
Matt Ruff ist kein schneller Autor, in fast 20 Jahren hat er gerade einmal fünf Bücher produziert. Bad Monkeys von 2007 ist sein neuestes Buch und – aus meiner Sicht – ein durchwachsenes Vergnügen. Klar ist, dass man bei Ruff nie mit einer Erwartungshaltung in das Buch gehen kann, aber zugleich hätte ich doch aus der Vergangenheit einen komplexeren Plot bevorzugt. Bad Monkeys dreht sich um Jane Charlotte, die im «Department for the final disposition of irredeemable persons» arbeitet, die kurz «Bad Monkeys» genannt werden. Diese ist Teil einer noch größeren und ziemlich allmächtig wirkenden Weltverbesserungs-Clique, zu der neben Good Deeds, Catering und Panopticon auch beispielsweise noch andere Suborganisationen namens «Scary Clowns» gehören. Diese bizarre weltumspannende Organisation kämpft gegen das Böse und dieses wiederum hat sich in «The Troop» organisiert, einer kongruenten Anti-Organisation. Beide Gruppen verfügen über bizarrste Waffen, wie die NC-Gun, die Herz- oder Hirnschlag simulieren kann, X-Drugs, die den Nutzern verdächtig Matrix-artige Fähigkeiten geben, Eyes-Only-Überwachungskamers in faktisch allen Bildern oder Photos, die Augen haben, verborgene Botschaften in Kreuzworträtseln, abgehörte Telefone. Janes Betreuer, heißen alle mit Vornamen Robert und haben symbolträchtige Nachnamen wie Love, Wise oder True und ein paar axtschwingende Clowns tauchen eben auch auf…. Jane begegenet den Bad Monkeys schon als Kind wird aber erst als Erwachsene, nach einer ausgeprägten Sex- und Drogenphase, Mitglied. Mit ihr tauchen wir in die seltsame Welt dieser Organisation und ihrer Jobs ein – und der Job ist schlicht und ergreifen, böse Menschen zu töten.
Klingt absurd? Soll es wohl auch. Denn die Frage, ob diese Abenteuer echt sind oder nur Teil eines monströsen Verdrängungsmechanismus bleibt bis zum Schluss offen. Das Buch ist als Kammerspiel konzipiert, wir begegnen Jane in der Psychiatrie eines Krankenhauses in Las Vegas, wo sie einem Arzt ihre verdrehte Geschichte erzählt. Wann immer Dr. Vale versucht, die Fakten ihrer Geschichte zu überprüfen, rennt er in eine Mauer – angeblich, so Jane, weil die Organisation im Hintergrund ihre Spuren verwischt. Die Geschichte von Jane beginnt noch relativ realistisch, steigert sich aber im Laufe des Buches in immer neue absurde Höhen hinauf, bis sie schließlich ihrer bösen Doppelgängerin begegnet (das Serienklischee schlechthin) und es zum blutigen und explosiven Showdown in einem Casino kommt, das geradezu erschreckend an eine der effektüberladenen Sequenzen aus The Matrix erinnert. Auf dem Weg dorthin erzählt Ruff eine zunächst seltsam linear anmutende Actiongeschichte, die ausgesprochen an Filme wie Matrix oder Serien wie Alias erinnert und für oberflächlich streckenweise sogar naiv und sogar studentisch wirkt.
Oberflächlich. Denn natürlich verbirgt sich unter der platten SF-Action-Story ein ganz anderer Subtext. Im Laufe des Buches hebt Ruff mit erfahrener Hand jegliche Verlässlichkeit von Realität auf, und die Frage, ob Jane wirklich für die Organisation arbeitet, oder für die Gegner, oder ob sie einfach nur eine drogensüchtige Obdachlose ist, die einen Knacks weg hat, seitdem ihre Mutter starb und ihr Bruder von einem Serienkiller entführt wurde, wird immer dichter und dichter ineinander verknotet, in immer neuen Twists, in denen Ruff an den Stangen des Käfigs der Plausibilität rüttelt bis man – ganz wie bei American Psycho – selbst entscheiden muss, was real und was irreal ist. Obwohl Bad Monkeys gemessen an Sewer, Gas & Electric nahezu atemberaubend geradlinig erzählt ist, dreht Ruff doch einen enormen Schraubenzieher in den Kopf des Lesers.
Die Auflösung des Buches stellt einfache Antworten auf den Kopf, weil es sich eben keinesfalls herausstellt, dass Jane einfach nur «irre» ist, sondern wir im Kontext der Realität der Bad-Monkeys-Organisation enden und die «Realität» (Dr. Vale und die Psychiatrie) sich als Illusion herausstellt. Am Ende des Buches – so kann, muss man es aber nicht sehen – ergibt sich Jane also ihrer Phantasie… oder alles, was sie vorher beschrieben hat ist eben einfach wahr. Dieses doppelbödige Spiel betreibt Ruff meisterhaft, aber ich frage mich, ob der man als Leser nicht in die Falle trappt, die Story einfach als eindimensionale (und dann auch klischeebehaftete und dumme) Thriller-Agenten-Suppe abzutun. Das es um mehr geht, ist so subtil verpackt, dass man es schon sehen wollen muss und das will man nur, wenn man Ruff kennt und weiß, dass bei ihm nichts so ist wie es scheint. Das Bad Monkeys mit diesem Aufbau leider etwas an eine alte Folge – ausgerechnet – von Buffy the Vampire Slayer erinnert, in der die Protagonistin in einer Gummizelle ist und di Frage aufkommt, ob all ihre Abenteuer nicht nur eskapistische Wahnvorstellungen waren, ist allerdings etwas enttäuschend.
Dennoch: Bad Monkeys ist sicher nicht Ruffs bestes Buch, aber – unter der Prämisse der Doppel- und Vierfachbödigkeit gelesen – auch absolut kein Fehlschlag. Es ist eine gekonnte Hommage an die trashigeren Bücher von Philip K. Dick oder an Robert Wilson und deren Konflikt zwischen objektiver und subjektiver Realität. Es liest sich enorm schnell (zumal es mit 230 Seiten auch eher ein Leichtgewicht ist), ist süffig geschrieben und hat eine Hauptdarstellerin, die einen einnehmenden Sarkasmus versprüht. Bad Monkeys hat die Qualitäten eines Valiumalptraums, eines surrealen Trips, eine traumhafte Qualität, die einen Bogen von Kafka zu Dick zu Stephenson schlägt und ich glaube, gerade das Day-Glo-Pop-Thriller-Konstrukt, gerade die aus anderen Filmen und Büchern genährte Welt der Organisation, für oder gegen die Jane Charlorte vielleicht arbeitet, ist ein sicheres Indiz dafür, dass es hier eben um mehr geht und man zwischen den Zeilen die Hinweise findet zu der wahren Geschichte. Im Endeffekt hat Ruff so den Zaubertrick geschaft, zwei Bücher zu schreiben. Eine comicartige Story, die sicher SF- und Actionfans anspricht und die sich perfekt für einen B-Movie eignen würde auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Geschichte einer Frau, die aus Schuld und Trauer ein abstruses Cocooning betreibt und am Ende im doppelten Sinne ausgelöscht ist.
28. Dezember 2007 11:36 Uhr. Kategorie Buch. 5 Antworten.
Fünf Bücher in 20 Jahren? (»Fool on the Hill«, »G.A.S.«, »Set This House In Order«, »Bad Monkeys« … Hmmmmm) Ich kenne nur vier :-)
Trotzdem: schön rotzige Rezi.
AI ai ai , you got me, es sind natürlich vier. Das hab ich davon, den Text so rauszurotzen :-D
[...] gibt es eine →ausführliche deutsche Rezension, die allerdings das Ende verrät. Auf Bücher.de gibt es eine leicht genervte →FAZ-Besprechung von [...]
Hey Guys! Der liebe Ruff hat tatsächlich 5 Bücher verfasst; zumindest zählt das “fünfte” Buch zu dem ersten, das er vollständig zu Ende geschrieben hat, es jedoch nie publiziert wurde.
–> “The Gospel According to St.Thomas”
:)
:-D Danke für den Hinweis. Meine zweifelhafte Ehre ist wiederhergestellt – zweieinhalb Jahre später…