
Angenommen, T-Rex hätten sich irgendwo in Mexico verirrt und im Mescalin-Rausch entschieden, ihre Musik auf Salsa umzustricken und außerdem Tomas Haake als Drummer zu engagieren und ausschließlich in Fusion-Jazz-Takten zu spielen. So ungefähr darf man sich The Mars Volta vorstellen. Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-Lopez haben die Band nach der Trennung von At The Drive-In zu einem schillernden, gefährlichen Kunstwerk gebaut, das kaum ausufernder und extremer denkbar wäre. Die Einflüsse sind so vielseitig und so nahtlos zu einer Art perfektem Fusion-Rock verdrillt, dass man live fast nur noch die Wahl hat, sich auf einzelne Instrumente und Segmente zu konzentrieren, weil die volle Wucht der musikalischen Dichte kaum begreifbar ist.
Ähnlich ausufernd wie die Musik an sich sind Mars Volta live auf der Bühne. Die Band spielt siebenachtköpfig ein Set von gut zweieinhalb Stunden herunter, ein ausschweifender atemberaubender Jam, in dem die Stücke der vier Alben nahtlos ineinanderschwappen, in der lange, psychedelisch ruhige Phasen mit schleifenden Sampleloops und Omars atemberaubender, meditativer Gitarrenarbeit brachial abgelöst wird durch Schlagzeug-Gitarre-Orgien jenseits der Hörgrenze, sprunghaft-atemlose Takte, bretternde Bassdrum, überlagert von Bixler-Zavalas Falsetto. Cedric inszeniert sich als Wiederauferstehung von Marc Bolan und Robert Plant, rotiert sein dazuperfekt passendes Old-School-Microphon am Kabel wie einst Roger Daltrey bei The Who. Diese Show, über den brettharten, schnellen, hyperkinetischen Riffs der Musik, macht eindeutig klar, das sonst niemand so absolut Anspruch auf den Erbthron des Psychedelic Rock haben wie derzeit Mars Volta. Anstrengend, brachial, zartfühlig, vielschichtig, klug – ein Zitatenschatz, der niemals bloß kupfert, sondern einfach bis an die nächste logische Grenze – und sei es auch die Schmerzgrenze – vordringt. Man hat manchmal das Gefühl, es ist zu viel des Guten, das die reine Performance – insbesondere des Drummers und wer hätte gesagt, dass ich sowas mal schreibe – die Musik verdrängt. Das permanent wuselnde, ultraschnelle, ultrahart Spiel von dem jungen Ausnahmetalent Thomas Pridgen, der wie ein schwarzer Gott hinter seinen Acrylkit thront und die Fusion von Jazz und Hyperrock absolut perfekt bringt, sich scheinbar mühelos durch härteste Drumsoli und komplexeste Taktstrukturen rudert. Streckenweise mutiert das Konzert so etwas zu einem Drumworkshop- oder, mit Rodriguez-Lopez wunderbaren Solieinlagen zu einem Gitarrenworkshop. Hektisch, mitunter chaotisch arbeitet sich das Septett durch endlose, mit Improvisationen angereicherte Strukturvariationen und erreicht so im Verlauf des Konzertes einen Zustand, den man sonst eher bei frickeligen FreeJazz-Konzerten erwartet – eine frei flottierende, interaktive Kommunikation zwischen den Musikern. Was im gediegeneren Jazz schon anstrengend und atonal für den Zuhörer sein kann, wird hier ums Hundertfache multipliziert, mit weiteren Zutaten angereichert und laut, laut, laut gespielt. Gegen Ende des Gigs hat die Band die obere Leistungsgrenze ihrer eigenen PA überschritten und der Sound matscht leider etwas, was der Musik nicht gut tut, dem Spaß am Sound aber wenig nimmt.
Es ist fast überrraschend, das eine Band dieser Ausnahmequalität und -extremität so ein großes Publikum erreicht. Für die Live-Station gebucht, wurde das Konzert in das Palladium verlegt, das fast aus den Nähten platzte. Etwas überraschend war, wie ruhig es eigentlich in der MoshPit abging, vielleicht, weil die Musik von Mars Volta so schnell ist, dass man irgendwann nur noch dazu zucken kann, aber nicht mehr pogen, oder weil man irgendwann die Augen zumacht und einfach versucht, den ultradichten Soundbrei zu durchdringen und zu hören. Selbst in der dritten Reihe in der Mitte war es eigentlich noch sehr human auszuhalten, und das, obwohl es wirklich packenvoll war. Und anders als bei den meisten ProgRock-Combos war hier eben nicht nur ein überwiegend aus Musikern bestehendes Publikum vor Ort, sondern ein komplett wilder Haufen, der jeglicher Genre-Einordnung widerspricht. Schlußendlich nur passend, lässt sich ja auch die Band selbst nicht verorten – The Mars Volta ist ein irgendwie selbstverliebter, ausufernder, hyperkomplexer und wunderbar irrer Haufen von Musik, die man wahrscheinlich nur lieben oder hassen kann, und die vor allem eins nicht ist: Mittelmaß.
9. März 2008 14:18 Uhr. Kategorie Leben. 11 Antworten.
Geniales Konzert. Schade, dass wir uns nicht gesehen haben – aber der Laden war tatsächlich ziemlich voll.
Ach Shit, du warst ja auch da – damn. Wir sind auch recht spät gekommen, als es schon angefangen hatte, die Herren haben ja sauber um 20:00 losgelegt anscheinend.
Naja, Ich kann nicht sagen ob der Kollege wirklich im Palladium war , aber ich denke , da Karten auf der Starsse angeboten wurden wars wohl aus verkauft , aber proppenvoll wars jedenfalls nicht . Der Sound war teilweise n ziemlicher Brei , aber nichtsdestotrotz wurde super Musik geboten .Ich hatte manchmal aber den Eindruck , dass einige Konzertbesucher sich verirrt hatten und besser zu Marilyn Manson , Limp Bizkit oder Linkin Park gegangen wären .
Die sahen doch teilweise etwas verwirrt bzw. desinterrisiert aus .
Nachdem Bixler noch angepisst war , wegen Dazwischenquatscher war , hat die Stimmung gegen Ende sehr gelitten. Er hat sich beim letzten Song nicht mehr bewegt (naja die Lippen schon) und ist dann kommentarlos von der Bühne (wie die ganze Band) .Ich hab irgendwo gelesen , daß sie auch n Song weggelassen haben . Zugabe gabs jedenfalls keine , nach 3 Stunden (und nicht 2,5) war das zwar ok , aber ich werd den Eindruck nicht los , daß es bei besserer Stimmung (der Band wie auch im Puplikum) noch was gegeben hätte.
Der Spruch mit dem Dazwischenquatschen war großartig :-D.
Da, wo ich war (vorn, Mitte) wars absolut packenvoll. Und nach hinten sahs nicht viel besser aus – weiter hinten ist im Palladium aber eher immer ziemlich leer wirkend.
Publikum fand ich auch etwas müde, aber auch verständlich – die Konzertdauer, so genial ich es fand, ging den Leuten wohl etwas zu weit. Und es ist einfach nicht die Sorte Musik, bei der man mosht, dafür ist es zu zerebral :-D. Und mit dem Breisound hast du recht – selbst vorn mittig, wo man schon relativ im Sweet Spot der Musik ist, war es nicht wirklich ideal. Vorn seitlich, wo ich anfangs stand, gings gar nicht, die Percussion von der Bühne war lauter als die PA.
Und ich hatte so von 20.00 bis 23:30 im Kopf, aber mag mich irren. Die Zeit ist auch kein Wunder, wenn man während EINES Songs zweimal Bier holen gehen kann :-D
Also zuallererst kann ich nur äußern, dass die vereinzelten Laberbacken mich ebenfalls unheimlich genervt haben.
Mein Kumpel und ich standen ganz hinten, an der Rolli-Bühne. Und vor uns ein Grüppchen Halbstarker. Einer dieser Jungs war unaufhörlich am Labern. Ich habe mich aber zusammen gerissen. Hätte gerne etwas zu ihm gesagt, aber sein stetiger Alkoholkonsum hätte die Situation wahrscheinlich eskalieren lassen. Arm so was. Ich habe auch meine zwei drei Bier getrunken aber wenn ich auf ein Konzert gehe, dann heißt’s grundsätzlich: Fresse halten.
Dennoch, es war ein hypnotischer Abend der noch lange in Erinnerung bleiben wird. Und noch immer fehlen beschreibende Worte für diesen musikalischen Gewaltakt.
Genial fand ich allerdings folgende zwei Sprüche, welche ich in der Menge nach dem Konzert vor dem Garderobentresen aufschnappte. Mit leicht ironischem Unterton sagte ein Konzertgast, der wohl nicht mit solch langem und hartem Auftritt gerechnet hatte, zu seinem Kumpel:
“Man, ich konnte zu keinem Song tanzen und bei jedem dachte ich die Welt bricht zusammen!”
Mit einem Schmunzeln nahm ich diesen Satz wahr und fand ihn echt passend:
Mars Volta Köln 2008 – Untanzbarer Weltzusammenbruch!
Die Konzertlänge ist für mich nie ein Problem , die hätten wegen mir noch ne Stunde mehr spielen können :-)
Aber zu dem versauten Schluss existiert ein Youtube Video .
Schaut euch mal die letzte Minute an , Ich hab leider auf dem Konzert nicht richtig verstanden was der Cedric gesagt hat , aber der war ganz schön sauer , wegen den Schwätzern
http://www.youtube.com/watch?v=zKv1Soy2MDY&feature=related
Ah und hier noch schöner Kommentar mit Antworten von Fix Sadler auf Progrock.de
http://www.progrock-dt.de/glossen/der-spass-am-vorbeihoeren-impressionen-vom-the-mars-volta-konzert-im-palladium-koeln-08.03.2
Hi! Kleine Korrektur: Sie waren 8 Musiker.
Aber sehr interessante Links zum “Quassel”-Thema, thx;). Würde mich auch über den ein oder anderen Leser meines Review freuen (mit über 40 Fotos):
http://www.regioactive.de/story/6367/the_mars_volta_live_im_palladium_koeln.html
Grüße,
Markus
Hammerreview!!!!
oh danke, das freut mich :)
Interessante Review und wirklich tolle Fotos :-)
Ich habe den Link in http://www.progrock-dt.de eingestellt .