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Lou Rhodes: One Good Thing

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Back to the Basics – Lou Rhodes inzwischen drittes Soloalbum fühlt sich in vielerlei Hinsicht wie eine Rückkehr an. Nicht nur zu Andy Barlow, ihrem alten Lamb-Partner, der hier nahezu unsichtbar als Co-Produzent mitwirkt, sondern auch zu dem reduzierten Klang ihres ersten Albums, zu einer fast völlig von Gitarre und Stimme getragenen Produktion, die nur durch dezente Streicher gesättigt ist. Rhodes entwickelt in der essentiellen Reduktion eine melancholische Kraft, die auch die sehr persönlichen Texte widerspiegeln, die sich mit Abschied, Tod, Einsamkeit und anderen, für Rhodes fast ungewöhnlich dunklen Themen auseinandersetzen, die weniger esoterisch, weniger lyrisch wirken als sonst, sondern direkter, weniger durchdacht – auch wenn Rhodes eben nicht Rhodes wäre, wenn nicht Optimismus und eine fast etwas naiv wirkende Selbsthilfe-Ebene in die Texte einfließen würde. Das war schon bei Lamb so (Bonfire, Little Things) und ist auch hier so (One Good Thing…) und schafft auch ein gesundes Gegengewicht, verleiht dem Album ein Gefühl davon, dass Rhodes hier in der Musik und den Texten ihre eigenen Probleme in den Griff zu kriegen versucht. Musikalisch ist das Erblühen von «Bloom», das mitunter ja fast wieder nach einer Band zu klingen versuchte, wieder einer reinen Singer-Songwriter-Einsamkeit gewichen. Das ist teilweise natürlich grandios, weil Rhodes hier fast eine an Joni Mitchell erinnernde Intensität erreicht, eine Nahaufnahme von Stimme und Seele, die persönlicher und minimalistischer nur denkbar wäre, wenn auch noch die gelegentliche minimalistischen Pulsbeats und Streicher verschwinden würde, die ein bisschen kammermusikalische Ummalung und Tiefe geben. Dieser Fokus auf Rhodes gibt dem Album eine Nacktheit, eine Intensität, die auch in Zeiten von flutartig erscheinenden Neo-Folk-Album selten ist. Die sogar etwas zu viel ist, mitunter. Man spürt, dass Rhodes jeder Abstand zu sich selbst, jede Selbstironie, abhand gekommen ist – One Good Thing nimmt sich selbst einen Hauch zu ernst, und muss leider ohne die musikalischen Kontrapunkte auskommen, die Lamb immer so einzigartig gemacht hat – wo Rhodes tiefe Ernsthaftigkeit und Über-Selbstreflexion auf Barlows humorige Klangkonstruktionen und überbordende Kreativität und Lebensfreude prallten. Rhodes überzeugt als Solo-Künstlerin absolut, aber mit dem dritten Album wird klar, dass ihre weitere Karriere Gefahr läuft, in der ehrlichen Einfachheit zu stagnieren. Was insofern schade wäre, als dass Rhodes als Komponistin und Instrumentalistin einen sehr beschränkten Horizont hat, den sie abwandert. Ihre Songs, selbst ihre Zupftechnik, das klingt alles sehr gleich und kann schon über ein Album kaum Spannung aufbauen, geschweige denn über drei. Und so klingt ein Lied ziemlich wie das andere, tatsächlich so gleich, dass man das Album stundenlang auf Repeat hören kann, ohne überhaupt zu bemerken, dass es sich wiederholt, weil man ohnehin einen durchgehenden Klangteppich sehr gleich strukturierter Songs hört, die sich in Textur und Stimmung kaum ändern. Und auch als Vokalistin hat es sich Rhodes in einer bestimmten Art von Stimmlage und Phrasierung bequem gemacht, diesem halsig hingehauchten Timbre und der immer gleichen Art, Strophen zu setzen. Und dieser Baukasten, so grandios er sein mag, endet immer in der gleichen Architektur, man mag das Stil nennen und mögen, man mag das auf Dauer aber auch so empfinden, dass man keine neuen Songs braucht, die unverwechselbar wie die vor drei Jahren klingen. Rhodes schreibt ein musikalisches Tagebuch – und vielleicht lenkt die kompositorische Iteration immer gleicher Harmonien und Läufe ja auch den Blick mehr auf die Texte -, aber dafür wieder fehlt es den Texten an der letzten inneren Tragik, der Größe, der Würde, die ich dann erwarte, wenn sie nicht mehr Beiwerk sind, sondern nackt im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Lou Rhodes ist eine grandiose Künstlerin, One Good Thing ein absolut kaufenswertes Album, und sie heute mit dem Ausnahmeprojekt Lamb zu vergleichen wäre sicher unfair. Aber es fällt auf, wie sehr Lamb von Neuerfindung, von innerer Unruhe, von der kreativen Spannung zwischen zwei Protagonisten gelebt hat, wie sehr Reibung, Eitelkeiten, Streit und Harmonie, Wechsel und individuelle Suchprozesse, die nicht zusammenzukommen scheinen, am Ende eben ein mehr als überzeugendes Gesamtbild ergeben, eine Gestalt, die eine einzelne Person nicht produzieren kann. Es ist die Krankheit zahlloser Soloalben von Künstlern, die entnervt den ständigen Abstimmungsprozessen und Reibungen ihrer Bands zu entkommen versuchen, um dann am Ende, bei sich selbst angekommen und auf sich selbst zurückgeworfen, irgendwie langweilig zu sein, ohne dass man genau festnageln könnte, was wie wo warum eigentlich fehlt, zumal es so homöopathisch wenig ist. Aber es fehlt eben etwas.

10. August 2010 08:54 Uhr. Kategorie Musik. Tag , .
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