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Michael Chabon: The Final Solution

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Nach dem furiosen Yiddish Policemen’s Union zeigt Chabon hier eine andere Seite seiner Kreativität – er erspinnt einen letzten Fall für den misanthrophen und in Sussex zurückgezogen lebenden, fast vergessenen Sherlock Holmes, der durch einen grauen Papagei, der mysteriöse Nummern rezitiert und schon bald zum Fokus eines Mordfalls wird, aus dem Ruhestand gelockt wird. Obwohl Chabon dabei keineswegs nahtlos in die Haut von Sir Arthur Conan Doyle schlüpft, merkt man dem Buch doch die tiefe Versunkenheit in den Holmes-Kanon an, die Detailfreude, und die Tatsache, das Holmes (vielleicht aus Copyrightgründen) nicht einmal beim Namen genannt wird, ändert wenig daran, dass Chabons Pastiche (die schon vom Namen an The Final Problem erinnert und von kleinen Illustrationen abgerundet ist) ein Vergnügen ist, das zugleich moderne Sensibilität hat und doch an die Abenteuer des «echten» Holmes anzuschließen vermag.

Das dünne Buch hat knapp den Umfang einer Novella oder längeren Kurzgeschichte, die Handlung rund um das Birdnapping ist kaum minder durchschaubar und selbst die Auflösung der Ziffernketten, die der Papagei endlos herabbetet, bereits im Titel in schönster Doppeldeutigkeit vorweggenommen, ist angesichts des Zeitraums, in dem der Roman spielt, absehbar. Dennoch geht Chabon deutlich verschlüsselter, und insofern vielleicht respektvoller mit Holmes um als vielleicht Laurie King (The Beekeepers Apprentice), und strikt zugleich elegant die die meisten seiner Bücher durchziehendes Themengebiete ein – Vater/Sohn-Beziehungen und die jüdische Geschichte, verkörpert durch den stummen jüdischen Jungen Linus, dem der Vogel (Bruno) gehört. Chabon lässt den altersschwachen Holmes mustergültig zu einem letzten Bravourritt aus dem Ruhestand, weniger um den Mordfall zu lösen, sondern eher, um sein Versprechen zu halten, dem Jungen seinen Vogel zurückzubringen. Alt, aber mit der vertrauten Arroganz gegenüber der Polizei, körperlich gebrechlich, aber mental immer noch einen Schritt voraus, führt uns Holmes durch das Buch, bis Chabon mit einem verwirrenden und zugleich bestechenden Kunstgriff ein Kapitel aus der Sicht des entführten Vogels erzählt – nur eines der vielen Details, das gewährleistet, dass der Autor niemals zu einer Doyle-Kopie wird, durch das schnell klar wird, dass es hier nicht um eine reine weitere Holmes-Pastiche geht, sondern die Figur nur ein Mittel zum Zweck ist, um eine tiefer mitschwingende Miniatur-Fabel über das menschliche Elend zu ermöglichen.

Wie schon bei The Yiddish Policemen’s Union nutzt (und sprengt) Chabon Genrekonventionen, vertieft sich sinnierend in Bienenkolonien, taucht in die Untiefen des Ehelebens ein, stellt das kleine Verbrechen in den größeren Kontext einer grandios absurd anmutenden Spionagegeschichte, eines ausgebombten Londons und zugleich vor die Folie der größeren Verbrechen in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs. Es ist ein Buch, dass bei aller Kürze voller verfolgenswerter Symbole und Motive ist, ein eigenes kleines Detektivwerk, in das Chabon immer wieder Hinweise und Andeutungen versteckt, selten ganz Klartext schreibt, sich stilistisch in die mäandernden Satzstrukturen des 19. Jahrhunderts zurückzieht und doch ganz seinem Stil treu bleibt. Ihm gelingt so nicht nur ein der trauriges, tiefgründiges Postscriptum zu Doyles Werk, sondern auch ein verspielter, ironischer und melancholischer Rückblick auf das Detektivgenre an sich, das heute längst in der ermüdenden Flut uneleganterer Thriller versunken ist. The Final Solution ist ein brillantes und zutiefst kluges Spiegelkabinett, das auf knapp 130 Seiten mehr Tiefgang erreicht als andere Bücher mit dem dreifachen Umgang jemals erträumen können.

1. März 2009 20:22 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

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