
Ich habe mir fest vorgenommen, endlich mal die etwa 40 teilweise seit 2003 hier herumliegenden Bücher abzuarbeiten, bevor ich mir wieder neue Sachen kaufe. Der gute Vorsatz wird nicht lange halten… beginnt aber gleich mit einem besonders schrecklichen Buch, das ich nicht umsonst so lange hab herumliegen lassen. Wie die Atomkraft in den 50er Jahren, ist die Genforschung eine der latenten freiflottierenden Ängste, die unsere Gesellschaft heute plagen. Wo früher radioaktive Insekten die Menschen verseuchten, sind es heute seltsame Genexperimente, die schief laufen. Michael Crichton, mit seinen Romanen stets an erster Stelle, wenn es darum geht, aus Techno-Angst einen Roman zu schmieden, der sich nicht umsonst in seinem letzten Roman mit der Klimakatastrophe und im Vorletzten mit Nanotech beschäftigte, liefert mit Next einen Gen-Thriller. Kein unbekanntes Terrain für ihn, hat er doch im Grunde schon mit Jurassic Park auf GenTech abgehoben… auch wenn es da vielleicht eher um die Chaostheorie ging. Crichtons Stärke ist, normalerweise, einen komplexen, langweiligen technologischen oder wissenschaftlichen Komplex so in das Gewand eines (meist eher platten) Thrillers zu packen, dass der eigentlich dröge Stoff Textur und Dimension gewinnt, Fleisch und Blut. Und an und für sich gelingt das oft. Kein Buch von Crichton, selbst nicht wirkliche Klassiker wie The Andromeda Strain oder Sphere, kam für mich jemals an die Brillanz von seinem Film Westworld heran, der nicht nur Jurassic Park weit vorweg nahm – beide Stoffe sind nahezu identisch – sondern einer der (trotz der primitiven Siebziger-Jahre-Optik) seminalen und besten Tech-gone-wrong-Filme schlechthin ist. Nicht ganz 2001, aber Yul Brunner ist einfach perfekt in der Rolle des durchgebrannten Cowboyroboters, der sich wie ein Vorfahre des gefühlskalten Terminators durch die Vergnügungswelt von Westworld mordet. Ob Airframe oder Rising Sun Disclosure oder Prey - stets hat Crichton einen Weg gefunden, akute Themen aus dem Wirtschafts- oder Wissenschaftsteil der Zeitungen literarisch so zu verwässern, das Bestsellermaterial daraus wurde. Und das meist, und so soll es bei Pageturnern ja sein, auf durchaus fesselnde Art. Airframe zum Beispiel habe ich in einer einzigen Nacht durchgelesen.
Next hingegen ist so erschreckend schlecht, dass man es im Grunde nur weiterliest, weil man – wie bei einem Autounfall – sehen will, ob es noch schlimmer kommt. Crichton führt eine fast unüberschaubare Vielzahl von Figuren ein, darunter auch die inzwischen etwas zum Klischee geronnene «Starke Frau in Trouble». Alex heißt sie diesmal, und ihr Vater, sie und ihr Sohn werden von einer Gentech-Firma verfolgt, weil die Zellen ihres Dads ein Heilmittel gegen Krebs enthalten könnten. Daneben lernen wir eine Phalanx von Wissenschaftlern und Managern kennen, leuchtende Schildkröten, Kinderschänder, zwei sprechende Affen und einen klugen Papagei mit britischem Akzent. Keine der Figuren aus dieser Charakterfront wird uns je unter die Haut gehen, sie bleiben offensichtliche Pappkameraden, deren fiktionale Erlebnisse nur dazu dienen, die von Crichton am Ende des Buches nochmal in Klartext verfassten Meinungen zur Gentechnologie zu illustrieren. Und so häufen sich die Zufälle, die Deux Ex Machinae und die Paradoxien doch etwas platt, zu einer Kakophonie von Events, die im Ganzen völlig belanglos an uns vorangetrieben werden, wie eine miese Zirkustruppe. Das am Ende des Buches alle einzelnen Handlungsstränge mit fast surrealer Gewalt zusammengetrieben werden, sprengt dann endlich die grenzen der Glaubwürdigkeit. Wer beim (natürlich zufälligen) Treffen von Dave, dem menschlichen Schimpansen und Gerard, dem (natürlich englischsprechenden) französischen (!!!) Papagei in einem Wellness-Resort nicht milde Lachkrämpfe kriegt, dem ist nicht zu helfen. Selbst Crichtons typischer Blick in die Strukturen von Unternehmen gerät zum Klischee. Fast schablonenhaft tauchen gierige Unternehmer, rücksichtslose Wissenschaftler, überforderte Richter und mediengeile Politiker auf – Crichton bemüht sich zu keiner Sekunde, die Klischees überhaupt noch zu ummanteln. Jede Figur ist nur eine Sprechpuppe, an der der Autor seine Ansichten zur Gentechnologie illustriert. Am Ende verkommt das Buch endgültig zur Lachnummer, die man eigentlich nur erträgt, indem man die Rollen kurzerhand vor seinem geistigen Auge von den Monthy Pythons übernehmen lässt. Aber anders auch beim besten Willen nicht. Wenn ich viel zu arbeiten habe, liebe ich es, Trashbücher zu lesen, aber Jesus, so mies muß es ja auch nicht sein. Das Thema transgener Züchtungen bietet eigentlich Stoff für spannende, gute und smarte Bücher – Next aber ist nichts davon. Wo Prey noch leidlich spannend war (und eigentlich nur wegen der Connection zu Lost), ist Next einfach nur ein durcheinander geratener Unfall aus Ansätzen, die gut gemeint, aber schlecht gemacht sind. Das allerschlimmste: ich müsste eigentlich noch Crichtons vorletztes Buch, State of Fear lesen. Mal sehen, ob ich mich nach Next dazu überwinden kann…
15. Oktober 2007 10:31 Uhr. Kategorie Buch. 11 Antworten.
wir haben ja in good old germany unseren eigenen mr. crichton, der um des »hurra ich bin wieder in den medien« willens auch mal eine so unsagbar schlimme dystopische zweiteiler-doku auf dem zdf »moderiert« hat, »die welt in 50 jahren« war der titel. das dumme an zukunftsvisionen ist einfach, das sie aus der sicht von heute projeziert werden und nichts mit einer tatsächlichen zukunft zu tun haben.
Ich hab kein TV – wen meinst du?
Ich finde, viel SF trifft sogar sehr zuverlässig zu, gerade so, als würde sich die Wirklichkeit an den Texten entlanghangeln. Es ist erschreckend, wie viel konzeptionelle Science Fiction real eintrifft.
herrn schätzing.
Ach.. der Schwarm? Angefangen, nach drei Seiten weggelegt.
Ich habe gerade ein Buchprojekt in Arbeit, das wissenschaftlich plausibel, aber nicht düster wie Crichton, sondern eher heiter und spannend ein ganzes Kapitel den Nanomaschinen widmet. Schau doch mal bei meinem Blog vorbei!
Ich finde die Rezension außerordentlich überzogen! Zwar stimmt es, dass das Buch nichts mehr mit der üblichen Unterhaltungsliteratur zu tun hat, dennoch zeigt es einen eindrucksvollen Blick auf das, was uns vielleichtt bald erwarten könnte.
Ähm.. die Kritik ist, dass es NUR noch Unterhaltungsliteratur ist. Gemessen an dem Mix, den Crichton sonst an Popular Science hinkriegt (und auch das eher schlecht als recht), ist hier weder die Informationsebene sonderlich gelungen noch die erzählerische Umsetzung. Was bleibt ist Halbinformation in Puppentheater gezwängt, frei von wirklichem Nährwert aber auch frei von jedem emotionalen Zugang. Was schade ist, weil ich denke, dass man hier sehr viel mehr hätte erreichen können, das Thema gibts sicher her.
Oh, ein PS:
Es ist keine Rezension. Es ist ein (öffentlicher) Merkzettel für mich, wie ich das Buch fand. Also eine Meinung, die ich nach dem Lesen des Buches akut hatte. Rezensionen überlasse ich Kritikern, die sind dazu meist eher berufen. Und bekommen auch Geld dafür ;-).
Für den Leien trotzdem recht beeindruckend, was für den Profi eher ein Witz ist?
Keine Ahnung… einfach ein kreuzlangweiliges Buch, fand ich. Wobei die gentechnlogische Schiene an sich spannend sein könnte, aber die Konstruktion von Geshcichte, Charakteren und Abläufen, allein die absurden Deus Ex Machina in diesem Buch… ai ai ai.
[...] verstorbenen Michael Crichton lange vor mir hergeschoben und habe nach dem absolut enttäuschendem Next eigentlich nur mit State angefangen, weil es so ein schönes leichtes Gegengewicht zu einem anderen [...]