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MICHAEL CRICHTON: STATE OF FEAR

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Eins der vielen Bücher aus meinem viel zu dicken Muss-noch-gelesen-werde-Stapel, den ich noch habe. Ich habe State of Fear wegen der nahezu vernichtenden Kritiken zu diesem Ökothriller des kürzlich erst verstorbenen Michael Crichton lange vor mir hergeschoben und habe nach dem absolut enttäuschendem Next eigentlich nur mit State angefangen, weil es so ein schönes leichtes Gegengewicht zu einem anderen Buch, das ich gerade lese, zu sein schien. Umso erstaunter war ich, dass State of Fear im Rahmen dessen, was Michael Crichton kann, ein relativ gutes Buch ist.

Wie immer verkoppelt Crichton ein aktuelles Tabloid-Thema mit einer mehr oder minder Hollywood-tauglichen Thriller-Handlung, in der der Anwalt Peter Evans gemeinsam mit dem Agenten John Kenner versucht, eine Reihe von Umweltdesastern zu verhindern, mit der eine Öko-Lobbygruppe namens ELF versucht, Medienaufmerksamkeit, Einfluss und Geld zu bekommen. Zusammen mit Kenners Assistent Sanjong und Sarah Jones (einem der beiden weiblichen stereotypen «potential romantic interest» im Buch) reist Evans durch die halbe Welt, um mehrere dieser künstlichen Naturkatastrophen zu sabotieren. Der Plot ist zwar nicht klüger als ein Roland-Emmerich-Filmund liest sich streckenweise eben tatsächlich wie ein Exposé für einen Techno-Eco-Blockbuster, ist aber an sich spannend genug, um durch die über 700 Seiten des Buches zu kommen.

Tatsächlich spannender ist das Crichton – in einer Direktheit, die er ansonsten eher selten aufweist – das Buch eigentlich nur als Trägerrakete für seine «Botschaft» gebraucht. Kenner, der offensichtlich Chrichtons Alter Ego im Buch ist, hält seitenweise Vorträge über wissenschaftlich-sachlich falsche emotionale Vorstellungen von Peter Evans (der ganz offensichtlich das Alter Ego des Lesers selbst ist, ein gutmütiger, aber fehlgeleiteter Typ, der mehr und mehr die Wahrheit von Kenners Aussagen anerkennt). Crichton nutzt hier nicht das Skalpell, sondern den ganz groben Hammer, um seine Message zu kommunzieren, und mehrere Figuren einsetzt, um im Grunde ein umfassendes Seminar über Umwelt, Mensch, Politik, Medien und Angst zu geben. Dieses Seminar – unabhängig von der Frage, ob Crichton Recht hat oder nicht – ist so spannend erzählt und rhetorisch simpel aber smart aufgebaut, dass die Handlung mitunter eher störend wirkt. Wie sehr Crichton selbst von der Flut seiner Entrüstung mitgerissen wird, merkt man der Story immer wieder an, deren Anfang völlig anders aufgebaut ist – mit einem an einen Bericht gemahnenden Vorwort, fast angerissen wirkendem Foreshadowing, Figuren, die eingeführt werden und später kaum mehr auftauchen, wirkt der Einstieg fast fragmentarisch, während das Ende als straighter, auf eine handvoll Figuren konzentrierter, linearer Actionreisser daherkommt. Die 007-artige Verschwörungstheorie  im Buch lenkt insofern – ebenso wie die oft klischeehaft platte Schreibweise – von dem ab, was Crichton eigentlich sagen will. Und das brennt ihm so auf den Lippen, dass er am Ende der eigentlichen Handlung noch einmal einen Appendix anbietet, in dem er expressis verbis (als würde er der eigenen Erzählung nicht recht trauen) seine eigene Meinung kundtut, dazu ein weiteres Nachwort mit einem Vergleich zwischen der Global-Warming-Theorie und Eugenik-Theorie der 20er Jahren, und einer umfassend kommentierten Literaturliste.

Gerade die immer wieder in Büchern von Michael Crichton auftauchende Literaturliste lässt seine Bücher ein wenig wirken als wäre der Autor ein Halblaie, der sich manisch in sein jeweiliges Thema einliest und aus diesem Semi-Knowhow dann ein Buch heißnadelt, das Ganze wirkt also stets auch etwas streberhaft. Zugleich sind seine Bücher auf eine Peter-Moosleitner-esque Art ja eben auch immer ein niedrigschwelliger Einstieg in ein Thema und genau das macht sicher den Reiz von Crichtons Büchern aus, die ansonsten schriftstellerisch keine Perlen und aufgrund einer oft zu präsenten Dosis Gung-Ho-Wirtschaftsamerikanismus, Machismo und Xenophobie nur schwer verdaulich sind. Im besten Sinne sind Michael Crichtons Bücher aber Einladungen, sich intensiver auf eine Thematik, die ihn als Autor fasziniert, einzulassen, sei es Nanotechnologie, Gentechnik, die japanische Ökonomie oder hier Klimaforschung und Umweltbewegung – und stets gelingt es ihm, diese Themen so reisserisch aufzumachen, dass man tatsächlich verführt wird, tiefer einzutauchen, und das ist per se keine zu verachtende Leistung.

Nun wurde Crichtons Grundthese in State of Fear über die Nichtnachweisbarkeit globaler Erderwärmung nach der Buchveröffentlichung massiv kritisiert, was aus meiner Sicht die eigentliche Botschaft des Buches über die semi-hysterische Emotionalisierung eines per se wissenschaftlichen Themas ohne klare Erkenntnisse eher unterstreicht. Ich bin mir zum einen gar nicht so sicher, dass Crichton hier pauschal jede Theorie von zivilisatorisch verursachten Naturphänomenen pauschal bestreitet, ganz im Gegenteil – die Reduktion auf ein Anti-Gloibal-Warming-Buch ist eher polemisch. Sein Buch wird in den Rezensionen von den beiden Seiten dieses Konfliktes um Pro/Contra Erderwärmung missverstanden und missbraucht. Ich bin als Laie beileibe nicht bewandert genug, zu beurteilen, ob und inwieweit Crichtons Argumente und Fakten stichhaltig sind, obschon sie zumindest plausibel vorgetragen sind (aber gut – überzeugende Rhetorik ist die eigentliche Kunst des Romanciers, das sollte also nichts heißen). Spannender ist der unterliegende verlaufende Themenkomplex, nämlich die Verwebung von Wissenschaft und soziopolitischen Zielen. Crichton doziert in State of Fear, dass die Co-Dependenz von Politik, Interessengruppen, Wissenschaft und Medien inzwischen so weit fortgeschritten ist, dass es keine «neutrale» Wissenschaft mehr geben kann, weil Geld und Eitelkeit inzwischen längst eine tragende Rolle bei der aus dem Elfenbeinturm entflohenen Wissenschaft spielen, die so von den verschiedensten Interessengruppen eingespannt werden kann. Dass die ehemaligen Industriegegner längst selbst zu einer einflussreichen Wirtschaft geworden sind, die sich durch Spenden und Beiträge finanziert und dass hier inzwischen ähnliche Machtstrukturen und -interessen regieren wie in der klassischen Produktionswirtschaft, steht außer Frage, genügend Spendengeld-Skandale belegen das. So unwahrscheinlich es ist, dass Öko-Krieger morgen versuchen, Eisberge freizusprengen, um von einer Klimawandel-Panik zu profitieren, so erstaunlich ist eben doch, dass Al Gores eher rührseliger Film Eine unbequeme Wahrheit einen so erfolgreichen Wechsel in der Politik und öffentlichen Meinung herbeigeführt hat. Crichton – nicht minder emotional – zeigt die Mechanismen und Interessen hinter der Klimapolitik auf, deutet auf die Profiteure in Medien, Politik und Lobbyismus, die von nationalen Angstzuständen über Terror oder Ökokatastrophen existieren. Interessant daran ist weniger die Frage, ob es nun eine CO2-Katastrophe gibt oder nicht als vielmehr, dass State of Fear offenlegt, wie wenig man als Laie de facto über dieses Thema weiß und wieviel man einfach glaubt, wie umstritten die Fakten sind und wie klar und schnell sich die medial aufgeschreckte Öffentlichkeit – und in Folge die Politik – auf pseudowissenschaftliche Panikmache einlässt. Es geht um Fördermittel,  Schlagzeilen, Wählerstimmen, Spenden… genau die richtige Mischung, um einen packenden Thriller zu produzieren, in der Realität aber eine eher erschreckende Kombination.

So ist ein eigentliches Highlight des Buches der Appendix, in dem Crichton die Eugenik-Faszination der zwanziger Jahre und die Angst vor einer Schäwchung des genetischen Potentials und einer Degeneration der Menschheit, der sich sogar die prominentesten Politiker und Wissenschaftler (u.a. Alexander Graham Bell) der USA anschlossen, bevor die Idee einer Begünstigung genetisch gesunder Fortpflanzung im Nationalsozialismus konsequent zu Ende gedacht zum Holocaust führte und man rasch Distanz zu Francis Galtons Ideen suchte. Michael Crichton greift auch mit diesem Vergleich zwischen Genozid und Klimawandelpolitik zum ganz groben Besteck der Polemik – man spürt allein an dieser Analogie die vehemente Emotionalität des Autor, der doch eigentlich der  Neutralität das Wort führen will. Aber es bleibt die Tatsache, dass Eugenik als seriöse Wissenschaft betrachtet wurde und die aus heutiger Sicht bestenfalls krude Vorstellung von minderwertigen Rassen im wahrsten Sinne des Wortes todernst genommen wurde – in den USA und vielen europäischen Ländern wurde bis in die siebziger Jahre hinein bei Kranken und Behinderten eine Zwangssterilisation durchgeführt. Was wir heute als inhuman, dumm und schlichtweg fehlgeleitet betrachten würden, war in seiner Blütezeit ebenso «wissenschaftliches» Mantra wie heute andere Ideen aus dem Bereich der Genetik oder eben die Annahme, dass eine simple Reduzierung von CO2-Emissionen schon irgendwie einen positiven Effekt auf das Klima haben würde. Ob Crichton Recht hat oder nicht ist fast zweitrangig vor dem Hintergrund, dass es unweigerlich richtig ist, solche axiomatischen, an Hysterie grenzenden ppulärwissenschaftlichen Dogmen in Frage zu stellen und die Luft aus dem Ballon zu lassen.

State of Fear sind ex post zahlreiche sachliche Fehler nachgewiesen worden, die das Buch diskreditieren sollen. Dass Crichton nicht alle Fakten hat, nicht alle Fakten richtig darstellt und man hier eben einen reisserisch aufgemachten Thriller vor sich hat, kein Fachbuch zur Klimadiskussion, sollte jedem Leser dabei doch von vornherein klar sein. Denn paradoxerweise profitiert ja ausgerechnet Crichton von dem Phänomen, dass er selbst anzuprangern vorgibt – er setzt (wie immer) auf  Science-Themen mit Boulevard-Potential, strickt ein wenig dünne Fiction dazu und fertig ist ein Bestseller. Das Glashaus ist nicht unbedingt die ideale Position, um mit Steinen zu werfen – und Crichtons Buch hätte sicher von einer ausgewogeneren thematischen Darstellung mehr profitiert als von 800 Seiten kaum verhüllter Tirade und einem fadenscheinigen Plot, in dem absolute Laien zu Weltenrettern mutieren. Aber trotz aller Schwächen, die erzählerisch wie auch von der Intention des Autoren her immer wieder aufkommen, ist State of Fear ein durchaus fesselndes Buch, ein klassischer Pageturner zwischen Wissenschaftskritik und Popcornkino, bei dem man jederzeit weiß, dass man eigentlich Zweifel an der Ideologie und dem handwerklichen Können des Autors hat, aber Gott – man will ja doch wissen, wie es weitergeht.

Den größten Spaß an dem Buch hat mir persönlich gemacht, dass Crichton die Cojones hat, gegen den derzeit gesellschaftlich kleinsten gemeinsamen Nenner für «richtig» zu stürmen. Gegen Hybrid-Autos, gegen Windräder, gegen Solardächer, gegen Anti-CO2.  In den 80er jahren noch verlacht, ist die These der Erderwärmung heute so dominant geworden, dass sie an sich näherliegende Umweltthemen an die Wand drückt. Verseuchte Flüsse, Entgasungen aus Kinderspielzeug, Müllberge und viele andere Bereiche werden vernachlässigt – vielleicht gerade, weil man hier tatsächlich etwas bewirken könnte, weniger bloße Symbolpolitik gefragt wäre -  während die CO2-Reduktion zu einem inzwischen fast ermüdenden Mantra wird, das jede dritte Automobilhersteller-Anzeige schmückt, was wirklich nur die härtesten Zyniker als Fortschritt bezeichnen können, ebenso wie die Tatsache, dass wie zufällig nun ausgerechnet die Atomlobby auf den «grünen» Zug aufgesprungen ist und sich als «saubere» Alternativenergie vermarkten will. Kein Zweifel, es gibt gute Gründe, von fossilen Brennstoffen wegzukommen und sich auf eine energiesparende Lebensweise einzustellen – aber diese Gründe haben relativ wenig mit dem Ozonloch per se zu tun, gegen das die in Kyoto et al geplanten Maßnahmen ohnehin kaum etwas bewirken dürften.  Umweltschutz darf nicht auf ein Thema verengt werden. Dazu kommt die in State of Fear ebenfalls gestellte Frage, inwieweit wir mit Wandel – natürlichem wie den durch Menschenhand verursachten (und insofern eben wieder auch natürlichen, wir Menschen sind Teil des globalen Ökosystems, im guten wie im schlechten) – werden leben lernen müssen. Crichton belegt in mehreren Beispielen, dass Natur einem stetigen Wandel unterlegen ist und die Idee eines linearen Managements gegenüber dieser multikausalen Systemumgebung absurd erscheint – die Welt lässt sich nicht kontrollieren und steuern (hier greift er spürbar auf seine Chaostheorie-Thesen aus Jurassic Park zurück: Natur ist Natur, man sollte sie nicht verniedlichen wollen.) Das ist kein Grund, fatalistisch nichts tun zu wollen – aber es ist auch eine Warnung vor der menschlichen Hybris, sich zum Retter der Welt aufschwingen zu wollen… im Zweifelsfall richten wir dabei guten Willens mehr Schaden an, weil wir nicht wirklich verstehen, was wir tun, in ein ultrakomplexes System eingreifen, dessen Vernetzung wir kaum durchschauen.

Alles in allem, in der Suche nach den Fakten hinter Crichtons Behauptungen, in der Auseinandersetzung mit seinen Ideen und Behauptungen, regt State of Fear trotz der eher platten Geschichte zum Nachdenken über ein Thema an, das längst zum Hintergrundrauschen geworden ist und dass man – nun da selbst die Kanzlerin einer CDU-geführten Regierung zur scheinbaren Umweltaktivistin mutiert – als Meme-Overkill und Marketingmüll abgelegt hat. Das ist für einen simplen Paperback-Thriller keine schlechte Leistung… und auch wenn Michael Crichton sicherlich nicht als einer der geschliffensten Autoren in die Geschichte eingehen wird, gab es kaum jemanden, der wie er massenkompatibel komplexe wissenschaftliche Themen auf Blockbuster-Niveau herunterbrechen konnte. State of Fear ist allein aus diesem Grund überraschend lesenswert.

19. November 2008 09:17 Uhr. Kategorie Buch. 2 Antworten.

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