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MARISHA PESSL: SPECIAL TOPICS IN CALAMITY PHYSICS

An Special Topics in Calamity Physics bin ich mit gemischten Gefühlen gegangen. Erste Besprechungen haben das Buch entweder hochgelobt (und komplett fälschlicherweise mit Donna Tarts Secret History verglichen) oder völlig verissen. Und kann eine so junge, so marketinggerecht photogene Autorin auch noch wirklich so übertalentiert sein, wie viele schäumende Reviews nahelegen?

Aber Hallo.

Pessls Debüt ist eine im besten Sinne des Wortes überquellende, überbordende Erzählung, aufgeteilt in 36 Kapitel die als fiktive Leseliste, als Kanon, als Vorlesung mit abschließendem Test, verfasst sind. Überhaupt schwimmt das Buch förmlich – nicht einmal mehr im Subtext, sondern ganz offensichtlich – in Zitaten, Quellverweisen, Anspielungen auf Bücher, Filme, auf Weltliteratur und Popkultur. Handlungen, Charaktere, Situationen werden auf subtil witzige Art mit literarischen Vorlagen illustriert und kommentiert, dazu zitiert Protagonistin und Ich-Erzählerin Blue van Meer nahezu pausenlos aus ihrem scheinbar bodenlosen literarischen Aphorismenkästchen, das Roger Wilhelmsen blass vor Neid würde. Eine Zeit lang hat man beim Lesen Ansgt, dass dieser sich schnell abnutzende Kunstgriff der permanenten Referenz nervig wird, aber schnell wird klar, dass es kein reiner stilistischer Parforceritt der Autorin ist, sondern ein Zugang zu Blue selbst, eine Meta-Charakterisierung. Nicht umsonst ist die erste Frage des «Final Exam» am Ende des Buches: «Blue van Meer has read too many books. T/F?» Das van Meer ein hyperintelligenter (IQ 175), im Buchwissen ertrinkender und nach Lebensdramatik dürstender Teenager ist, macht das Buch nicht nur lesenswert, sondern ist auch ein Schlüssel zur Doppeldeutigkeit der Narration. Denn am Ende des Buches bleibt unklar, ob das, was man soeben gelesen hat, Realität ist oder nur der fieberhaften Phantasie von Blue entspringt, die – ganz Buchmensch – nach Plots, nach Denoument, nach Logik sucht und vielleicht nur Zusammenhänge schafft, wo ihre Phantasie danach verlangt. Ob Hannah Schneider also wirklich das Opfer einer internationalen Verschwörung ist oder doch nur eine einsame Lehrerin, die sich im Wald erhängt hat… wer weiß. Kritiken, die das etwas seltsam konstruiert wirkende Ende des Buches bemängeln, in dem Blue rasant ein Puzzle aus Indizien zusammentheoretisiert… haben eine entscheidende Ebene des Buches leider verpasst, glaube ich, obwohl Pessl am Ende, im Fragebogen, sehr ausdrücklich darauf hinweist. Special Topics ist nicht ohne Grund in der ersten Person singular geschrieben :-).

Denn der Plot, um eine Gruppe von Teenagern und die charismatische Lehrerin Hannah Schneider, die im Wald bei einem gemeinsamen Campingtrip der Gruppe erhängt an einem Baum von Blue aufgefunden wird, um Blues Vater Gareth van Meer, um einen Haushälter und einen Harvardprofessor und um eine geheimnisvolle politische Bewegung, die es vielleicht gibt oder nicht gibt… erscheint nur solange logisch, solange man in der ICH-Perspektive von Blue bleibt. Die nach einem fast endlos langen Aufbau – der mehr als die erste Hälfte des Buches verschlingt – fast hyperrasante Lösung des Puzzles, für die Blue nicht umsonst bewusst in die Rolle berühmter detektivischer Vorbilder schlüpft, mag so stimmen… oder eben nicht. Es ist eine grandiose Leistung, einem an sich so schlüssigen, leicht surreal werdenden Plot am Ende den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Und vielleicht, nur vielleicht in Wirklichkeit die Geschichte einer hochintelligenten, aber traumatisierten Studentin geschaffen zu haben. Wie man bei American Psycho nur erahnen kann, dass Bateman seine Verbrechen wahrscheinlich nie wirklich begeht, einfach in eine Traumwelt flüchtet, so wird auch bei Special Topics nie ganz klar, ob man den hypnotischen Fieberträumen von Blue erlegen ist oder nicht.

Diese wunderbar doppelbödige Geschichte wird ergänzt durch schillernde exzentrische Charaktere und eine Protagonistin, deren Smartness, deren wirbelnder bissiger Ironie, deren Hunger man schnell wehrlos ausgeliefert ist. Pessl schafft für Blue van Meer eine Stimme, die liebenswert und lebendig ist, humorvoll und warm und zugleich von fast kristallscharfer Intelligenz und Beobachtungsgabe. Das Buch platzt fast aus den Nähten vor Metaphern und Similies, die ungewohnt und neu sind und man erwischt sich oft dabei, dass man einen Satz ein zweitesmal liest, um den Geschmack davon noch einmal bewusster auf der Zunge zu haben. Fast verschwenderisch, fast angeberisch wirft Pessl mit Bildern und Vergleichen um sich, die ein Luxus, sind, eine fast ertänkende Flut, zu viel Schokolade. Manchmal betäubt diese überschwengliche Pracht, das literarische Name-Dropping, fast die Geschmacksnerven, ebenso wie man an den Dialogen, an Pessls Fähigkeit, ihren Figuren distinktive klare eigene Stimmen zu geben, allen vorweg dem wunderbar zynischen It-Girl Jade, fast ertrinkt. Das sie am Ende die Fäden ihrer Story dann nahtlos zusammenknüpft, überraschend und befriedigend und logisch und erst ganz am Ende den Boden unter all dem wegzieht… meisterhaft.

Special Topics in Calamity Physics ist auf so vielen Ebenen wunderbar, so voller Allusionen, Anspielungen, Doppeldeutigkeiten, Referenzen, Verneigungen (schon die reine Tochter/Vater-Beziehung ist eine bereinigte Anspielung auf Nabukovs Lolita), dass man kaum mehr in der Lage ist zu unterscheiden, welche Quellen real und welche von Pessl frei erfunden sind. Selbst relativ belesen, fängt man wahrscheinlich nur die Hälfte der Bälle, die die Autorin übers Netz spielt… und bereits diese 50% machen Special Topics eben auch zu einem wunderbaren literarischen Puzzle. Es macht teuflisch Spaß, zu überlegen, wo die Verbindungen zwischen den Büchern der Kapiteltitel (Deliverance, Justine, The Big Sleep, Moby Dick) und dem tatsächlichen Inhalt angelegt sind, es macht Spaß, zitierte Bücher und Filme zu googlen, um nach weiteren Bedeutungsebenen zu suchen. Und so weiter. Ganz en passant wird das Buch so zum Kreuzworträtsel und zur Inspirationsquelle. Ohne dabei eine Sekunde langweilig, trocken oder dröge zu wirken, ganz im Gegenteil. Pessl beweist, wie hyperkinetisch-lebendig und hip der Kanon von Weltliteratur und Filmkunst sein kann. Und zugleich beweist Pessl, dass sie absolut auch selbst schreiben kann. Nimmt man Blue van Meers Zitatenstadl beiseite, bleiben nach wie vor wunderbare Sätze mit einer großartigen Finesse und Schlagkraft, die klug und umweglos Emotionen transportieren, druckvoll und echt. Krispe Dialoge, ein fast völliges Ausbleiben von peinlichen oder falschen «Momenten» und eine kluge, bodenlose Geschichte, bei der sich befriedigenderweise Anfang und Ende die Hand schütteln, so dass man Special Topics gleich noch einmal lesen möchte, um all die versteckten Details im zweiten Durchgang noch besser genießen und entdecken zu können. Pessl ist sicherlich nicht ein ganz so loderndes Feuerwerk gelungen wie Jonathan Safran Foer mit Everything Is Illuminated, aber dennoch ein hypnotisches, hinreißendes Buch.

Ganz kurz die bei mir ja übliche Sache mit der Übersetzung. Ich befürchte, der Übersetzer wird mit dem Buch zu kämpfen gehabt haben. Der Stil und der Reichtum des Buches ist eine harte Nuss sein, und eigentlich müsste man – bewaffnet mit einem Arsenal an Büchern und einem übermenschlichen Wissen über die Buchkultur des 19. und 20. Jahrhunderts – alle Zitate, Andeutungen und Anspielungen nach verfolgen und aus der Quelle wieder korrekt einfügen, anstatt einfach platt den Original-text NEU zu übersetzen. Schwer, nicht unmöglich… aber bereits die Übersetzung des deutschen Titels gibt Anlass zu Sorge. Aus Special Topics in Calamity Science wurde Die alltägliche Physik der Unglücks. Was nicht nur deutlich weniger exzentrisch klingt, eher nach Frauenroman-Einerlei, was nicht nur die wunderbare Doppeldeutigkeit von Calamity etwas unterschlägt (Unglück klingt im Deutschen eben mehr nach Nicht-Glücklichsein als nach Unfall, Calamity ist schwebender), sondern vor allem aus SPECIAL TOPICS (also aus etwas besonderem) das ALLTÄGLICHE. Bei soviel geballter Inkompetenz in EINEM SATZ… mag ich nicht über das Buch als Ganzes nachdenken müssen.

24. Mai 2007 14:36 Uhr. Kategorie Buch. 2 Antworten.

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