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MGMT: Congratulations

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Dem Fluch des zweiten Albums, das zwischen kommerziellem Leistungsdruck und Fanerwartungen zerrieben wird, sind MGMT mit «Congratulations» atemberaubend entkommen. Als müssten sie nach dem Erfolg von «Kids» förmlich beweisen, dass sie keine Popband sind, taucht der neue Longplayer noch tiefer in den Psychedelia-Sound ab, der schon denn Erstling prägte. Mit der Klanggeste der sechziger und siebziger Jahre, handgemachten Sounds, unendlichen Hallwolken, grandiosen Orgelklängen und verkifft-vertrackten Kompositionen flüchten die New Yorker in einen Klangkosmos, der so verdrogt, so doppelbödig und surrealistisch ist, wie das Cover von Anthony Ausgang es verspricht. Rockgesten, Neopsychedelia, traumhafter Federhall, verzerrte Bässe, sprunghaftes Schlagzeug und Gesang, der zu keinem Moment aus der wirklichen Welt zu kommen scheint verwandeln «Congratulations» in eine schrille Musicalnummer, vielleicht seelenverwandt mit Brian de Palmas «Phantom of the Paradise».

Schon «Flash Delirium» ist eine grandiose Mischung aus Sixties, Rock, Pop, Indie und Punk – und ähnlich vielschichtig ist auch die Melange des gesamten Albums, das munter unter dem Tarnmantel des Zitatepops in ein drogenschwurbeliges Musikwunderland abdriftet, voller grandioser Brüche und Experimente, und vor allem voller Humor. Anders als mit genialem, wilden Spaß ist ein Track wie «Siberian Breaks» nicht zu erklären, ein 12-Minüter, der klingt, als hätten sich die Beach Boys nach Pet Sounds weiter in Richtung Pink-Floydiger LSD-Musik entwickelt – produktionstechnisch und musikalisch ein seltsamer Trip in ein Alternativuniversum, in dem die psychedelische Folkrockmusik nicht mit dem Punk gestorben ist, sondern sich unbeirrt weiter in unsere Zeit entwickelt hat. VanWyngarden und Goldwasser ist ein wirsch-ambitioniertes, bonbonbuntes und dennoch melancholisches Album gelungen, das nach mehrfachem Hören förmlich schreit, das musikalisches und künstlerisches Statement grandios fusioniert und eine fast beängstigende Fluchtreaktion auf den Erfolg von «Kids» und «Time to pretend» darstellt, als wolle die Band diesmal sicherstellen, das sich nicht auf einen Teilaspekt ihrer Arbeit reduziert wird… denn der psychedelische Sound prägte ja auch schon das erste Album, nur halt nicht die beiden Singles. Und so wird fast jeder der neun Songs bereits zu einem Acidtrip durch musikalische Vorlieben, durch eine phantastisch ausgefeilte Produktion, entlang hypnotischen Klanglandschaften, in denen die Monkees sich mit Spinal Tap, Prince, R.E.M, dem jungen Bowie und zig anderen Gesichern prügeln. Die kreative Energie, die Lust an der Zerstörung des eigenen Erfolgs, das massive dadaistische Fuck-You-Feeling, sind in jeder Note, jedem Drumbeat, jedem Keyboardsound hörbar. Surrealistisch, ambitioniert, wütend, verliebt – «Congratulations» ist wie eine Wundertüte von Adjektiven, die man fast beliebig hervorzaubern kann und sie sind alle korrekt. Natürlich gibt es trotzdem potentielle Hits auf dem Album – wenn auch nicht so fröhlich-verspielt wie auf Oracular Spectacular – aber es wird eben doch deutlich, wie sinnfällig das Cover ist, auf dem die zu einer Figur verschmolzenen naiven Surferjungs vom ersten Album von der Katzenmonsterwelle gefressen werden. Der Druck in diesem Album ist eben nicht der, sich kommerziell zu beweisen, sondern künstlerisch. Als kämpften sie um ihre Seele, wollen MGMT beweisen, dass sie Antikonsumeristisch sind und keinen Soundtrack zum Werbeclip produzieren, dass sie relevant sind. Ganz ohne Grund sind die Bezüge auf Brian Eno und Dan Treacy ja nicht – VanWyngarden und Goldwasser kämpfen um ihren Platz im Pantheon ambitioniert Popmusik. Das mündet bisweilen in einer auch mal recht angestrengten Kratzbürstigkeit und Verkopftheit, die bei den gerade wegen ihrer Unruhe oft etwas gleichförmig wirkenden Lieder auch mal ermüden kann, weil klar ist, dass es MGMT eben nie um den Zuhörer geht und die Band sich selbst bei allem Humor manchmal einfach zu verdammt ernst nimmt. Trotzdem: «Congratulations» ist eine grandiose, wunderbar prall gefüllte Wundertüte, aus der die seltsamsten Plastic-Junk-Schmuckstücke heraus purzeln, eine Platte, die Beatles-Fans ebenso begeistern dürfte wie die Alternative-Zielgruppe. Und es scheint den beiden Herren und ihren Musikern enorm Spaß gemacht zu haben, die Platte einzuspielen, das hört man. Und allein das ist selten genug geworden, um sich mit MGMT einfach ein bisschen zu freuen und unter den Kopfhörern mitzuschaukeln.   

29. September 2010 11:13 Uhr. Kategorie Musik. Tag .
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