film, mit grandiosen Momenten und einer phantastischen Detailliebe, der am Ende einen seltsamen Nachgeschmack hinterlässt. In der Geschichte der Micmacs ist so viel Potential, so viel Phantasie, die im Vorbeirauschen brachliegend bleibt, die visuellen Gags hätten ein deutlich besseres Drehbuch verdient, die Figuren mehr Raum, die Metaphorik eine stringente Richtung. Ähnlich, wie der permanente Pseudo-HDR-Look der Bilder, die irgendwann zu intensiv, zu bunt, zu künstlich, zu inszeniert, zu gewollt wirkt, leidet der Film auch insgesamt unter einem wohl gut gemeinten «zu viel» und ist beileibe nicht der kleine Film, den Jeunet angeblich wollte, sondern die vielleicht oberflächlichste Materialschlacht, die der Regisseur bis dato abgeliefert hat.
2. August 2010 13:14 Uhr. Kategorie Film. Tag Comedy. Eine Antwort.
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