HD Schellnack /// Kontakt iPhoto Twitter s90 Typographie Pop Alternative Aktionen nodesign Apple Licht Photographie Fail Denken Natur Dayshot Fragen Belletristik Software Winter Studium Medien Vernacular Fun Comics Werbung iOS Farbe Gesellschaft Print Web ScienceFiction Electronic Zukunft Magazine Frühling Jazz Hardware Kitsch Drama Retro Klassik Sommer Zitat Herbst Fantasy Sachbuch Kunst Emma Organisation Kultur

Martina Topley Bird: Some Place Simple

hd schellnack

Martina Topley Bird ist eine der besten Stimmen der letzten zwei Dekaden, mit ihrer glasig-sandigen Stimme nicht umsonst regelmäßiger Gast bei Tricky, Massive Attack und anderen Bands, aber ihre Soloprojekte scheinen nie richtig Fuß zu fassen. Was vielleicht daran liegt, dass Sie – ob aus Experimentierlust oder Orientierungslosigkeit – auf nahezu jedem Album ihren Sound weitestgehend ändert. War «The Blue God» von 2008 eine eher konturlose Pop-Einspielung, die die Sängerin in eine zu glatte Überproduktion einwickelte, ist «Some Place Simple» das genaue Gegenteil. Dem Namen gerecht werdend, liefert das Album minimalistische Fassungen bestehender Songs und eine Handvoll neuer Kompositionen. Das Album wirkt wie eine Vorbereitung auf eine Unplugged-Tour, diese Sorte Singer-Songwriter-Platte, die uns nur Stimme und ein absolutes Minimum an Instrumentierung liefert. Dabei ist MTB nicht so radikal wie etwa Lou Rhodes – an ihrem schlichten Ort lässt die Musikerin durchaus Schlagzeug, E-Gitarre und einige Keyboard-Sounds zu -, aber dennoch ist es spannend, «Sandpaper Kisses» so reduziert und unterproduziert zu hören. Es ist fast unwirklich, dass die Sängerin nach dem moderaten Charts-Erfolg des letzten Albums nun zu Tönen greift, die das Pop-Publikum eventuell vergraulen dürften, aber das Ergebnis ist mehr als hörenswert und Zeugnis ihrer Suche nach einer eigenen Identität. Bei aller Reduktion sind die 15 Tracks des Albums abwechslungsreich und niemals langweilig, die eher schlecht wirkende Produktion unterstreicht eher die Intimität des Albums. Man darf sich fragen, warum eine Musikerin auf ihrem dritten Soloalbum das Bedürfnis hat, weite Teile der beiden vorhergegangen Alben neu einzuspielen (zumal die Quixotic-Tracks eigentlich hervorragend sind), vielleicht fühlte sich Topley Bird unter der reichen Produktion vergraben. Warum auch immer, sie schmiergelt ihre Songs mal sanft mal brutal aufs nötigste Minimum herab, legt Muskeln und Knochen frei und zeigt fragile Kompositionen, die auch nach teilweise acht Jahren frisch wirken. Bemerkenswert ist, wie sehr die drastischen Unterschiede zwischen dem Debut Quixotic und dem von DangerMouse überproduziertem Blue God in diesen Versionen verschwinden – obwohl die beiden Alben kaum unterschiedlicher sein könnten, wirken die Songs hier wie aus einem Guß. Überhaupt ist dies das erste Album von MTB, das einen durchgehenden, einen homogenen «Sound» hat. Wo sie sich früher auszustrecken scheint, mal einen Trip-Hop-, mal einen Pop-Song produziert, die ganze Palette ihres Könnens und ihrer musikalischen Interessen auszutesten scheint, wirkt «Some Place Simple» klar und luzide, reduziert, verortet. Auf ihrem dritten Album, so scheint die Botschaft, weiß MTB, was sie will, sucht nicht mehr nach Zielgruppen, hat ihre alten Songs für sich zurückerobert und klarer, lyrischer gemacht. «Some Place Simple» klingt wie eine Rückbesinnung auf die eigenen Qualitäten gegen den Burn Out der Musikindustrie: Weniger, aber besser. Das Photo auf dem Plattencover scheint gegenüber dem Motiv von «The Blue God» ein Versprechen zu sein, dass die Musikerin sich selbst gibt. Wo auf dem Album von 2008 eine Art Diva im Lichternebel der großen Stadt posiert, eine photogeshoppte James-Bond-Retro-Göttin, präsentiert sich MTB auf dem neuen Cover mit einem spontan wirkenden Photo aus einer Studiosession – etwas angeblitzt, nicht in die Kamera schauend, bei sich – eher ein Facebook-Photo als ein glamouröses Albumcover einer Pop-Sängerin. Topley Bird, so die Botschaft, scheint die Masken abgelegt zu haben, nicht mehr Ziehkind von Tricky und Co zu sein, aber auch nicht die Grande Dame, die die Plattenfirma aus ihr machen wollte, sondern nur noch Sängerin und Musikerin. Eine gute Basis für das nächste Album, auf das Tracks wie das fröhliche «All Day» und das atmosphärische «Orchids» einen herausragenden Vorgeschmack geben.

4. Januar 2011 11:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Antworten

Schreibe eine Antwort, oder hinterlasse einen Trackback von deiner Site. Antworten abonnieren.


Creative Commons Licence