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MACBETH


Neugierig geworden durch Joachim Lottmanns Artikel über das Regietheater, haben wir uns Jürgen Goschs skandalumwitterte Fassung von Shakespeares Macbeth im Düsseldorfer Schauspielhaus angesehen. Drei Stunden Theater bei eingeschaltetem Saallicht, ohne Pause… da wird die Kunst zur Anstrengung. Auf beiden Seiten. Goschs Fassung ist stressig für das Publikum, das hochkonzentriert drei Stunden dem komplexen Text folgen und dabei in dem minimalistischen Stück auf nahezu jede visuelle Hilfestellung verzichten muß und ebenso anstrengend für die Darsteller, die bis an die Grenze dessen gehen, was Menschen auf der Bühne leisten können. Da wird gerannt, gesungen, getanzt, werden Tische geworfen und zerschlagen, wird gemordet und mit Theaterblut gespritzt, bis die Darsteller mehrfach fast darin ausrutschen, die Texte werden mal aus vollem Halse gebrüllt, mal geflüstert. Körperlicher geht es kaum.

Das Manko vorweg… die Akustik im Haus ist so mies und Johannes Schütz karger schwarzer Bühnenkasten so hallig, daß man nicht selten Probleme hat, den Text akustisch zu verstehen. Auch die Tatsache, daß die verschiedenen Rollen nahezu nicht voneinander abgrenzbar sind, da die gleichen Darsteller mehrere, oft auch ähnliche, Figuren geben und nicht durch Kostüme unterscheidbar sind, sondern durch Blut und Mehl hinterher nahezu jede individuelle Unterscheidbarkeit jenseits der reinen Physiognomie verschwindet. Es lohnt sich also eigentlich, das Buch mit in die Aufführung zu nehmen, ansonsten wird es schwer dem Stoff zu folgen, wenn man nicht sehr textsicher ist. Für mich kam irgendwie abstruserweise erschwerend hinzu, daß ich Macbeth nur im Original kenne und insofern immer etwas mit der Eindeutschung zu kämpfen hatte…

Der Düsseldorfer Macbeth gilt als Schock-Theater und als eines der Beispiele die die eher konservativen Vertreter eines Pantoffel-Theaters gern zitieren, wenn sie vom ekeligen Trend des Regietheaters sprechen. Und es stimmt: Auf der Bühne stehen hier meist nackte Menschen, die (künstliche) Fäkalien verspritzen, minutenlang (künstliche) Furzgeräusche von sich geben, sich mit (Theater-)Blut und Mehl verunstalten und Lady Macbeth ist ein Mann in schlecht sitzenden Frauenklamotten. Ehrlich gesagt: ich selbst finde das wenig schockierend. Wer hier als Publikum angewidert rausgeht, sollte vielleicht den Musikantenstadl aufsuchen, wo die Suggestion der Heilen Welt noch mehr Bestand hat. Theater ist Kunst und bei Gosch ist daran kein Zweifel.

Denn tatsächlich ist die Wahl der stilistischen Mittel von der kargen Bühne aus sieben Tischen und einer Handvoll Stühle, die im Verlauf des Stückes mehr und mehr verwüstet und vernichtet wird, bis ein Schlachtfeld überbleibt, bis hin zur Transparenz der sich vor dem Publikum an- und ausziehenden Darsteller, niemals willkürlich. Es geht um ein Stück über Gewalt und Mord, Verdorbenheit und Korruption – und das veräußerlicht die Extreminszenierung einfach. «Fair is foul and foul is fair». So simpel ist das eigentlich. Selbst die Transen-Lady Macbeth ist stilsicher, schließlich wurden zur Zeit Shakespeares die Frauen als Hosenrolle gegeben – warum dann nicht einen Mann/Mann-Zungenkuß zeigen? Was Gosch zeigt, ist das Ur-Triebhafte, das Tierische, das Abnorme am Normalen. Und das paßt fast zu gut in eine Zeit, in der Krieg und Folter wieder kommode Mittel der Politik werden. Was ihm gelingt, und das ist keine Kleinigkeit, ist einem müde, zu vertraut gewordenen Stück wie Macbeth wieder Wut und Zorn und Hitze einzuhauchen, die phantastische boshafte Glut die das Original vielleicht einmal besaß, bevor es eine Nullnummer für Anglisten wurde. Es ist ein wahnhaftes, wütendes, tobendes, in jeder Sekunde hochpotentes und viriles Stück, das mehr Shakespeare in sich hat als jedes klassisches Kostümtheater jemals bieten kann.

Der Remix des Originalstoffes reichert ihn bei aller ästhetischen Kargheit – nackte Bühne, nackte Männer, kaum Zutaten, die man nicht im Baumarkt kriegen könnte, totaler Verzicht auf Theatermittel wie Musik, Licht oder einem echten Bühnenbild – mit feinem surrealem Humor à la Monty Pythons an wenn etwa Malcolm und Macduffs Männer als Birnamswald getarnt an Macbeths Schloß heranschleichen – bei Gosch eine wunderbare Sequenz, bei der die Darsteller dürre Theaterbäume auf die Bühne schleppen und einige Minuten lang nackt dahinterstehen und Tiergeräusche machen, um dann die Bäume wieder in den Backstageraum zu schleppen. Großartig. Auch, daß die stets auf tragisch angelegte Lady Macbeth zur tuntigtrunkenen Parodie vergeigt wird, zeigt die Selbstironie der Truppe um Jürgen Gosch. Permanent hinterfragt und demontiert Gosch jeden Anflug von allzuviel Ernsthaftigkeit, durch irritierende Pausen, durch absurde Einlagen, durch die über allem schwebende Transparenz der Darstellung, bei der die Actors auf Stühlen auf ihren nächsten Einsatz warten der sich umziehen. Etwas Mehl reicht für einen Geist, eine Pappkrone für einen König. Goschs Macbeth kannst du überall spielen, der braucht keine Bühne, der braucht nur Darsteller, die bis an den Rande ihrer Möglichkeiten zu gehen bereit sind. Wie Ernst Stötzner, den ich ja sowieso mag und der hier beweist, daß sich hinter der üblichen coolen Schnodderigkeit eben eine innere Wut und Kraft versteckt, die ihn als großen Darsteller kennzeichnet. Die Bühnenpräsenz von Stötzner ist einfach unwirklich. Aber auch die anderen Darsteller – Abendroth, Dannemann, Kampwirth, Mendroch Striesow und Wittmann – haben sichtlichen Spaß an der wütenden und anstrengenden Orgie, an der sie teilnehmen. Die stehen unschuldig schuldig in der Placenta des Bühnenbild, sieben Männer im Blut, Überlebende einer selbst angezettetelten Katastrophe.
Und anstrengend ist es, denn bei allem Humor ist da auf der anderen Seite die Gewalt. Macduffs Sohn stirbt in einer an Hitchcocks Torn Curtain erinnernden minutenlangen Gewaltszene, bleibt lange tot auf der Bühne liegen (um dann in einem grandiosen Moment epischen Theaters einfach aufzustehen und von der Bühne zu stiefeln). Der finale Kampf zwischen Macbeth und Macduff ist eine choreographiert wirkende Blutorgie, die an Polanskis Filmfassung erinnert. Das dabei ganz offen nicht wirklich mit den Theaterdolchen, sondern mit Flaschen voller Theaterblut gekämpft wird, das jede Suggestion von «Realität» ausgeschaltet bleibt, schafft die grandiose Doppelbödigkeit der Inszenierung, die eben gar nicht provozieren will und muß, sondern das Stück als kraftvolle Gewalt-Volte wieder restauriert und zugleich das Theater mit seinen eigenen Mitteln bloßstellt und so zu Metatheater wird.

Und das versteht vielleicht nicht jeder. Obwohl die Premiere ja nun schon einige Zeit her ist und sich ja doch herumgesprochen haben müßte das hier kein Kuscheltheater (Hallo Stefan Bachmann…) gegeben wird, marschieren immer noch Leute aus der Vorstellung. So viele, daß man sich fast fragt, ob es zur Vorführung gehört. Am Ende spaltet sich das Publikum fast symbolisch auf in den Teil der spontan langanhaltende standing ovations gibt (was ja schon bei Premieren keine Selbstverständlichkeit ist, viel weniger bei einer normalen Aufführung) und die nur als Ensemble sich verbeugenden Darsteller mit Hurrarufen immer wieder auf die Bühne zwingt und in den anderen Part, der kaum schnell genug das Haus verlassen kann und noch während des ersten Applauses schnell flüchtet.

Wer hätte das gedacht? Jürgen Gosch, der insgesamt zweimal beim Berliner Theatertreffen 2006 vertreten sein wird, ist es gelungen, mit Macbeth ein Theaterstück zu machen, daß oberflächlich nahezu alle Klischees miesen Pippikacka-Regietheaters der 60/70er erfüllt, ohne dabei je schlecht zu sein, ein Stück zu schaffen, daß wie auf Viagra gedopt daherkommt, wie ein bekokster Stier durch die Tür des Stadttheaters rammt und heißen Dampf schnaubt. Ein Stück, das fordernd ist, das spaltet.

Ein sauberes Stück Kunst, mit anderen Worten.

18. März 2006 15:26 Uhr. Kategorie Live. 2 Antworten.

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