
Über das Leben und Werk von Michael Jackson dürfte in nächster Zeit viel geschrieben werden. Den Absturz, das Scheitern am eigenen Mythos, seine Vorläuferrolle für die vielen modernen Celebritys, die weniger für ihr Werk berühmt sind als vielmehr für ein öffentlich geführtes Leben mit allen Höhen und Tiefen, wie etwa Britney Spears oder Amy Winehouse. Dass Jackson als Musiker nicht viel mehr als vielleicht zwei wichtige Alben beigesteuert hat und im Grunde weit entfernt ist, der King of Pop zu sein, als der er hochgejazzt wird, dass andere Musiker die Popwelt viel mehr verändert haben, wird dabei vielleicht in Vergessenheit geraten. Jackson war kein Erneuerer, keiner, der die Popwelt verändert hätte. Wenn, dann ist seine Handschrift viel mehr spürbar in der Art, wie Pop als Gesamtprodukt – also jenseits der reinen Musik – funktioniert. Neben Madonna, die vielleicht wie keine Zweite Image, Mode und Popmusik fusionierte, ist Jackson derjenige, der den Cult of Personality in nach Elvis und den Beatles lange vergessenen Art zurückbrachte. Videos, Kleidung, Photos, Musik – alles hochsynthetisch, alles unauthentisch, alles Inszenierung, alles Fetisch.
Jackson ist dabei weiter gegangen als jeder andere in seinem Bereich, und hat Grenzen verschoben. Die Idee, dass ein Popstar «echt» oder authentisch sein könnte, ist Post-Jackson für das Publikum nicht mehr vorstellbar. Das Spiel mit dem Unechten, mit dem Fake, ist Teil der Pop-Erfahrung geworden. Wie jeder Begründer ist Jackson längst von seinen Epigonen überflügelt worden – man nehme die extreme Imagewechhsel von eben Madonna oder auch Christina Aguilera, die in immer kürzeren Abständen, erst pro Album, dann bald pro Single, ihre Identität wechseln. Extreme Makeover ist dann nicht ohne Grund ein Ding, das von den Stars zu den Fans quasi durch Osmose herandringt, bis die Idee, dass die eigene Identität formbar ist, in den Alltag aufgegangen ist. Bodystyling und auch die Vorstellung, psychisch optimiert zu sein, sein zu müssen, ist längst bei Schülern der Sekundarstufe Eins angekommen – und viel davon verdanken wir Jackson, Madonna et al… und natürlich MTV als Transmissionsriemen, als Vorläufer von MySpace und YouTube. MTV war Michael Jackson und Michael Jackson war MTV. Und ohne beide gäbe es keinen David Carson, nebenbei.
Entsprechend wird Jackson in Zukunft vielleicht weniger als Popmusiker gefeiert (der Ruhm sollte eherdem großartigen Quincy Jones gelten, der Thriller so perfekt produzierte), sondern vielmehr als erster Bodymorpher. Krude und natürlich primitiv, fast cargo-cult-artig, hat Jackson seinen Körper umgebaut, gebleicht, verjüngt, androgynisiert. Er hat sich verspoilert und umlackiert wie Autostyler ihren Wagen pimpen. In die Geschichte wird er eingehen als einer der ersten, die ihren Körper auf extremste Weise als nicht biologisch gegeben hingenommen haben, sondern massiv in die genetische Vorgabe hereingepfuscht hat. Wir leben in einer Zeit, in der künstliche Fingernägel, Haarextensions und vergrößerte Brüste, laserentfernte Haare oder implantierte Haare (je nach Körperstelle), gestraffte Lider und gelaserte Netzhäute nichts ungewöhnliches mehr sind und auch finanziell von der Hollywood-Elite längst beim Straßenpreis angekommen sind. Dieser Trend wird sich fortsetzen – auch auch wenn Jackson sozusagen der Worst Case der Beauty-OP ist, bleibt er eben doch der Wegbereiter, der Astronaut, der an den Outer Limits des Machbaren seinen eigenen Körper modifizierte und einen hohen Preis dafür zahlte, ein Märtyrer – und zugleich der Hofnarr – des konsumatorischen Schönheitswahns unserer Gesellschaft, die langsam, unwahrnehmbar und gleichsam unaufhaltbar in den genetischen Perfektionswahm taumelt, der in Gattaca noch Science Fiction und unter Hitler noch Wahnvorstellung war und der nun mit Germany’s Next Topmodel in der flimmernden Langeweile deutscher Wohnzimmer angekommen ist.
Jackson ist Speerträger einer Gesellschaft, die ihre Eitelkeit in Zukunft schon pränatal wird befriedigen können, die nach körperlicher Perfektion, ewiger Gesundheit und Schönheit hechelt, bei der wir in Zukunft nicht schaudern werden, über biokybernetische Implantate und genetische Enhancements nachzudenken. Jackson, einfach gesagt, war unser Junge aus der Zukunft, was bei Bowie nur Inszenierung war – der Mann der vom Himmel fiel, der Starman, der Ziggy Stardust – hat in Jackson reale Form angenommen. Was für Bowie nur Gedankenspiel war, ist bei Jackson zum Leben geronnen, aus dem er schlußendlich nicht entkommen konnte. Jackson ist The Shape of Things to Come, ein Gesandter aus einer Zeit, in welcher der eigene Körper nur noch weiche, formbare Masse ist, ein Designobjekt – und ist zur tragik-komischen Figur geronnen, weil er diese Idee mit den primitiven Mitteln unserer Zeit, der Schönheitschirurgie der 80s und 90s eben, umgesetzt hat. Dass seine Nachfolger bereits weniger als Freaks gelten und wir die enormen Körperveränderungenvon Aguilera und Co kaum noch als anormal wahrnehmen zeigt, dass Jacksons Rolle als Experimentierfeld, als extremverspoilerter Mensch, den Weg bereitet hat für den eben weniger wahrnehmbaren Wandel einer hedonistischen Gesellschaft, in der am Ende nach Mode, nach Wohnung, nach Konsumartikeln eben nur noch der eigene Körper als finaler Designgegenstand bleibt.Bodybuilding, Schönheits-OP, Tattoo, Piercing – am Ende wird der Körper vom unbeeinflussbaren, biologisch gegebenen Ding im nie gekannten Ausmaß zur Rohmasse von Identitätsschaffung, von Egobranding. Jackson ist lediglich der Störfall, der ein System überhaupt erst sichtbar macht – an Jackson offenbart sich also die Tendenz der westlichen Gesellschaft zum Körperfetisch, zur Oberflächlichkeit, zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Sein, am Ende zur Fälschung, zum Aufbau eines künstlichen Alter Ego. Eine gelungene Schönheits-OP ist dabei nicht systemisch nicht anders zu sehen als Jacksons Frankenstein-Antlitz. Identität wird transitorisch, was früher nur Transsexuellen vorbehalten war, wird zum Massenphänomen: Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken und diesen durch Operationen zum «richtigen» zu morphen.
Jackson ist insofern – wie in Deutschland vor Jahren Hildegard Knef – nur grausam überspitzte Verkörperung eines sozialen Trends, der an ihm überhaupt erst so deutlich sichtbar wurde, an die Oberfläche kam und zugleich durch seine Rolle als Pop-Ikone auch ein Wegbereiter dieses Trends.
Und Billie Jean ist natürlich auch ein sehr sehr netter Song :-D.
26. Juni 2009 10:39 Uhr. Kategorie Stuff. Tag Gesellschaft, Medien. 19 Antworten.
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Die Sichtweise, der Hauch von Geschichtsunterricht, der Klang von Gesellschaftskritik…gefällt mir.
http://www.hdschellnack.de/?p=1802
sorry. der musste sein. :D
ansonsten hast du wohl recht, auch wenn du leider diesen furchtbaren begriff des »transmissionsriemen« gebrauchen musstet. :)
achja. hat marian seine silikonmöpse jetzt und was sagte melle dazu?
Thomas, ich bin der letzte, der was gegen Körpermodifikationen hat, wieso auch?
Marian würde mit Brüsten gar nicht gut aussehen und hat hoffentlich derzeit auch keine Zeit für eine OP, wenn alles mit rechten Dingen zugeht :-D
Jacko, Vorreiter in der Musik, ja – man hört und sieht es heuer vor allem bei Produkten wie Justin Timberlake und Pharell Williams. Da braucht man auch nicht mehr als eine Handvoll Alben herausgebracht zu haben um zur Stilikone in der Musik erkoren zu werden. Ich stimme aber zu, Thriller, Bad und Dangerous. Das wars. Was davor und danach sagt mir nicht zu.
Jacko, Vorreiter in der Körpermutation, nein – ich denke da vor allem an Transsexuelle, Geschlechtsumwandlungen etc. Der Unterschied ist nur, dass alles außer Jacko im Stillen abläuft, Jacko hingegen durch und mit seinen äußerlichen Wandel im Rampenlicht steht. Wie sehr dabei die Vitiligo-Erkrankung reinspielt, sei einmal dahingestellt.
Ich bin ja erst zarte 26 Jahre auf der Welt, habe aber noch nie einen Tod einer bekannten Person in ähnlicher Weise erlebt. Überall wurde gestern über Jacko gesprochen, überall wurde Jackson gespielt, in Nachbarwohnungen, Autos und sogar beim Kunden im Hintergrund am anderen Ende der Leitung.
ach ja, das Bild oben ist für mich die Jackoversion zu Wim Crouwels Kalendern, die wiederum von Experimental Jetset aufgegriffen wurden =)
http://www.pxlpark.com/upload/Crouwel_05.jpg
Jackson war – aus meiner Sicht kein Vorreiter in Sachen Musik. Außer Thriller -und hier hat Jones einfach den Motown-Sound an die 80er Popmusik angepasst, weißer gemacht, finde ich in Jacksons Backlist nichts, was wichtig ist. Prince, um den alten Vergleich zu ziehen, hat mit The Revolution den besseren Pop gemacht und ohne Wendy und Lisa dann auch den besseren Funk. Bei Jackson ging es NIE um die Musik – Pop ist auch Image und Jacksons Vorsprung gegenüber Prince war, dass Jackson seinerzeit androgyner, asexueller war und deshalb besser funktionierte als Prince, der ja erst heute plötzlich prüde wird.
Das Ding in Sachen Bodymorphing ist eben, das Jackson, Anderson und einige andere es publik und als Celebritys eben salonfähig gemacht haben, Anderson dabei aber ja im Grunde lediglich einen aus der Pornobranche kommenden Look assimiliert hat, Jackson aber wie kein Zweiter einen komplett seiner Phantasie entsprungenen, bisher nicht etablierten Auftritt suchte, der ihn dann nach und nach eben auch zum Freak abstempelte.
Das wir den Tod eines Promis so wahrnehmen, ist irgendwie auch seltsam oder? We live in strange Times, dass wir uns so mit einem an sich fremden, mit einer reinen Marketinghülle identifizieren und trauern, als würden wir ihn kennen. Die Macht des Marketings.
Ich muss gestehen, dass ich dieses ganze Traaraa nicht nachvollziehen kann und dass mir die Dauer-MJ-Sendung im Radio ordentlich auf den Keks geht. Natürlich verbinden wir alle etwas mit seiner Musik und für seine Angehörigen tut es mir auch wirklich leid, dass sie ihn verloren haben, aber wir anderen..? Damals war er was Besonderes und der eine hat ihn mehr, der andere weniger bewundert, aber die letzten 10 (oder sogar noch mehr) Jahre ist er doch eigentlich eher eine zerbrechliche Lachnummer mit endlosen Schlagzeilen gewesen, über den sich alle lustig gemacht haben – ein trauriger Clown, wie gestern jemand so schön schrieb. Im Radio meinte gestern ein Mädel, das sei ein Schock für unsere Generation und es werde uns immer prägen. Nö. Mich sicherlich nicht. Auch dass es ein herber Verlust für die Musikwelt sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. Die ganzen letzten Jahre kam doch überhaupt nichts mehr, was die aktuelle Musik irgendwie beeinflusst hätte. Das ist doch alles lange her. Natürlich ist es für alle persönlich Beteiligten schlimm, wie jeder Tod, ja, aber dieser Hype geht mir echt zu weit. Er wird jetzt zu etwas hochstilisiert, was er in den letzten Jahren einfach nicht mehr war. So hätte niemand über ihn geredet, wenn er still vor sich hingealtert und dann irgendwann verschwunden wäre. Und ich denke, dass in der Welt gerade deutlich Wichtigeres passiert, wovon man jetzt kaum noch etwas hört, weil sich alles nur um Michael dreht.
Es kann ja jeder so sehen, wie er will, aber das ist meine Meinung dazu… Es nervt…
Bravo Carina.
Die trauernden Hinter bliebenen trtauern wohl auch nur mir einem healben Auge, mit den anderen 1,5 schauen sie wahrscheinlich auf die plötztlich gewaltig gewachesenen Umsätze
Für mich ist das untrennbar. Der eigentliche Kern, die Musik, und das, was drumherum passiert.Nicht nur der reine Sound, sondern auch wie sie visuell transportiert wird. Das ist für mich Musik als Ganzes. Und wie du es weiter oben schon gut aufgezeigt hast, ist eben vor allem die Show für das Sehorgan, das Jacko wohl zu dem gemacht hat, was er nun am Ende war, inklusive all dem Guten und Schlechtem.
Ich habe so mit 9, 10 Jahren angefangen seine Musik zu hören. Habe sie natürlich ganz anders wahrgenommen als Ältere. Was mir aber damals schon auffiel und was auch immer wieder zum Disput mit meiner Mutter geführt hat, weil ihr das übel aufstieß, war seine ganz und gar nicht asexuelle Inszenierung. Der dauernde Griff in den Schritt, die Trockensexbewegungen in seinen Videos und wohl auch auf auf der Bühne (dessen kann ich mich ja nun nicht mehr überzeugen – hatte ganze 4 Tickets für eins seiner Konzerte =)
Für mich nur verständlich, dass der Tod von A bis Z ausgeschlachtet wird. Welche Zeitung, welcher Reporter, welcher Sender hätte nicht davon geträumt überraschen berichten zu können, Michael Jackson ist tot. Dieser Abgang und dieses mediale Echo ist für mich nur die einzige logische Konsequenz seines Lebens.
>Dieser Abgang und dieses mediale Echo ist für mich nur die einzige logische >Konsequenz seines Lebens.
Du meinst, ein Tod, der eventuell auf Tablettenmissbrauch zurückzuführen ist und wahrscheinlich auf Depressionen/Angst vor der «letzten großen Tournee»? This is it, indeed.
Und der Medienhype passt leider nur zu perfekt zum Kunstprojekt. man darf jetzt schon nagst vr der Flut von Biobooks und -filmen haben, oder?
This is it. Bin über einen Artikel mit/von Lisa Marie Presley gestolpert. Jacko hatte ihr, als sie noch verheiratet waren, seine Befürchtung mitgeteilt, er würde ähnlich aus dem Leben scheiden wie ihr Vater. Das hat er ja nun (vermutlich) auch gemacht, aber mit deutlich weniger Kilos auf den Rippen.
Gossip, hin oder her. Soll er ruhen und ich versuche meine Mitschuld an seinem Tod als Kartenkäufer zu verdauen ;)
Noch ein Gedanke: Die extreme Reaktion auf diesen Tod ist auch ein Indikator dafür, dass hier der vielleicht letzte Konsens-Star abtritt, so eine Art «Den kenn ich noch aus Kindertagen»-Effekt. Ich kann mir keinen derzeit aktiven Künstler der heutigen Popbranche denken (mach man sich nichts vor: Jackson ist 80s, bestenfalls 90s), der in zehn zwanzig dreißig Jahren diesen Masseneffekt haben dürfte, Pop ist viel fraktaler geworden.
@Jo Schade wegen der nun redundanten Karten. Aber ich hörte,e r wird zum Défilé aufgebahrt. Evtl. braucht man da ja auch Karten und dann….. Ich finde das Theater übel. Der Mann hat schon zu Lebzeiten kein Profil gehabt außer dass er keins hatte. Es sei denn, man lobt ihn wegen seiner pervertierten Peter-Pan Attitude. Was gab’s da zu vereheren. Von seiner Musik verstehe ich nichts und immer wenn ich ihn gesehen habe, war es wegen irgend welcher Skandale, Affairen und Prozesse. Das Schönste an ihm waren seine Kostüme. So wie ihn stelle ich mir den Erlkönig vor. Gestorben isz er letztendlich an seiner Unfähigkeit sich seinem Leben zu stellen. So sterben jeden Tag etliche Hundert überall. Eer ist tot, das ist schlimm aber damit muss auch gut sein.
interessant vielleicht noch zu erwähnen, dass der weiße handschuh, der ja zu einem markenzeichen geworden ist, ausgerechnet von einem werber »erfunden« wurde.
mike salisbury heisst der mann.
http://www.mikesalisbury.net
das sagt eigentlich alles, wie ich finde. strategie über »künstlerisches eigenleuchten«. kommt einem bekannt vor? das TV ist voll davon heute.
Image, also eben Bilder, die wichtiger oder zumindest gleich wichtig wie die Musik sind, IST doch Pop, oder?
hallo, interesse an einem linktausch? einfach per mail melden! gruß