Ich schaue sehr sehr wenig deutsche Filme, weil die meisten sich im bekannten Fahrwasser des SAT-1-Komödienstadl-Niveaus bewegen, dramaturgisch wie darstellerisch. Muxmäuschenstill zeigt, daß es auch anders geht. Zeigt, daß man auch mit kleinen Mitteln einen soliden Film machen kann, der seine mediale Kraft gerade aus den trashigen Produktionsbedingungen zieht, die hier qua VideoCam sogar in den Mittelpunkt des Geschehens rücken, wenn Mux und seine rechte Hand Gerd ihre Vigilante-Aktionen selbst mit der Heimvideokamera aufzeichnen.
Der von Jan Henrik Stahlberg gespielte Mux verzweifelt an einer Gesellschaft, die ihre Ideale verloren hat, die sich dem alltäglichen Gemeinsinn nicht mehr verschrieben fühlt. Aus dieser Frustration heraus wird er zu einer Art Spießer-Batman, der Kleindelikte drastisch rächt, indem er Temposünder ihre Lenkräder demontieren und Hundescheißnichtwegmacher ihre Gesichter in den Kot ihrer Tiere drücken läßt, dafür eine Bearbeitungsgebühr kassiert und das ganze auf Videoband dokumentiert. Sein Manifest für eine bessere Gesellschaft hingegen wird er im gesamten Verlauf des Filmes nicht fertigstellen.
Der Erfolg des Filmes liegt darin, daß er unkommentiert, recht dokumentarisch draufhält, egal, ob wir uns am Rande der Satire oder am Rande der Tragödie bewegen, und zwischen diesen Momenten irrlichtert der Film drastisch. Wenn Mux etwa, enttäuscht davon, daß seine reine Liebe Kira nicht ganz so rein ist wie von ihm gedacht, ihr kurzerhand eine Kugel durch den Kopf jagt. Wenn sein Assistent Gerd sich auf die Dokumentarvideos einen herunterholt. Wenn andererseits aus dem irrwitzigen Projekt eine Firma wird, mit Internetauftritt und Werbetrailer. Absurdes, Böses, Witziges und durchaus berechtigte Wut auf eine fraktalisierte Gesellschaft ohne inneren Kern, mit ihren falschen Helden und flachgelegten Medieninhalten vermengen sich in der grobkörnigen Ästhetik des Films zu einem homogenen Gemisch, in dem der Betrachter mit seinen Entscheidungen oft und richtigerweise alleine bleibt. Stahlberg legt viele Saatkörner zur Erschließung von Mux Charakter, manche positiv, manche negativ, aber die Aufrechnung, wenn überhaupt eine nötig ist, überläßt er dem Betrachter.
Das verdankt der Film nicht nur der exzellenten neutralen aber immer atmosphärisch dichten Kameraarbeit, sondern auch der Stoik von Ex-Berliner-Ensembledarsteller Fritz Roth, der den Gerd schweigend dumpf anlegt und damit Raum für das Unausgesprochene an Mux/Stahlberg läßt, der nahtlos zwischen inspiriertem Leadership seiner kleinen expandierenden moralischen Ich-AG und voyeuristischer Freude an der Demütigung anderer wechselt (und der nicht zuletzt das Drehbuch geschrieben hat). In dem Bernhardiner-Gesicht von Gerd spiegelt sich kein Urteil, kein Ansatz zur Deutung von Mux und so bleibt uns nur unsere eigenen moralischen Parameter, um Mux zu verorten.
Marcus Mittermeier zeigt seine wahre Stärke aber beim kalten Abfilmen der Laiendarsteller in diesem Film. Die Sequenz, in der Mux in einer Kneipe ein Curt-Jürgens-Cover zur Heimorgel singt und kurz darauf (in einem absurden David-Lynch-Bruch) am Totenbett einer der alten Kneipen-Frauen sitzt, gehört, neben dem Volksfest mit Kira, zu den beeindruckendsten Momenten des Films, weil hier wortlos draufgehalten wird, weil die Kamera hier ohne jede Mühe Lebensgeschichten entblättert, die mehr Tiefgang haben als der gesamte inszenierte Film zu bieten hat. Von den Unterschicht-Kids auf dem Rummel zu der narkotisiert an ihrem Bier nuckelnden alten Frau, die sich bewegt wie ein sterbender Schmetterling… diese Botschaften graben vielleicht noch etwas tiefer als die Story des Visionärs ohne Vision, der zwischen DDR-Solidargesellschaft und NSDAP-Ordnungsfimmel wankt… vielleicht, weil man als Darsteller immer verloren hat, wenn echte Menschen vor der Kamera stehen.
19. Juli 2005 09:07 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.