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Mark Brandis: Bordbuch Delta VII

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Ach, die Kindheitserinnerungen. Tatsächlich ist überraschend, dass Nikolai von Michalewskys deutsche SF-Serie auch mit deutlichem Abstand und auch deutlich veraltet im großen und ganzen gut dasteht. Was wahrscheinlich daran liegt, dass Michalewsky trotz der Ich-Erzähler-Form einen eher nüchternen Stil nutzt, der Science-Fiction nur als Rahmen nutzt und ansonsten genau so gut auch auf einem U-Boot oder Kriegsschiff spielen könnte, die phantastischen Elemente werden bloß der Genreform halber beigeliefert, es geht dem Autoren greifbar um Fragen von Gehorsam und freien Willen, Disziplin und Kameradschaft und die Zusammenarbeit an Bord. All das verwundert vor dem Hintergrund von Michalewskys Biographie wenig, zumal er von SF nach eigener Aussage wenig Wissen hatte – der Serienautor hat also ganz offenbar seine eigenen Erfahrungen 100 Jahre in die Zukunft gedacht und sich dabei einen fröhlichen Dreck um wissenschaftliche Fakten geschert, weswegen die von der diktatorischen Erde flüchtenden Crew-Mitglieder der Delta VII ausgerechnet auf der Venus landen – obwohl dort selbst unter höchsten Anstrengungen keine menschliche Kolonialisierung denkbar wäre. In einem Jugendbuch, finde ich, sollte man als Autor solche Fakten vielleicht mitliefern, Information und Entertainment etwas sorgfältiger verquicken als in einem reinen Pulp-Roman, aber andererseits ist der mehr als lässige Umgang mit der Astronomie ein Markenzeichen der offenbar ziemlich schnell herabgeschriebenen Bücher, deren Atemlosigkeit eben zugleich auch ihre Kraft ist. Michalewskys Figuren wirken bei aller scheinbaren Internationalität wie eine zusammengeschweißte, aber eben aufgrund dieser Enge beileibe nicht konfliktfreie Gruppe wie aus einem klassischen Soldatenfilm – geleitet von dem fast preußisch-trockenen Überprotagonisten Brandis, dem Idealtypus des Generals, der sich innerlich hinterfragt und an sich zweifelt, nach außen seine Mannen aber nahezu irrtumsfrei und selbst zuvorderst voranstürmend ins Feld führt. Der durchaus bereits in den siebziger Jahren leicht irritierend positiven Darstellung von Militarismus steht ein klarer Antifaschismus gegenüber, der sich in Band I und den Folgebüchern vor allem an der Figur von Gordon B. Smith abarbeitet, der die Erde mit allen typischen Bösewicht-Methoden in den Griff zu kriegen versucht, etwa durch Gehirnwäsche oder Implantante, mit denen er unter anderen in Bordbuch Delta VII den ehemaligen Präsidenten der Erde Samuel Hirschmann «umdreht» oder zombieartige Soldaten heranzieht. Man mag sich innerlich an Michalewskys Logik von «guten» Soldaten, die gegen «böse» Soldaten kämpfen, reiben – hinter dieser sehr dem Kalten Krieg geschuldeten Sicht auf die Welt steckt aber ein deutlich greifbarer Humanismus des Autors, den seine Figur den jungen Lesern deutlich und (nach wie vor) spannend vermittelt.

Es ist das Kreuz aller altgewordenen Science-Fiction-Arbeiten, nicht zuletzt auch der Bücher aus den fünfziger und sechziger Jahren, dass sie technologisch wie inhaltlich erschreckend veralten. Das Ergebnis ist eine seltsame Alternativzukunft, die nicht selten schon fast wieder in unserer tatsächlichen Vergangenheit liegt, weil die Autoren nur 30 oder 50 Jahre nach vorne gerechnet haben, die mit unserer Realität erschreckend wenig gemein hat, aber meist ein interessantes Spiegelkabinett der Ängste und Hoffnungen der Entstehungszeit abgibt. So auch hier, und wie üblich gerade bei der pulpigen, billigen Serienliteratur und Auftragsarbeit, die der Autor seinerzeit ja nicht ohne Grund unter Pseudonymen veröffentlichte (er wollte seine unter dem eigenen Namen erscheinenden eher historischen Romane vor der Literaturkritik schützen), nicht ahnend, welchen Erfolg er mit dieser Figur haben würde. Der Weltenbummler Michalewsky zeigt mit seiner Spiegelwelt eine Zeit von Kaltem Krieg und UN-Hoffnungen, geprägt vom Blockdenken der 60er Jahre, so sehr, dass man die Revolten jener Zeit kaum im Text des ersten Bandes spürt (obwohl die Brandis-Bücher im weiteren Verlauf sehr zeitnah werden und etwa die Rasterfahndung, die Angst vor einem Überwachungsstaat oder die Club-of-Rome-Berichte thematisieren), sondern vielmehr einen Diskurs über die politischen Blocksysteme des Kalten Krieges, Nato und Warschauer Pakt und die Hoffnung auf ein Ende der politischen Absurdität der Aufrüstung. Es ist vielleicht verständlich, dass Michaelewsky vor allem im weiteren Verlauf der rund 30 Bände umfassenden Serie immer mehr die Realität als Ideengeber einbezog. Der erste Band, noch deutlich geprägt von einer Unsicherheit mit dem Genre und den Figuren, gehört zu den besten der Serie, gerade weil man hier ahnt, wie der Autor sich den Handschuh seiner neuen Figur überstreift und Szenen frei jeder Abgebrühtheit entstehen, die dem eher dünnen Plot um tapfere Helden und böse Protofaschisten einige Momente bescheren (wie etwa die Schlagzeugeinlage von Antoine Ibaka), die auch heute noch größer sind, als man es bei einer Jugendbuchreihe eigentlich erwarten würde.

9. Mai 2010 16:44 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

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